Zwei-Klassen-Gesellschaft, jetzt auch im Spiel
Entwarnung: Aller Voraussicht nach dürfen Basis-Käufer (nennen wir sie doch einfach »arme Schlucker«) in andere Geschäfte rein, die Zugriff auf die gleichen Features bieten, nur eben mit geringerer Auswahl an Frisuren, Tattoos und Co. Trotzdem hinterlässt die Taktik, bestimmte Gebäude nur Ultimate-Käufern (»Premium-Kunden«) zugänglich zu machen, bei mir einen üblen Nachgeschmack.
Es erinnert mich an die kleine Nachricht, die damals in Dragon Age: Origins aufploppte, wenn man den DLC Warden's Keep nicht gekauft hatte und zu der damit verbundenen Quest aufbrechen wollte. »Dieses Gebiet ist nur für DLC-Käufer zugänglich« oder so ähnlich hieß es damals. GTA 6 kehrt zu dieser psychologischen Kriegsführung im Spieldesign zurück: Bist du zu arm, kommst du nicht rein.
Ob Tattoos oder Tuning, mehr Varianz und Optionen lässt sich GTA 6 extra bezahlen.
Gleich zwei exklusive Tuning-Werkstätten gibt's für Premium-Kunden von GTA 6, die 20 Euro Aufpreis müssen sich ja schließlich lohnen. Und weil es zum schlechten »Wir entwickeln Missionen nur für zahlungskräftigere Spieler«-Ton gehört, sind in den knapp 100 Euro auch noch ein ganzer Gang-Krieg und eine exklusive Auftragskette mit Oldtimer-Fahrzeugen enthalten, die ihr wie die Scheunenfunde in Forza Horizon aufmöbeln müsst.
Wer wird sich angesichts dieses massiven Aufgebots an Extra-Inhalten (den Gratismonat bei GTA+ habe ich noch gar nicht erwähnt) tatsächlich noch mit der Basisversion für rund 80 Euro zufriedengeben?
3:37
GTA 6 vs. PC-Spieler: Schon wieder sind wir Spieler zweiter Klasse
Der Hype frisst den Protest
Bei GameStar haben wir in der Vergangenheit schon oft vor dem Vorbestellen gewarnt. Denn es handelt sich dabei um eine Praktik, die ausschließlich Publisher glücklich macht. Eine, die angesichts des Verzichts auf eine physische Disc-Edition im Fall von GTA 6 sogar noch weniger Sinn ergibt als ohnehin schon. Allenfalls das Preload-Argument lasse ich in diesem Fall gelten, denn der findet für Vorbesteller tatsächlich schon eine Woche vor Release statt.
Aber ich bin mir sicher: Diese Strategie wird Erfolg haben, weil bei Rockstar Games schon immer andere Gesetze gegolten haben. Der Hunger nach diesem Spiel ist nach all den Jahren des Wartens so gigantisch, dass sich Kritiker vor dem Konsolen-Release den Mund fusselig reden können: Wer GTA-Fan ist, schlägt zu. Kein Zögern. Keine Fragen.
Genau darauf spekuliert Take-Two. Selbst wenn manch einer in Foren oder auf Social Media jetzt über die Ultimate Edition schimpfen mag: Am Ende werden sehr viele von ihnen in den sauren Apfel beißen. Sie werden die Ultimate Edition erwerben, um am 19. November 2026 auf der PlayStation 5 oder der Xbox Series X/S das uneingeschränkte Abenteuer zu starten.
Andere beginnen schon jetzt damit, den Preis zu verteidigen: Ein mutmaßliches Jahrhundertspiel wie GTA 6 sei eben den Aufpreis wert und überhaupt sei der kleine Unterschied nach mehr als 13 Jahren Wartezeit auf den neuen Teil ja nun auch schon egal.
Ich glaube: Später wird sich dieses Szenario auf dem PC exakt so wiederholen. Und auch anderswo: Die Publisher-Kollegen von Take-Two werden sehr genau beobachten, wie Käufer auf die beschnittene Standardversion von GTA 6 reagieren.
Schon lange wird mit DLC-Extras und exklusiven Vorabzugängen (Advanced Access) versucht, möglichst viel Kasse zu machen, ohne die magische Grenze von 60 bis 80 Euro beim nominellen Verkaufspreis zu überspringen - die besonderen Editionen sind es, für die Premium-Käufer zusätzliches Geld auf den Tisch legen.
Früher waren das vor allem Collector's Editions mit physischen Extras wie Statuen oder Karten. Heute reichen künstlich verknappte digitale Zusätze, um die Erlöse zu steigern, Oder, wie im Fall von GTA 6 nun noch offensichtlicher wird, das Entfernen von Inhalten aus dem günstigeren Hauptspiel.
Ich ziehe meinen Hut vor so viel geschäftlicher Kaltblütigkeit, auch wenn ich mich davon abgestoßen fühle.
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