Was – oder wer – trieb sich im Erdorbit herum, bevor wir mit Sputnik 1 (1957) den ersten Satelliten starteten? Die logische Antwort lautet »nichts oder niemand« – und doch beschäftigt ein Rätsel seit Jahrzehnten Forscher. Denn auf den ältesten Fotoplatten, die Observatorien mit Aufnahmen des Kosmos belichteten, tauchen Unregelmäßigkeiten auf: Punkte, die auf der einen Aufnahme da und nur Minuten später spurlos verschwunden sind.
Es gibt bis heute keine abschließende Erklärung, doch wir kennen Spuren, die zu möglichen führen. Sie brauchen weder stellare Phänomene noch Aliens in Nah oder Fern. Stattdessen mischen Atombombentests auf höchst irdische Weise über die Papierindustrie mit.
Prolog in New Mexico
Wir schreiben den 16. Juli 1945. Heute erblickt die Menschheit erstmals das Höllenfeuer, zu dem das Manhattan Project das Tor aufstößt. Die erste Atombombe zündet als Teil des Testlaufs »Trinity«.
Über New Mexico steigt der ikonische Pilz auf – er sollte nicht der einzige bleiben. Immer wieder reißen in den Folgejahren atomare Explosionen Material mit sich und verteilen es mitsamt der Spaltungsprodukte in der Umgebung. Für uns jetzt relevant ist der Staub, den es in die Ferne verschlug. Wir folgen ihm auf seinem Weg bis zu einem unerwarteten Ort – und letztendlich bis zu den berüchtigten Fotoplatten (via nature, historyfacts und orau).
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Das sind unsere Botschafter für die Ewigkeit jenseits des Sonnensystems - mit an Bord Clyde Tombaugh
Eine Papiermühle und das Palomar Observatorium
Einige Jahre später beginnen nämlich nichtsahnende Forscher mit der bis dahin größten geordneten fotografischen Erfassung des Nachthimmels. Sie läuft von 1949 bis in die späten 1950er und nannte sich Palomar Observatory Sky Survey oder in aller Kürze POSS.
Abseits der Abertausenden von Sternen schmücken allerlei jener auf mysteriöse Weise auftauchenden und dann wieder verschwindenden Punkte die Fotoplatten. Astronomen taufen sie rasch auf den Namen »Transienten«. Sie ahnen nicht, dass der Urheber der Lichter längst im Müll auf dem Hinterhof der Forschungsanstalt liegen könnte: Verpackungen aus Kartonpapier, genauer Strohpappe.
In ihr stecken winzige Abfallprodukte, die unvermeidbar bei der Kettenreaktion der schweren Uran- oder Plutoniumatome übrig bleiben. Ein Teil davon gelangt in Gewässer und reist darin bis zu einer Papiermühle in Vincennes (Indiana) am Wabash River – mehr als 2.000 Kilometer von New Mexico entfernt.
Hier nutzte es die Fabrik zur Herstellung von Strohpappe – verwebt in ihrer Struktur finden sich rasch unsere radioaktiven Stoffe – einer der Käufer heißt Kodak und er stellt Fotoplatten her. Der Karton dient als Verpackung, in der sie der bekannte Konzern sie auch den Forschern des Palomar Observatory Sky Survey lieferte.
Sobald die empfindlichen Fotoplatten aber mit dem leicht strahlenden, nicht gesundheitsgefährdenden, Papier in Kontakt kommen, verursacht die Strahlung neblige Flecken, wie im Nachgang eine damalige Studie herausfand. Natürliche Radioaktivität konnten die Forscher anhand von Analysen ausschließen.
Zumindest einige der verwirrenden Sichtungen auf den Platten können so erklärt werden, wie viele genau? Unklar, aber nicht alle. Doch bleibt strahlender Staub längst nicht die einzige mögliche Verbindung zwischen POSS und Atombomben.
Strahlung nach Tests
Über Verunreinigungen hinaus könnten Explosionen von Atombomben aber auch künstliche Pseudo-Sterne in unserer Atmosphäre erschaffen haben. Denn wie eine weitere Studie aufzeigt, stehen die verschwindenden Lichter in einem statistisch relevanten Zusammenhang mit Testzündungen, die durchgängig während des POSS-Programmes in den 1950ern stattfanden.
Bei der Analyse von Transienten stellte sich heraus, dass diese innerhalb der 24 Stunden nach einer nuklearen Probeexplosion 45 Prozent häufiger auftraten. Eine mögliche Erklärung versteckt sich hinter dem Namen »Tscherenkow-Strahlung«.
Diese zeigt sich durch ein bläuliches Leuchten und entsteht, wenn geladene Teilchen – wie sie bei Atomtests in alle Richtungen fortschießen – ein lichtdurchlässiges Medium durchqueren.
Allerdings muss für das charakteristische Glühen eine Bedingung zutreffen: Das Teilchen bewegt sich schneller, als sich das Licht (Photonen) in dem Medium ausbreiten kann. Ein mögliches Beispiel hierfür wäre mit Wasser gesättigte Luft. Licht wird in dem Fall nämlich ausgebremst und kann von hochenergetischen Teilchen überholt werden.
Aliens à dieu?
Trotz jahrelanger Forschung besteht das Rätsel weiter. Wir können viele, aber nicht alle Transienten erklären. Abseits von Effekten in der Atmosphäre oder Plattenfehlern braucht es alternative Ursprünge. Manche abtauchenden Lichter entziehen sich bis heute einer vollständigen, zweifelsfreien Erklärung.
Es bleiben also Fragen, und eine mögliche Antwort lautet auch heute noch: Es hielten sich künstliche Objekte im Orbit der Erde auf, die das Sonnenlicht reflektierten. Kurzzeitig, wenn der Winkel zwischen Kamera, Erde und Sonne passt, hätten sie theoretisch Spuren von Lichtblitzen auf den Fotoplatten hinterlassen können. Der Gedanke lässt auch eine der beteiligten Wissenschaftlerinnen, Dr. Beatriz Villarroel, über die Implikationen nachdenken:
Wenn auch nur eines dieser Objekte tatsächlich spurlos verschwunden ist, wäre das eine der aufregendsten Entdeckungen der modernen Astronomie.
Einschätzung der Redaktion:
Gerald Weßel: Als Wissenschaftsjournalist möchte ich stets den Kopf einziehen, wenn die Wörter Aliens, UFO oder neuerdings UAP für Unidentified Anomalous Phenomena
ernsthaft in den Ring einer Konversation unter Forschern fliegen. Doch sehen wir uns in diesem Fall keiner Spinnerei gegenüber – die Transienten bleiben vereinzelt auch nach mehr als 70 Jahren unerklärt. Hier deutet niemand vermeintlich mysteriöse Muster auf dem Mars als Aliengebäude, wie ich für euch in diesem Artikel ausführlich gezeigt habe.
Und natürlich hat Dr. Villarroel recht. Allein der Gedanke von außerirdischen Besuchern, die die an der Schwelle zum Atomzeitalter stehende Menschheit beobachten, verdient mehr als nur einen SciFi-Roman – oder würde als bewiesenes Ereignis unsere Wahrnehmung vom Universum auf ewig verändern.
Glaube ich persönlich, dass da wirklich Aliensonden um die Erde kreisten? Nein, aber die seriöse Diskussion um und Arbeit zu dem Thema zeigt Wissenschaft, wie sie sein soll: ergebnisoffen, mit Herz, aber vor allem Verstand, geleitet von einem klaren Ethos – wie es zum Beispiel auch der Astronom David Kipping vor Kurzem beweisen musste.
Gerne steige ich in den kommenden Wochen erneut in dieses Thema ein und erläutere euch weitere Konzepte dahinter und welche Rolle inzwischen auch ein Observatorium aus Hamburg hierbei spielt.
Hättet ihr Spaß an dem Exkurs auf der Suche nach der Ursache für verschwindende Lichtblitze auf Fotoplatten? Schreibt es mir gerne in die Kommentare!
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