Der öffentliche Nahverkehr wird den meisten von euch nicht unbedingt als das Paradebeispiel für verstärkte Digitalisierung im Kopf hängen. Mir persönlich ist er aber, seit ich ihn häufiger nutze, verstärkt ein Dorn im Auge. Um euch zu zeigen, warum das so ist, nehme ich euch mit auf ein paar meiner Bus- und Bahnfahrten durch Deutschland.
Ich bin gespannt, ob ihr mir am Ende meiner Kolumne zustimmt, wenn ich sage, dass öffentliche Verkehrsmittel mehr digitale Entgiftung betreiben sollten.
Zwischen Reiselust und Technikfrust
Während ich diesen Artikel schreibe, sitze ich im Zug nach Halle (Saale). Ich kritzle mit dem Kugelschreiber meine Gedanken in einen alten Taschenkalender, den ich vor Jahren geschenkt bekommen habe. Dachte mir, es wäre sinnvoll, direkt beim Reisen schon am Artikel zu schreiben. Dann sind die Eindrücke live und frischer.
Ich bin noch immer einer dieser Menschen, die immer einen Kulli und irgendetwas aus Papier zum Schreiben in der Tasche haben.
Mir gegenüber sitzt jemand und liest etwas auf einem Tablet. Hinter mir telefoniert einer, ein anderer schaut bei eingeschaltetem Ton TikTok-Videos auf dem Smartphone.
Und ich? Ich sitze hier und schreibe in einem Razer-Kalender von 2022. Auf Papier. Mit einem ollen Kugelschreiber, bei dem sich die Beschriftung löst.
Ich werde heute mehrere Stunden unterwegs sein. Mein Rucksack ist vollgepackt für den Tagestrip. Bei mir habe ich drei Telefone. Ja, ich sage Telefon
zum Handy, wofür mich meine Kollegen (nicht böse gemeint) belächeln.
Ich habe also alle drei dabei. Mein Nelephone für die Erreichbarkeit, mein Klapphandy für die Zuverlässigkeit (der Akku hält rund zwei Wochen) und das dritte für ... mein Deutschland-Ticket. Mich nervt der letzte Punkt schon beim Erzählen. So bescheuert finde ich, dass ich für mein Ticket überhaupt ein Handy brauche. Die App läuft auf meinem älteren Nelephone nicht.
Das ist für mich das eigentliche Ärgernis: Es ist ein verdeckter Konsum- und Kaufzwang. Die Verkehrsbetriebe zwingen uns quasi dazu, funktionierende ältere Hardware als Elektromüll zu entsorgen, nur weil eine neue Ticket-App ein aktuelles Betriebssystem verlangt. Warum soll ich mir ein neues Gerät kaufen, bloß damit die Bahn zufrieden ist?
- Was es mit meinen drei Telefonen auf sich hat, habe ich euch schon einmal in einem Artikel erzählt.
Während ich hier auf Papier schreibe, frage ich mich, warum das überhaupt sein muss. Warum kann ich mir nicht einfach ein Ticket ausdrucken? Meinetwegen sogar mit dem eigenen Drucker zu Hause?
Ich sage nicht, dass der öffentliche Nahverkehr komplett zurückrudern und nur noch Papiertickets wie früher anbieten soll. Aber gerade bei Langzeitfahrscheinen wie dem Deutschland-Ticket oder eben der BahnCard wünsche ich echte Wahlfreiheit – also die Option, für mein Geld etwas Physisches in der Hand halten zu können, das kein Smartphone ist. Sei es ein Papierticket oder eine einfache Chipkarte.
Wo immer es geht, setze ich auf physische Medien. Spiele für Konsolen kaufe ich noch immer bevorzugt als Discs, ebenso Musik. Comics und andere Bücher lese ich ausschließlich auf Papier, wie auch Stefan Kiel, der Gründer eines fantastischen Comic-Ladens in Jena.
Es ist also naheliegend, dass ich mir auch für die Bahnfahrten einfach bloß einen kleinen Streifen Papier in meinem Portemonnaie wünsche. Stattdessen habe ich ein Handy nur für die Fahrscheinkontrolle bei mir – und dabei bleibt es nicht.
Da ich den ganzen Tag unterwegs sein werde, und oft umsteigen muss, brauche ich zwangsläufig auch noch eine Powerbank, falls der Akku schlappmacht.
Ich will mir nicht ausmalen, was passiert, wenn das Tickettelefon irgendwann während der Kontrolle beschließt, dass es das Display nicht aus dem Standby-Modus wecken will. Wobei, ausmalen muss ich mir da gar nichts, denn die Deutsche Bahn hat eine klare Regelung für diesen Fall.
Die Verbraucherzentrale NRW greift die Regelung auf ihrer Seite auf. Dort steht:
Da die digitale BahnCard zwangsläufig an die App und damit an ein Smartphone gebunden ist, müssen Sie dafür sorgen, dass Ihr Gerät bei einer Kontrolle eingeschaltet ist. Sollten Sie das Ticket und Ihre BahnCard nicht vorzeigen können, droht Ihnen eine so genannte Fahrpreisnacherhebung. Das bedeutet: doppelter Fahrpreis, mindestens aber 60,00 Euro.
Ausschalten, um den Akku zu sparen, lohnt sich nur bei vielen Stunden, in denen ich keine Ticketabfrage befürchten muss, weil es ewig dauert, bis es sich einschaltet und die App startet. Das Teil ist alt und ich möchte mir kein neues, bloß für die Bahn kaufen.
Mich nervt, dass ich neben den Dingen, die ich für meinen Trip nach Halle brauche, auch noch einen Haufen Tech mitschleppen muss. Eigentlich reise ich gerne leicht. Nur das Nötigste.
Die Ticketkontrolle kommt. Ich krame eilig nach dem richtigen Telefon. Die Person kommt gelassen bei meinem Platz an und lächelt freundlich. Wie schön es jetzt wäre, einfach ein Kärtchen aus meinem Geldbeutel zu fischen. Ich lächle zurück und habe mein Ticketphone inzwischen gefunden. Erleichtert triumphierend halte ich mein digitales Deutschland-Ticket gen Scanner.
Hätten Sie noch mal eben Ihren Ausweis für mich?
, möchte der Mensch wissen. Natürlich!
, antworte ich etwas perplex. Niemand soll meinetwegen unnötig lange warten müssen. Also beuge ich mich eilig erneut über meinen mit Buttons vollgebombten Rucksack und krame in den Untiefen nun doch noch nach meinem Portemonnaie.
Tut mir leid
, murmel ich vor mich hin, damit hätte ich eigentlich rechnen können
. Alles gut
, erwidert die Person gleichmütig. Sie scheint das bereits zu kennen.
Die Personalausweiskontrollen bei Leuten mit Deutschland-Ticket finden bloß stichprobenartig statt. Letztendlich müssen Passagiere oft aber dann doch zusätzlich noch zu ihrem Portemonnaie greifen. So wie ich gerade.
Zugticket als Erinnerungsstück
Früher fand ich persönlich das leichter und irgendwie auch schöner. Manche Fahrkarten, mit denen ich wichtige Erinnerungen verknüpfe, hebe ich bis heute noch auf. Eines kommt etwa von 2019 und hängt an meinem Korkpinnbrett. Es reiht sich neben weiteren Erinnerungsstücken ein: Postkarten, einem Kronkorken und einem Super-Mario-Bügelperlenbild.
Die Fahrkarte von 2019 jedoch löst in mir von all den Stücken die größten Emotionen aus. Eine Fahrt von Osnabrück nach Köln. Sie läutete ein neues, besseres Leben für mich ein. Ich werde sie niemals wegwerfen.
Papierkarten bringen natürlich auch Nachteile: Wenn man sie verliert, sind sie halt weg. Der Aspekt Umwelt wird hier auch häufig genannt und von der Deutschen Bahn sogar als Grund angegeben, warum das Deutschland-Ticket ein rein digitales Produkt ist.
Dieses Umweltargument halte ich bei Langzeitfahrscheinen allerdings für eine Milchmädchenrechnung. Eine kleine Karte für ein ganzes Jahr verursacht ökologisch garantiert weniger Schaden als der ständige Energieverbrauch riesiger App-Server, tägliches Akkuladen und die Produktion von immer mehr Smartphones.
Ganz zu schweigen vom Datenschutz: Eine App erfasst im Hintergrund kontinuierlich Nutzer- und Bewegungsdaten, während ein analoges Ticket unser Recht auf anonyme Fortbewegung wahrt.
Ticketkontrollen ohne Erfolgsgarantie
Ich habe mein Portemonnaie inzwischen gefunden und zücke den Perso. Passt, danke!
, sagt die Fachkraft nach einem prüfenden Blick sonnig und geht weiter.
Ob Busfahrer oder Angestellte bei der Bahn; die Leute sind immer sehr freundlich. Manchmal meine ich aber auch bei ihnen einen Hauch von Geht das nicht einfacher?
herauszuhören.
Etwa dann, wenn ich mal wieder vorn im Bus stehe, und mein Deutschland-Ticket vor den Scanner rechts neben dem Fahrer halte, wohlwissend, dass die Wahrscheinlichkeit, dass der QR-Code dieses Mal erkannt wird, bei 50 zu 50 liegt. Manchmal winken die Fahrer mich auch einfach durch, sobald sie sehen, dass ich ein Deutschland-Ticket habe.
In Bussen kam es durch diese Umstände hin und wieder aber auch schon zu lustigen, sozialen Momenten. So riet mir ein Fahrer einmal gestikulierend vormachend: Hier, so und dann leicht schräg von oben vorhalten. Nee, ruhig weiter weg. Höher! Jetzt schrägstellen!
.
Geklappt hat das an dem Tag dennoch nicht, der Tipp hat meine Erkennungsquote aber deutlich erhöht. Also manchmal funktioniert es so tatsächlich. Vielen Dank an den Fahrer, falls er das hier liest.
Jemand anders in der ersten Busreihe hingegen schwört: Bild ganz hell machen! Dann geht das ... manchmal
. Er lacht. Der Busfahrer auch. Aber bei letzterem ist es eher so ein Schmerzlachen.
Er tut mir etwas leid. In Omsi 2 mag Busfahren Spaß machen, in der Realität stelle ich mir diesen Job unter anderem wegen dieser mangelhaft umgesetzten Digitalisierung, verbunden mit Passagieren, die nicht alle so gelassen wie ich reagieren, anstrengend vor.
Die Digitalisierung im öffentlichen Nahverkehr ist da, aber die Technik kommt offenbar nicht immer hinterher.
Wie machen das überhaupt Menschen, die kein Smartphone haben? Ich empfinde den totalen Verzicht auf physische Tickets als exkludierend gegenüber vielen, die aus unterschiedlichen Gründen kein Handy haben oder es schlichtweg nicht immer mit sich herumtragen möchten.
Sicher werden das 2026 eher wenige und vor allem ältere Menschen sein. Aber sollte man nicht gerade da versuchen, mit einfachen Mitteln wie dem optionalen Papierticket zu unterstützen? Die Deutsche Bahn sagt nein.
Stand bei der BahnCard und D-Ticket
Am 9. Juni 2024 wurde die Produktion von physischen BahnCards als Plastikkarte eingestellt. Nicht einmal meine BahnCard habe ich also in Physisch bekommen und die gilt für ein Jahr.
Die Bahn begründet den Wegfall der Karte mit drei Erklärungen:
- Umweltfreundlichkeit: Weniger Plastikmüll ist sicher ein triftiger Grund, aber man hätte die physische Karte ja auch recyclebar machen können. Zudem hat man sie immerhin ein Jahr lang. Weiter oben habe ich ja scon etwas zum Bereitstellen der Technik geschrieben und warum das schwerer wiegt.
- Kostenersparnis: Die Personalisierung (also das maschinelle Bedrucken der Karte) sowie der postalische Versand seien teuer. Tatsächlich hat sich der Preis für Endkunden aber nicht verändert. Die vermeintliche Einsparung wird also nicht weitergegeben.
- Konsumentenbedürfnisse: Angeblich würden bereits vor der Umstellung über 60 Prozent der Kundinnen und Kunden die BahnCard digital über die App DB-Navigator nutzen. In Ordnung, das heißt im Umkehrschluss aber auch, dass 40 Prozent genau das eben nicht getan haben und eventuell auch heute nicht machen würden, wenn sie nicht müssten.
Beim Deutschland-Ticket sieht es nicht viel anders aus. Seit Anfang 2024 ist der vorübergehende Papierausdruck Geschichte. Das Ticket gibt es bundesweit fast ausschließlich digital in Apps oder – je nach Region und oft verbunden mit langer Wartezeit – als Chipkarte. Am Ticketautomaten sucht man es vergebens.
Dabei gibt es Widerstand gegen den Zwang zur App. Der Sozialverband VdK übt bereits 2023 scharfe Kritik an der fehlenden Barrierefreiheit. VdK-Präsidentin Verena Bentele prangert an, dass einkommensschwache Menschen, Seniorinnen und Senioren sowie Menschen mit Behinderungen oft kein Smartphone besitzen oder es sich schlicht nicht leisten können.
Sie werden durch den Digitalzwang systematisch von den günstigeren Verkehrsmitteln ausgeschlossen. Der VdK fordert deshalb vehement eine barrierefreie Lösung: ein einfaches Papierticket mit QR-Code. Zumindest die BahnCard kann man sich online als pdf-QR-Code ausdrucken. Dazu wird ein Account benötigt.
Ich möchte noch einmal auf die Sache mit dem angeblichen Umweltvorteil von digitalen Fahrkarten zu sprechen kommen und etwas betonen: Im Prinzip zwingen öffentliche Verkehrsmittel uns dazu, funktionierende ältere Geräte wegzuwerfen, nur weil eine Ticket-App aktuelle Betriebssysteme verlangt. Das hat nichts mit einem gesteigerten Umweltbewusstsein zu tun, es ist Konsumzwang.
Szenen wie die hier kennt jeder
Neulich habe ich einen älteren Herrn im Auto an der Ausfahrt eines Discounterparkplatzes gesehen. Seine mutmaßliche Frau saß neben ihm auf dem Beifahrersitz und krallte ihre Finger in die Handtasche auf dem Schoß, während er offenbar versuchte, irgendwie mit dem Auto auf die Straße zu kommen.
Er lehnte sich weit nach vorn, sodass seine Brust gegen das mit den Händen umklammerte Lenkrad drückte. Sein Mund stand leicht offen, als er mit hinter der Brille leicht zusammengekniffenen Augen versuchte, die Lage zu sondieren. Seine Frau lehnte sich ebenfalls etwas nach vorn und blickte dabei sichtlich gestresst und hektisch nach links und rechts.
1:41
Zurückbleiben, die Türen schließen! - In Train Sim World 6 gibt's bald neue Zugstrecken, darunter Leipzig - Dresden
Die Ausfahrt ist zu Stoßzeiten durchaus tricky. Ein Gehweg liegt zwischen Parkplatz und Straße, viele Radfahrer düsen dort um eine Kurve direkt auf die Fahrbahn, so dass man sie erst spät sieht.
Nach einem beherzten Gasgeben des Mannes bremste er direkt wieder. Ein anderes Auto. Noch mal gut gegangen. Ein paar Versuche später schlittert der Wagen langsam auf die Straße – nur um von einem anderen Fahrer angehupt zu werden, vermutlich, weil ihm der Prozess nicht schnell genug ging und er bremsen muss.
Wäre der öffentliche Nahverkehr attraktiver für Seniorinnen und Senioren, würde nicht jeder von uns diese und ähnliche Szenen kennen.
Papiertickets und Chipkarten alleine würden die Leute zwar nicht in die Busse und Bahnen locken, aber es wäre ein Anfang. Zu schauen, dass es für Menschen im Rollstuhl unkomplizierter wird, in den Zug oder Bus zu kommen, und handfeste Maßnahmen zur Barrierefreiheit müssten meiner Meinung nach dringend folgen. Aber das Papierticket wäre ein Anfang für viele.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Mir geht es um Langzeitfahrkarten wie das Deutschland-Ticket, nicht um einfache Einzelfahrscheine. Die gibt es ja noch, obwohl sie fast weniger Sinn ergeben, als es bei einem Langzeitticket der Fall ist. Denn die werden nach einem Tag oder sogar einer Fahrt weggeschmissen.
Toiletten in der Bahn – eine ganz besondere Erfahrung
Mein Zug ist inzwischen durch Jena gefahren. Der miserable Kaffee vom Bahnhof meldet sich. Ich schnappe mir meine kleine Flasche mit Leitungswasser, die ich zu Hause abgefüllt habe, eine Packung Taschentücher und meine Urinella.
Wenn ich bei meinen vergangenen Zugfahrten quer durch Deutschland eines gelernt habe, dann, dass es wichtig werden kann, das alles dabei zu haben.
Mit Druck auf der Blase wanke ich im fahrenden Zug los Richtung nächster Pipimachzentrale. Die automatischen Türen im Gang öffnen sich gerade träge genug, dass ich bei jeder einzelnen nach dem Henkel greife, ehe sie dann doch noch aufgehen.
Vor dem Klo angekommen, stelle ich freudig fest, dass es unbesetzt ist. Eine grüne Leuchte, die schwach vor sich hinflackert, weist mich darauf hin. Ich suche nach dem Hebel zum Öffnen der Tür, nur um festzustellen, dass ich auf einen ebenfalls grün leuchtenden Knopf drücken muss. So einer, wie die, die beim Halten des Zuges die Tür öffnen.
Gut, dass ich keine Rot-Grün-Sehschwäche habe. Ich tippe und nach einer kurzen Verzögerung öffnet sich die halbrunde Tür. Auf halber Strecke will ich sie stoppen, denn ich habe die Pinkelnische inzwischen betreten. Aber die Tür möchte gerne erst einmal komplett aufgehen. Sie ist unaufhaltbar, also warte ich.
Während ich da so in der Kabine stehe, neben einem Stück Klopapier am Boden und einem Spritzer – ich hoffe, dass es Wasser ist, geht ein sympathischer Mann vorbei. Er trägt ein lockeres, dunkelblaues Businesshemd und erinnert mich an Jim Halpert aus der US-Variante der TV-Serie The Office.
Ich muss etwas bedröppelt aussehen, wie ich da so in dieser suboptimalen Szenerie stehe, denn er wirft mir ein verschmitztes Lächeln mit einem leichten Schulterzucken zu, wie Jim aus der Serie es macht!
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Nach einer gefühlten Ewigkeit darf ich die Tür endlich durch einen weiteren Knopfdruck schließen. Ich finde es übrigens fantastisch, dass ich trotz Automatisierungsprozessen dennoch ständig etwas anfassen muss. Zumindest ist die Tür nun endlich geschlossen und Jim Halpert weg.
Ich drehe mich zur Toilette um. Die Klobrille ist mit Flüssigkeiten besprenkelt. Kein Problem, ich hatte ohnehin nicht vor, mich hinzusetzen. Zufrieden zücke ich meine Urinella aus den übergroßen Taschen meiner Latzhose und lasse der Natur ihren ... äh .. ja ... Lauf eben.
Die Metallschüssel in diesem Zug ist winzig. Etwas Wasser (... ?) steht bereits darin und schwappt im Einklang mit den Zugbewegungen bedrohlich vor sich hin. Ich schaffe es, meinen Bahnhofskaffee und etwas Wasser aus meiner Flasche zum Durchspülen meiner Urinella hinzuzufügen. Klopapier ist keines da. Natürlich. Ich friemele mit einer Hand nach den Taschentüchern in meiner anderen Hosentasche.
Der gesamte Inhalt der Kloschüssel verschwindet erst, nachdem ich die unerwartet spritzige Spülung betätigt habe. Reflexartig weiche ich von dem kleinen Ungetüm zurück – und lande mit meinen Chucks in dem unidentifizierbaren Nektar am Boden. Schwusch-KLOCK!, macht die Schleuse am Schüsselboden, öffnet sich mechanisch und schließt sich sekundenschnell wieder.
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Bei Steam dreht sich im kommenden Sale alles um Züge - Wir kennen bereits die ersten Angebote
Einen Trippelschritt zur Seite gemacht, stehe ich vor dem kleinen Metallwaschbecken. Selbstverständlich gibt es keinen manuellen Wasserhahn. Der wäre ja ineffizient. Hoffnungsvoll halte ich meine Hände vor den Sensor. Der reagiert nicht. Kein Wasser, kein grünes Licht. Nichts.
2026 befinde ich mich glücklicherweise an einem Punkt, an dem ich dazugelernt habe. So halte ich nicht erst eine Hand unter den ebenfalls elektronischen Seifenspender und die andere unter den trockenen Wasserhahn, nur, um dann mit einer eingeseiften Hand zwei Stunden im Zug zu sitzen.
Ja, ich habe viel gelernt. Auch, dass ich bei dem einen Mal mit meiner eingeseiften Hand froh sein konnte, dass überhaupt welche da war. Heute, an diesem neuen Tag in einem anderen Zug, ist das nicht der Fall. Kein Wasser, keine Seife.
Diese Zugtoilette ist für mich das perfekte Symbol für den gescheiterten Glauben an die Überlegenheit der Digitalisierung im öffentlichen Personennahverkehr: Überall glänzt mir das Versprechen von automatisierter Smartheit entgegen, doch am Ende stehst du vor einem ausgefallenen Sensor und musst deine eigene Wasserflasche als analogen Rettungsanker auspacken.
Also nehme ich erneut mein selbst mitgebrachtes Leitungswasser und wasche mir damit umständlich meine Hände.
Beim Verlassen der Kabine spielen die Tür und ich noch einmal unser Spiel. Dieses Mal aber ohne Jim Halpert. Zurück am Platz sitzt mir gegenüber inzwischen jemand anderes. Eine junge Person mit dicken Over-Ear-Kopfhörern, die aufs Telefon starrt, ohne Notiz von mir zu nehmen.
Ich schaue aus dem Fenster, während der Zug ratternd weiter gen Halle fährt, und klappe meinen alten Razer-Kalender zu. Mein Trip nach Halle ist bloß einer von vielen, die ich auf diese oder ähnliche Art empfunden habe. Er zeigt mir einmal mehr:
Die Digitalisierung im öffentlichen Nahverkehr soll den Alltag eigentlich erleichtern, macht es in der Praxis aber viel zu oft nicht. Wenn überforderte Bus-Scanner, tote Klosensoren und erzwungene Ticket-Apps dazu führen, dass wir mit drei Telefonen reisen (okay, das mache vermutlich nur ich so) oder insbesondere ältere Menschen, komplett auf der Strecke bleiben, läuft etwas gewaltig schief.
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Ich wünsche mir keineswegs die Steinzeit zurück, aber eine Prise digitale Entgiftung täte dem ÖPNV gut. Gebt den Menschen bei Langzeittickets wie der BahnCard oder dem Deutschland-Ticket schlichtweg die Wahlfreiheit zurück – sei es durch ein Papierticket oder eine einfache Chipkarte. Ganz ohne App-Zwang, ohne Angst vor leerem Akku und ohne die drohende 60-Euro-Strafe.
Ein schlichtes Stück Papier im Geldbeutel ist nicht altmodisch, sondern verlässlich, fahrgastfreundlich und schließt niemanden aus. Und schlussendlich sollte ein öffentliches Verkehrsmittel doch genau das bewerkstelligen: alle mitnehmen.




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