Sobald ich die Specs von Dolby Vision 2 gesehen hatte, habe ich mir frustriert vor die Stirn geschlagen. Da gibt es doch tatsächlich ein Feature namens »Authentic Motion«, mit denen Filmemacher Zwischenbildberechnung pro Szene anpassen können.
Argh!
Wir hängen seit fast 130 Jahren bei zu wenigen FPS fest. Anstatt diese Tatsache endlich mal anzugehen und den veralteten Standard zu modernisieren. 1896 erschien der berühmte Clip der Lumière-Brüder mit dem einfahrenden Zug am Bahnhof La Ciotat.
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Achtung, Spoiler-Alarm, seither hat sich einiges verändert:
- Deutschland ist kein Kaiserreich mehr.
- Wir haben flächendeckende Elektrizität.
- Das Automobil wurde erfunden.
- Wir sind zum Mond gereist.
- Albert Einstein hat die Relativitätstheorie begründet.
Aber wir schauen Filme immer noch mit 24 FPS? Euer Ernst?
Authentic Motion: Ein Workaround für ein Problem, das es nicht geben dürfte
Nichts macht mich narrischer, als um ein Problem herumzuzirkeln, das eigentlich schon längst der Vergangenheit angehört. Wie, wenn der Chef ein Fax verlangt, wenn man ihm doch eigentlich eine E-Mail schicken könnte.
Nichts anderes ist Authentic Motion. Und ich gehe sogar noch einen Schritt weiter.
Wie absolut seltsam würde es sich anfühlen, wenn auf einmal einzelne Szenen eines Films mit 48 oder 60 FPS ablaufen würden? Das würde komplett mit der Immersion brechen, denn es fällt sofort auf.
Nein, wenn wir die Bilder pro Sekunde erhöhen, dann bitte flächendeckend und für den gesamten Film.
Die Technik kann’s leisten
Das ist für mich vermutlich das Ärgerlichste an der ganzen Sache: Fernseher sind seit Jahren in der Lage, mehr FPS anzuzeigen.
- Sendet eine Quelle mit 60 FPS, kann ein TV mit 60 Hertz diese verarbeiten.
Ratet doch mal, seit wann es TVs mit 60 Hertz gibt. Seit 1941 die NTSC-Norm in den USA festgelegt wurde (via Wikipedia) – das sind 84 Jahre!
Es wird noch absurder, wenn man bedenkt, dass unsere Fernseher mittlerweile fast alle mit 120-Hz-Displays ausgestattet sind, manche sogar mit 144 Hz.
Um euch für den weiteren Verlauf des Artikels abzuholen, hier ein Bild-zu-Bild-Vergleich von 24 FPS zu 60 FPS.
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Bei Videospielen geht’s doch auch
Für mich wird die ganze Situation noch abstruser, wenn man bedenkt, dass Spielerinnen und Spieler eigentlich nichts anfassen wollen, das weniger als 60 FPS hat. Das haben wir selbst in einer Umfrage festgestellt, an der 12.708 GameStar-Nutzerinnen und -Nutzer teilgenommen haben.
- Mit gewaltigem Abstand wollen 45 Prozent (5.663 Menschen) von euch mindestens 60 FPS beim Zocken, damit sich das Erlebnis ausreichend flüssig anfühlt.
- Winzigen 1 Prozent (94 Menschen) reichen 24 Bilder pro Sekunde.
Ich frage mich ernsthaft: Wieso sind FPS bei Spielen so ein gigantisches Thema, bei Filmen und Serien aber nicht?
- Beide Medien bieten Realitätsflucht und sollen unterhalten.
- Beide Medien sollen viel Immersion bieten.
- Beide Medien schaut man auf LCD- oder OLED-Displays.
Bis auf die Tatsache, dass man bei Videospielen selbst steuert, gibt es keinen Unterschied zu Filmen oder Serien. Und dass die aktive Komponente das Zünglein an der Waage sein soll, das will ich nicht glauben.
Gewohnheit und eine faule Ausrede
Mir ist klar, dass bei Inhalten mit mehr als 24 FPS jemand den ersten Schritt machen muss. Hier sind wir bei einem Henne-Ei-Problem.
- Bietet Hollywood zuerst Filme mit mehr FPS an? Das ist mit dem Hobbit, Die irre Heldentour des Billy Lynn oder Gemini Man bereits passiert.
- Bieten Tech-Riesen zuerst Technik an, die mehr FPS größeren Raum bieten? Allerspätestens mit 100-Hz- oder 120-Hz-TVs ist das passiert.
Als LG 2018 Fernseher mit HFR-Feature (High Frame Rate) auf den Markt brachte, war ich euphorisch. Klar, wurde nicht großartig beworben, aber es war zumindest ein Schritt in die richtige Richtung.
Am Ende sind sowohl HFR-Filme als auch HFR-TVs im Sande verlaufen. Letztere Funktion haben Modelle zwar immer noch integriert, es nutzt die bloß niemand.
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The Last of Us Part 2 Remastered Gameplay - So spielt sich der geniale Port mit Maus und 200 FPS
Das Totschlagargument der 24-FPS-Verfechter ist immer dasselbe: Die Magie des Films muss bestehen bleiben.
Das ist kompletter Unsinn und nicht mehr als eine Ausrede.
Natürlich sind mehr FPS erst mal ungewohnt, genauso ungewohnt, wie wenn man ein Pferd gegen ein Automobil tauscht, man das erste Mal fliegt oder Elektrizität aus der Wand kommt.
Am Ende des Tages ist es nämlich bloß Gewohnheit – und zwar eine, dank der wir immer noch 100 Jahre in der Vergangenheit festhängen. Filme oder Serien müssen mit ihrem Inhalt überzeugen und nicht, ob sie sich wegen mehr Bildern pro Sekunde »komisch« anfühlen. Hier muss die Logik über die Emotion triumphieren.
Darum fordere ich mehr FPS bei Filmen und Serien
Die Magie des Films ist keine quantifizierbare Einheit, 48/60 FPS allerdings schon und damit würden wir schlicht und ergreifend qualitativ bessere Ergebnisse bekommen.
- Kein Screen Tearing mehr. Durch die mindestens doppelte Anzahl an Bildern reißt kein Bild mehr, alles wäre butterweich.
- Man könnte bei Kamerafahrten endlich etwas sehen, denn entweder wird alles matschig und verwaschen, oder das Bild ruckelt wegen der Diskrepanz zwischen (100/120/144 Hz-)Display und 24-FPS-Film.
- Action zum Luftanhalten. Gerade handgemachte Action profitiert immens, weil sie durch die vielen Bilder deutlich unmittelbarer wirkt. Das hat Gemini Man mit seinen 120 FPS seiner Zeit bewiesen.
So und jetzt schaut euch doch bitte mal den einfahrenden Zug von oben hochgerechnet auf 4K mit 60 FPS und sagt mir, dass das nicht besser aussieht.
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- Ich habe gefragt, ob ihr Filme mit mehr FPS wollt und das Ergebnis der Umfrage überrascht mich ernsthaft
- Eine TV-Einstellung kann schuld sein, dass Filme und Serien auf eurem Fernseher billig aussehen – oder Netflix
Nostalgie ist eine verdammt gutes Rauschmittel und selten wird das so klar wie bei der Magie des Films. Durch die reine Gewohnheit der Zuschauerinnen und Zuschauern sind wir bei 24 FPS kleben geblieben. Filmstudios packen Filme mit mehr Bildern pro Sekunde mit der Kneifzange nicht mehr an, weil die Gegenreaktionen bisher stark negativ ausgefallen sind.
Würden wir immer nur auf unsere Gefühle hören, würden wir immer noch im Kerzenschein mit der Kutsche auf die Arbeit fahren und glauben, der Mond sei aus Käse.








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