Die NASA begräbt ihre bisherigen Pläne zur Mondlandung für ein noch ehrgeizigeres Vorgehen

Ein Paukenschlag, der in die Raumfahrtgeschichte eingeht: Die amerikanische Raumfahrtbehörde strukturiert ihre wichtigste Mission komplett um – das steckt dahinter.

Die SLS hat den Mond im Visier, doch der Weg, um ihre Bestimmung zu erfüllen, indem sie wieder Menschen zu ihm bringt, kommt steiniger daher als lange gehofft.
(Bildquelle: NASABen Smegelsky) Die SLS hat den Mond im Visier, doch der Weg, um ihre Bestimmung zu erfüllen, indem sie wieder Menschen zu ihm bringt, kommt steiniger daher als lange gehofft. (Bildquelle: NASA/Ben Smegelsky)

Zurück in die Zukunft, so in etwa lässt sich die Agenda vom neuen NASA-Administrator Jared Isaacman zusammenfassen. In einem Statement auf X sowie per Pressemitteilung verkündet er umfassende Änderungen am Mondprogramm seiner Behörde.

Als Inspiration dient der Blick auf die historischen Missionen der Shuttleära sowie der einstigen Mondlandekampagne Apollo.

Um im geopolitischen Rennen zum Mond über Konkurrent China zu triumphieren, will die NASA deutlich öfter mit weniger anspruchsvoller Raketenhardware starten. Allerdings soll die Landung eine Mission später erfolgen. Der Besuch auf der Oberfläche unseres Trabanten während Artemis 3 wurde gestrichen.

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Früher und öfter zum Mond in kleineren Schritten

Alle warten auf Artemis 2. Nachdem die NASA ihre Mondrakete SLS (Space Launch System) vor wenigen Tagen zurück ins VAB gerollt hat, ist Geduld gefragt. Die lang erwartete Rückkehr zum Mond nach rund 50-jähriger Abwesenheit steht frühestens für Anfang April an. Lang stand der Fahrplan für die Zeit danach fest, jetzt gibt es einen neuen.

Den alten empfanden Verantwortliche offenbar zugleich als lahm sowie als zu hektisch. Die neue Administration unter Jared Isaacman hat deshalb alles vom Tisch gewischt. Anstatt lange Pausen zwischen zwei Flügen zu lassen, die SLS immer weiter aufzurüsten und mit Artemis 3 direkt auf dem Mond zu landen, gilt jetzt:

  • Die Weiterentwicklung der SLS ist gestoppt. Anstatt neuer, stärkerer Varianten, die mehr Nutzlast in den Orbit und zum Mond bringen können, friert die NASA die aktuelle Variante ein (Block-1-Konfiguration). Sie soll nun stark beschleunigt, in höherer Stückzahl aus den Werkhallen rollen.
  • Artemis 3 landet nicht wie geplant zwischen Mitte 2027 und Ende 2028 auf dem Mond, sondern startet auf alle Fälle bereits 2027 - sogar eher Anfang des Jahres. Sie erhält eine komplett neue Aufgabe, mehr dazu gleich.
  • 2028 sollen dann gleich zwei SLS abheben, Artemis 4 und 5. Beide haben als Ziel eine Landung auf dem Mond – mithilfe der Raumschiffe von SpaceX und Blue Origin.
  • In den Folgejahren strebt die NASA an, mindestens einmal jährlich eine Rakete mitsamt Crew und Fracht zur Mondoberfläche zu bringen. Dabei bleibt SLS der zentrale Pfeiler, aber Isaacman lässt im Interview mit CBS offen, wie die Pläne für die mittelfristige Zukunft in den 2030ern exakt ausschauen.
  • Der neue Weg scheint das Lunar Gateway (Lunar Orbit Station) zurückzulassen. Die Basis im Mondorbit wird wohl gestrichen. Stattdessen liegt der Fokus voll bei Basen auf der Mondoberfläche.
Akkordeon: Wie sollte Artemis eigentlich ab der dritten Mission ablaufen?
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So sah der alte NASA-Plan aus:

  • Artemis 3: Mondlandung frühestens Mitte 2027, aber eher bis Mitte 2028.
  • Artemis 4: Erster Flug der stärkeren 1B-Variante, angedacht für Ende 2028 oder 2029. Hier sollte der Aufbau des Lunar Gateways beginnen – eine Raumstation im Orbit des Mondes als zukünftiges Sprungbrett für alle folgenden Missionen. Zudem wollte die NASA erneut landen.
  • Artemis 5: Ab etwa 2030 sollte die Station weiter ausgebaut und wiederholt der Mond mit fortwährend erweiterter Hardware erkundet werden. Generell lagen aber stets mindestens zwei Jahre zwischen jedem weiteren Flug der SLS-Rakete.

So soll Artemis 3 jetzt ablaufen

Anstatt wie jahrelang geplant auf dem Mond zu landen (nach Docking-Manöver mit dem Starship von SpaceX im Mondorbit) degradiert Jared Isaacman Artemis zu einer reinen Testmission. Während die exakten Ziele in der Zukunft noch feiner definiert werden sollen, wissen wir bisher Folgendes:

In einer niedrigen Umlaufbahn um die Erde soll die Orion-Kapsel Mitte 2027 nach Abtrennung aller restlichen SLS-Stufen Andockmanöver mit den angedachten kommerziellen Mond-Landefähren üben. Das Starship in seiner Konfiguration als Human Landing System (HLS) sowie der Lander Blue Moon von Blue Origin kommen hierfür infrage.

Darum reißt Jared Isaacman das NASA-Ruder rum

Im Kern nimmt sich Jared Isaacman einem höchst menschlichen Problem an: Der NASA fehlt die Übung. Wie sich auch derzeit wieder zeigt, stellt jeder Start einer SLS eine enorme Hürde dar. So verschoben sie wiederholt Artemis 2 und brauchten mehr als zwei Jahre seit der Vorgängermission, um die Rakete überhaupt zum Startpad zu rollen. Früher sah das anders aus: Zu Zeiten der Spaceshuttles oder während der Apollo-Kampagne lagen teils nur wenige Monate zwischen zwei Liftoffs.

Derweil nennt Isaacman auch politische Gründe glasklar, ohne Namen in den Mund zu nehmen: China.

Angesichts glaubhafter Konkurrenz vonseiten unseres größten geopolitischen Gegners, die täglich wächst, müssen wir schneller handeln und Verzögerungen eliminieren, um unsere Ziele zu erreichen. Standardisierte Vehikel-Architektur, höhere Flugrate und eine allgemein raschere Abarbeitung von Zielen in einem logischen Schritt-für-Schritt-Ablauf – das ist der Weg, wie wir 1969 das nahezu Unmögliche erreicht haben, und so werden wir es wiederholen.

Der Blick auf die Apollo-Missionsarchitektur zeigt dabei klar, was er meint: Die legendäre Reihe von Flug 1 zu Flug 17 operierte mit kleinen, sich teils wiederholenden Schritten bei Technologie, Prozessen und Verfahren. Die NASA tastete sich konservativ und vorsichtig aufbauend auf die Vorprogramme (Mercury und Gemini) voran. Nach den ersten Erdumrundungen folgten mehrfach Testreihen im Erdorbit, um hier die Fähigkeiten der Hardware in einem vertrauten Terrain mit relativ einfacher Rückkehroption zu erproben.

Grau, leblos und doch unnachahmbar einzigartig aus Sicht der Menschheit: der Mond. Ein für die Erde vielfach bedeutender Trabant, der Kultur, Natur und Technik seit Anbeginn der jeweiligen Zeitrechnung beeinflusst. (Bildquelle Raul Cantemir) Grau, leblos und doch unnachahmbar einzigartig aus Sicht der Menschheit: der Mond. Ein für die Erde vielfach bedeutender Trabant, der Kultur, Natur und Technik seit Anbeginn der jeweiligen Zeitrechnung beeinflusst. (Bildquelle Raul Cantemir)

Bisher setzte sich die NASA mit jedem Artemis-Flug große Ziele:

  • Artemis 1: Erster Start der Hardware und Vorbeiflug am Mond (mit kleineren Problemen geglückt).
  • Artemis 2: Erster Start mit Menschen und Vorbeiflug am Mond.
  • Artemis 3: Mondlandung. Folgemissionen wären mindestens ähnlich anspruchsvoll ausgefallen.
  • Es waren jedoch in der Pre-Landungsphase keine weiteren Testflüge zur Erprobung von Technologie und Prozessen eingeplant. Ab jetzt gilt: kleinere Schritte, mehr Tests in Erdnähe, höhere Frequenz, weniger Risiko pro Mission.

Allerdings erfahren wir bisher wenig zum »Wie«. Lediglich ein Mittel zur Umsetzung dieser ambitionierten, neuen Pläne hat Isaacman genannt: Die NASA will mehr Fähigkeiten intern bündeln und so zusätzliche Kontrolle über die Produktions-, Integrations- und Betriebsprozesse (wieder)gewinnen. Dazu möchten sie technische Kernkompetenzen intern aufbauen und Personal langfristig binden, ausbilden und trainieren.

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