Im Juli 2026 sorgte das ZDF mit einer Reportage zur Deutschen Bahn für Aufsehen. In Am Puls mit Dunja Hayali – Unsere Bahn: geliebt, verflucht – gefährlich
beleuchtet Journalistin Hayali den technischen und strukturellen Zustand der Deutschen Bahn. Dabei stößt sie auf eklatante Mängel im System, die schon Menschen das Leben gekostet haben.
Am Ende bleibt vor allem eines: Ratlosigkeit. Wie kann es sein, dass noch immer uralt
-Technik aus den 70ern in Modernisierungen
bei Strecken und Co. verbaut wird, anstatt auf längst vorhandene Neuerungen zu setzen?
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Mit Train Sim World 7 könnt ihr bald wieder zeigen, ob ihr es besser könnt als die Deutsche Bahn
Betonkrebs
!?
Nicht bloß die Moderatorin bleibt frustriert zurück – auch ich habe mir die Reportage angesehen und war zum Schluss fassungslos und vor allem besorgt.
Als regelmäßige Bahn-Fahrerin waren mir auch schon vor dem ZDF-Beitrag die offenkundigen Defizite der Deutschen Bahn bewusst. Ich habe vor einigen Wochen selbst einen Artikel über die fehlgeschlagene Digitalisierung via App und mangelhaften Technologisierungen in Zügen geschrieben:
Verspätungen, verdreckte Toiletten ohne Wasser und Seife und ein teils unhaltbarer Zustand für Menschen im Rollstuhl und andere Personen. Das kannte ich alles. Betonkrebs
(Risse in den Betonschwellen der Gleise) und Schaltsysteme aus den 70er Jahren – das war mir neu.
Die Bahn setzte das ZDF nach der Ausstrahlung gewaltig unter Druck und verlangte unter Androhung rechtlicher Schritte die Löschung aus der Mediathek. Das ZDF passte daraufhin zwei Punkte in der Reportage an (hier beim ZDF in der Ergänzung unten im Text nachzulesen). Das reichte der Bahn jedoch nicht. Das Unternehmen pochte darauf, dass das gesamte Video offline genommen werden soll. Das ZDF weigerte sich. Bis heute ist das Video in der ZDF-Mediatek kostenlos abrufbar.
Trotz der enormen Empörung bei der Bahn wurde Anfang September 2026 bekannt gegeben, dass man keine weiteren rechtlichen Schritte unternehmen wird. Somit dürfte die Angelegenheit vorerst geklärt sein.
Dass es der Bahn jedoch mehrere Monate lang ein großes Anliegen war, die Doku verschwinden zu lassen, ist kein Wunder:
Auch Wochen nachdem ich die Reportage gesehen habe, ist mir ein wenig unwohl bei jedem Besteigen eines Zuges. Ich schaue mir am Bahnhof unwillkürlich die Betonstreben zwischen den Gleisen an und denke an den berüchtigten Betonkrebs
, der dafür sorgte, dass mehrere Menschen bei einem Bahnunfall gestorben sind.
Dennoch fahre ich weiterhin mit dem Zug. Zum einen, weil ich momentan kaum eine andere Wahl habe, zum anderen, weil ich Zugfahren eigentlich liebe. Ich kann einsteigen und muss mich um nichts weiter kümmern, kann lesen, arbeiten oder entspannen.
Das ist legit dieselbe Technik!
Neulich bin ich über den YouTube-Kanal Staiy reagiert
auf eine besondere Peter-Lustig-Folge gestoßen: Pusteblume, Folge 20 Geschichten von der Eisenbahn
von 1980.
Direkt die erste Szene sorgt beim Streamer für Belustigung: Tja, da ist Peter wohl zu spät gekommen, weil der Zug pünktlich am Gleis stand
. Zu sehen ist Peter Lustig, wie er zu einem bereits losfahrenden Zug eilt, ihn aber nicht mehr erwischt.
Statt nostalgischer Faszination stellt sich nach wenigen Minuten ein echter Schockmoment ein. Nicht nur bei mir, auch Staiy reagiert teils belustigt, teils betroffen: Kennt ihr das Pult übrigens?
, fragt er sein Publikum im Live-Chat. Zu sehen ist Peter Lustig, wie er sich mit einem Bahnangestellten in dessen Zentrale unterhält.
Ja, ich kenne das Pult, denke ich mir. Und zwar aus der Doku von Hayali, von 2026! Der Streamer überlegt, von wann die Pusteblume-Folge ist. Ich glaube, das müsste Anfang der 90er, Ende der 80er aufgenommen worden sein
, vermutet er und liegt damit goldrichtig.
Was in Pusteblume 1980 als moderne Technik dargestellt wird, ist heute 46 Jahre alt – und noch immer im täglichen Einsatz.
Peter Lustig geht weiter seinem Auftrag nach und landet in der Kabine des Fahrdienstleiters. Erneut sind Schaltpulte zu sehen. Stelltische
nennt der Fahrdienstleiter die. Ich finde, dass diese Stelltische ebenfalls sehr nach Technik aus Hayalis Reportage aussehen.
Auch der Streamer stellt fest: Das ist legit dieselbe Technik! […] Das ist das, was wir vorhin gesehen haben. In der Doku von der Bahn
. Er bezieht sich dabei ebenfalls auf die ZDF-Doku mit Hayali, auf die er wohl zuvor reagiert hat.
Link zum YouTube-Inhalt
Warum sich die Bilder so ähneln
Wie kann es sein, dass die Technik in beiden Sendeformaten so gleich aussieht? Die Antwort ist einfach und erschreckend: Weil es tatsächlich dieselbe Technik ist. Die Deutsche Bahn betreibt in ganz Deutschland weiterhin Hunderte Relaisstellwerke, die in den 1960er- bis 1980er-Jahren verbaut wurden.
Da die Umstellung auf elektronische (ESTW) und digitale Stellwerke (DSTW) nur äußerst schleppend vorangetrieben wird, sieht die Arbeitsumgebung der Fahrdienstleiter in vielen Bahnhöfen heute noch exakt so aus wie zur Zeit der Dreharbeiten mit Peter Lustig.
Was Hayali in ihrer Dokumentation anprangert, bekommt durch diesen unfreiwilligen Flashback ins Jahr 1980 eine völlig neue Dimension.
Es hat etwas von Realsatire: Peter Lustig erklärt vor 46 Jahren Kindern, wie die einst hochmoderne Bahn in Deutschland funktioniert. Was er damals zeigte, war der Stolz deutscher Ingenieurskunst.
Heute, fast ein halbes Jahrhundert später, sitzen Fahrdienstleiter immer noch vor genau diesen Schaltpulten und Bedieninstrumenten. Nur 2026 ist das kein Kinderfernsehen mehr, sondern das Material für investigative Krisen-Reportagen.
Wenn der ICE das nächste Mal wegen einer Signalstörung auf freier Strecke hält, weiß ich zumindest, warum: Irgendwo in Deutschland drückt gerade ein gestresster Bahnmitarbeiter auf ein gelbes Plastikknöpfchen aus den 70er-Jahren, oder irgendwie so etwas in der Art.
Peter Lustig verabschiedete sich in jeder Sendung mit seinem berühmten Spruch: Ihr könnt jetzt abschalten
. Liebe Deutsche Bahn, es wird Zeit, endlich auf Peter zu hören: Schaltet diese Museums-Technik ab. Die Nachfolger stehen seit Jahren bereit, wie auch Hayali in ihrer Reportage zeigt.
