Eine zwölf Jahre alte Sonde brachte uns außerirdisches Gestein, doch statt der Rente wartet nun ein neues Abenteuer – und das gewinnt zunehmend an Brisanz

Die Mission von Hayabusa2 war beendet, ihre Pension stand an. Da bot sich eine einzigartige Chance – doch ihre letzte Reise wird gefährlicher als gedacht.

Eine Sonde macht Überstunden. Fernab der Erde soll Hayabuse2# etwas wagen, woran sich zuvor noch nie ein Raumfahrzeug der Menschheit versuchte.
(Bildquelle: DLR (CC-BY 3.0)) Eine Sonde macht Überstunden. Fernab der Erde soll Hayabuse2# etwas wagen, woran sich zuvor noch nie ein Raumfahrzeug der Menschheit versuchte. (Bildquelle: DLR (CC-BY 3.0))

Solch ein Paket brachte noch nie zuvor jemand zur Erde. Die Sonde Hayabusa2 lieferte uns außerirdische Materie frei Haus, als sie 2020 nach sechsjähriger Reise heimkehrte. Die unbezahlbare Fracht war abgeliefert, alles schien beendet.

Doch anstatt in einem Friedhofsorbit abgeschaltet auszuharren oder während eines Deorbits in der Atmosphäre zu verglühen, erhielt sie neue Befehle – durch die sie in einigen Jahren erneut die Schlagzeilen zieren wird.

Neue Informationen eröffnen uns erst jetzt, welch gigantische Aufgabe wir unserer tapferen Forscherin auferlegt haben.

Die ursprüngliche Mission von Hayabusa2

Hayabusa2 brachte der Wissenschaft erhebliche Mengen an bis dahin unbekannten Daten – und außerirdische Materie. 2018 hatte sie den Asteroiden Ryugu besucht, zwei Lander abgesetzt und war zweimal selbst gelandet, um Gesteinsproben aufzusammeln. Diese transportierte sie zurück zur Erde, wo sie 2020 eintraf.

Über die Ergebnisse berichteten wir euch bereits, denn bei den folgenden Analysen im Labor ergab sich eine unerwartet enge Verwandtschaft einiger Himmelskörper.

Eine neue Mission

Das Hauptziel ihrer erweiterten Mission lautet: Fliege zum Asteroiden 1998 KY26 und trete im Juli 2031 in einen Orbit um ihn ein. Im Anschluss untersuche ihn mit allen verfügbaren Messinstrumenten.

Angedacht ist ein Kiss-and-Go, wobei die Sonde für eine momentan nicht näher definierte Zeitspanne aufsetzt, Analysen vornimmt und wieder abhebt – sie tastet sich quasi nur einmal sanft an einem kleinen Abschnitt der Oberfläche entlang.

Die exakte Aufgabenliste vor Ort wird dabei von den schließlich vorgefundenen Gegebenheiten abhängen – dazu gleich mehr. Der neue Einsatz brachte ihr sogar einen neuen Namen ein: Hayabusa2# (sprich Hayabusa2-SHARP).

Auf dem Weg fliegt sie am Asteroiden Torifune sowie zweimal an der Erde vorbei – bei letzteren handelt es sich um sogenannte Swing-bys. Durch sie holt die Sonde Schwung.

Die Forscher warten derweil aber nicht bloß ab, sie studieren das finale Ziel der Mission weiter aus der Ferne – mit überraschenden Ergebnissen. Ein Blick mit dem Very Large Telescope (VLT) des European Southern Observatory (ESO) lässt jetzt aufhorchen:

Wir mussten erkennen, dass die Realität komplett anders ist, als sie bisher schien.

Toni Santana-Ros, Forscher von der Universität Barcelona, Spanien

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Ein unerreichbares Ziel?

Denn 1998 KY26 ist mit 11 Metern im Durchmesser geradezu winzig – nur wenig größer als Hayabusa2# selbst. Obendrein rotiert der Asteroid deutlich schneller als bisherige Daten nahelegten. Ein Tag auf ihm dauert nur fünf Minuten. Bisher gingen wir von 30 Metern und einer etwa halb so raschen Rotation aus.

Anhand der neuen Daten nehmen die Forscher nach wie vor an, es handele sich um einen festen Gesteinskörper. Indes gilt das nicht als sicher. Eventuell sieht sich Hayabusa2# bei Ankunft auch einem nur lose zusammenhängenden, unregelmäßig geformten Objekt aus Geröll gegenüber.

Bisher haben wir keinen solch kleinen Asteroiden aus der Nähe studiert. Ryugu, das Ziel während der ursprünglichen Mission, misst beispielsweise etwa 900 Meter an der längsten Stelle.

Das sich anbahnende Szenario stellt Hayabusa2# nun voraussichtlich vor eine schwierige Aufgabe. Denn obschon sie ein ähnliches Manöver während ihrer ersten Mission bereits ausgeführt hat, breitet sich 2031 ein weit gefährlicheres Terrain vor ihr aus: geringe Größe, die ungewisse Form sowie Zusammensetzung und die Eigenbewegung von 1998 KY26.

Ob die Sonde im letzten Akt ihrer Geschichte überhaupt aufsetzen kann, ist damit völlig offen.

Wir wissen nicht wirklich, was wir zu erwarten haben oder geschweige denn, wie genau es aussehen wird.

Santana-Ros, Universität von Barcelona


Aber gerade, weil der Asteroid solch ein für uns neuartiges Objekt ist, versprechen sich die Wissenschaftler eine Vielzahl von Erkenntnissen.

Untersuchungen aus der Nähe oder gar von seiner Oberfläche eröffnen uns erstmals einen echten Eindruck von den kleinsten Objekten im Sonnensystem. Solch Wissen nützt etlichen Feldern:

Derweil stellt Hayabusa2# auf alle Fälle einen neuen Rekord auf: Bereits jetzt gilt die Laufzeit ihrer Systeme, allen voran ihrer Antriebe, als beachtlich. Wenn sie 2031 mit 1998 KY26 zusammentrifft, setzt sie mit 16,5 Jahren Nutzung neue Maßstäbe für langlebige Ionentriebwerks-Missionen.

Während dieser Zeitspanne feuerten die Düsen aber nicht fortwährend, sondern nur bei Kursänderungen.
Es lag also noch nie eine derart lange Zeitspanne zwischen erster und wahrscheinlich dann letzter Zündung.

Danach wartet wohl der Ruhestand. Die Treibstoffreserven an Xenon sind aller Voraussicht nach dann aufgebraucht, sodass die Sonde wohl in einem Orbit bleibt.

Wobei sich der als nicht dauerhaft stabil erweisen dürfte. Irgendwann stürzt Hayabusa2# auf den Asteroiden oder driftet ins All fort, wo sie für eine ungewisse, schier ewige Zeitspanne herumtreibt.

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