Eigentlich stand für Ende 2030 der endgültige Auszug von der Internationalen Raumstation (ISS) und ihre Zerstörung an. Jetzt kommt aber wohl alles anders.
Die NASA will die ISS deutlich länger betreiben, ja gar vorerst ein großes Fragezeichen ans Datum für die Verschrottung durch Absturz stellen. Denn uns läuft die Zeit davon.
Die Konkurrenz lehnt sich entspannt zurück, während Alternativen nicht mal am Erdboden das Reißbrett verlassen haben.
Das ist die ISS: Seit 2000 ist die ISS als Gemeinschaftsprojekt von fünf Agenturen (NASA, Roscosmos, ESA, JAXA, CSA) ununterbrochen bemannt. Fortan erfüllt sie bis heute als einer der wichtigsten Forschungsstandorte der Menschheit ihre unverzichtbare Rolle: Die Mikrogravitation ermöglicht einzigartige Experimente, die nur sehr begrenzt auf Erden, wie zum Beispiel am ZARM in Bremen, ablaufen können.
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Feuerbestattung aufgeschoben
Es dürfte als Wendepunkt in die Geschichte der Raumfahrt eingehen: Als vor wenigen Tagen der US-Senatsausschuss für Handel, Wissenschaft und Transport den Saal verließ, stand sein maßgeblicher Wille fest:
- Anstatt 2031 zu verglühen (Deorbit), soll die Internationale Raumstation bis zum 30. September 2032 bemannt bleiben.
- Ferner verbietet der Beschluss eine Zerstörung der ISS, bis ein kommerzieller Ersatz mindestens ein volles Jahr in Betrieb ist. Das schließt alle bisherigen sowie weitere Felder ein, darunter Forschung und Technologieentwicklung.
- Um den Übergang nahtlos und koordiniert zu gestalten, sollen die ISS sowie eine neue Station wenigstens 180 Tage parallel betrieben werden.
Derweil ist die angestrebte Verlängerung der ISS-Lebensdauer noch nicht amtlich. Nachdem das Komitee für das Gesetzespaket grünes Licht gegeben hat, liegt es demnächst beim ganzen Senat sowie im Repräsentantenhaus. Im Anschluss muss es US-Präsident Donald Trump unterzeichnen (via space.com).
Der unentbehrliche ISS-Dinosaurier
Trotz ihres inzwischen hohen Alters können die NASA und ihre Partner auf die ISS nicht verzichten. Wir haben schlicht keine weitere Raumstation, obwohl die Bestrebungen lange anders klangen.
Doch die benötigte Nachfolgerin, gebaut und betrieben von einem Unternehmen (kommerziell), braucht weit länger als gehofft.
Mangelt es zwar nicht an hochtrabenden Konzepten, verfehlen alle über das Programm »Kommerzielle Standorte im niedrigen Erdorbit« unterstützten Partner die angestrebte Zielmarke: Inbetriebnahme Anfang der 2030er.
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Alle Teile der ISS, auch die quasi nicht zu ersetzenden Komponenten der Struktur, altern. Auch wenn wir beständig die Umlaufbahn durch Anheben stabilisieren, zerfällt uns die Raumstation mit der Zeit zwischen den Fingern – bei gleichzeitig stetig steigenden Kosten für die Wartung.
Eigentlich sahen die Konstrukteure lediglich eine Nutzungsdauer von 15 Jahren vor. Diese Frist lief Mitte der 2010er ab und ähnliche Beschlüsse wie nun erneut schoben die Grenze immer weiter in die Zukunft.
Es muss also irgendwann wirklich ein Ersatz her. Zudem hat sich die Technik seit den späten 90ern weiterentwickelt. Moderne Raumbasen sähen schlicht anders aus, liefen effizienter und böten mehr Komfort und Features für Personal, Forschung oder sonstige Zwecke und Gruppen.
Mit der Streckung der ISS-Dienstzeit kaschieren die US-Behörden auch dieses Problem, verfolgen aber vorrangig ein Ziel: Die Chinesen sollen nicht den niedrigen Erdorbit dominieren.
Sie betreiben seit 2021 die Tiangong-Raumstation. Kleiner als die ISS (etwa ein Drittel so groß), nützt sie gleichermaßen einer Vielzahl an Zwecken, geplante Verwendungsdauer: auf alle Fälle bis Mitte des kommenden Jahrzehnts.
Deshalb suchen alle Verantwortlichen händeringend nach einem Plan B – und in dem nimmt die ISS weiter die Hauptrolle ein.
Während die USA gemeinsam mit ihren Partnern ihren Außenposten im niedrigen Erdorbit keinesfalls missen wollen, plant die NASA für die Mondlandung nun Großes – obschon die bisherigen Vorhaben auch allesamt hinter dem einst gesteckten Zeitplan hinterherhinken.
So begraben wir die ISS
Angenommen, die Pläne bleiben wie derzeit niedergeschrieben und werden lediglich zwei oder vielleicht auch drei/vier Jahre nach hinten geschoben. Der sogenannte Deorbit soll folgendermaßen ablaufen:
- Die letzten Crews bereiten über einen längeren Zeitraum die Abschaltung der Station vor.
- Im Anschluss dockt das U.S. Deorbit Vehicle (USDV), entwickelt von SpaceX, an. Es basiert auf der Dragon-Raumkapsel, welche die ISS gemeinsam mit den russischen Progress- und Sojus-Vehikeln seit Längerem mit Fracht und Crew versorgt.
- Mittels gezielter Schubstöße drückt das USDV die ISS etwa eine Woche lang hinab in dichtere Luftschichten. Der zusätzliche Widerstand bremst die Station ab. Hierbei richten enorme Kräfte Schäden an: Durch die Reibung der Luftmoleküle frei werdende Hitze malträtiert die Außenhülle und alle freiliegenden Anbauten, wie die Solarpaneele. Stellt es euch wie einen mehrere Tausend Stundenkilometer heißen Sturmwind vor, der die Station zugleich zerfetzt und schmilzt.
- Hinweis: Theoretisch bräuchte es auch kein Vehikel zum Deorbit. Mit der Zeit geschieht dies ganz von alleine durch den natürlichen Höhenverlust. Aber dann wäre die Absturzregion schwer vorhersagbar und es bestünde die große Gefahr, dass tonnenschwere Trümmerteile über dicht besiedeltem Gebiet hinab regnen. Die Größe reiche von einer Mikrowelle bis zu einem Kleinbus.
- Die Zielregion für alles, was den Wiedereintritt übersteht, liegt im Pazifik, beim sogenannten Point Nemo. In diesem Artikel nehmen wir euch mit zu diesem einzigartigen, aber wahrscheinlich auf Dauer kaum erreichbaren Ort inmitten vom Nirgendwo in der Tiefsee.
Früher oder später findet die ISS dort ihr Grab, denn wirkliche Alternativen existieren nicht. Ein dauerhafter Erhalt im Orbit als eingemottete Reserve fräße Unmengen an Treibstoff und Hardware, die die Station in einen höheren, weniger genutzten Orbit hievt.
Irgendwann in den 2030ern steht der koordinierte Absturz an – doch bis dahin dient die ISS wohl weiter treu der Menschheit.
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