»Ihre Physik ist abscheulich«: Ausgerechnet ein Priester prägte unser Bild vom Universum – doch Albert Einstein stellte sich offen gegen ihn

Es ging um nichts Geringeres als den Urknall: Wie ein unterschätzter Astrophysiker am Ende recht behielt und sogar Einstein korrigierte.

Georges Lemaître (Mitte) und Albert Einstein (rechts) bei einem Treffen am California Institute of Technology im Jahr 1933. (Bildquelle: unbekannter Fotograf Wikimedia Commons Public Domain skaliert und koloriert mit KI) Georges Lemaître (Mitte) und Albert Einstein (rechts) bei einem Treffen am California Institute of Technology im Jahr 1933. (Bildquelle: unbekannter Fotograf / Wikimedia Commons / Public Domain / skaliert und koloriert mit KI)

Als Georges Lemaître (1894 – 1966) in den 1920er-Jahren über das Universum nachdachte, war eine Vorstellung unter Physikern noch erstaunlich weit verbreitet: Der Kosmos sei schon immer da. Riesig, majestätisch, rätselhaft. Aber statisch.

Ein Universum praktisch ohne Biografie – und daher auch ohne Geburtsdrama.

Lemaître passte dabei nicht wirklich ins Bild eines modernen wissenschaftlichen Revolutionärs. Er war kein lauter Provokateur, kein Denker, der den Bruch mit dem Alten erzwingen wollte.

Er war Mathematiker, Astrophysiker und katholischer Priester aus Belgien.

Einer, der morgens die Messe lesen und später über Einsteins Feldgleichungen nachdenken konnte, ohne darin einen Widerspruch zu sehen.

Ein Kosmos, der sich nicht verändern sollte

Nur wenige Jahre zuvor hatte Einstein mit seiner Allgemeinen Relativitätstheorie die Werkzeuge geliefert, um das Universum völlig neu zu beschreiben.

Doch selbst er mochte zunächst kein Universum, das sich verändert.

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Ein dynamischer Kosmos war ihm suspekt. Ein Universum, das sich ausdehnt, schrumpft oder eine eigene Entwicklungsgeschichte hat, passte nicht zur damals vorwiegenden Vorstellung eines ewigen, unveränderlichen Weltalls.

Also hielt Einstein an einem statischen Modell fest und führte die »Kosmologische Konstante« ein, um mathematisch sicherzustellen, dass das Universum auch statisch blieb. Später soll er diese Entscheidung als seine »größte Eselei« bezeichnet haben.

Lemaître wiederum tat etwas, das in der Wissenschaft manchmal revolutionärer ist als jeder große Bruch: Er nahm die Gleichungen und ihre Konsequenzen ernst, so widersinnig sie auch erscheinen mochten.

Und wenn man sie nicht zurechtbog, wie es Einstein getan hatte, erzählten sie eine völlig andere Geschichte.

Erst wurde der Kosmos größer

Noch kurz zuvor stand nicht einmal fest, ob die Milchstraße nicht vielleicht schon das ganze Universum ist. Die verschwommenen Spiralnebel am Himmel hielten viele Astronomen für nahe Gaswolken, wenige sahen darin bereits ferne Sterneninseln.

Erst Edwin Hubble zeigte im Jahr 1929 am Beispiel des Andromedanebels, dass die Milchstraße nur eine Galaxie von vielen ist. Das gelang ihm allerdings nur mithilfe der sogenannten Cepheiden-Methode, die von Henrietta Swan Leavitt entwickelt wurde.

Damit war der Kosmos auf einen Schlag größer geworden.

Doch kaum war das Universum gewachsen, deuteten Lemaîtres Berechnungen und Hubbles Beobachtungen auf etwas noch weitaus Radikaleres: Das Universum ist nicht statisch. Es dehnt sich aus.

Der Raum wächst mit

Das klingt womöglich nach einem nur kleinen Unterschied. Ist es aber mitnichten.

Denn Lemaître dachte nicht einfach nur an Galaxien, die wie Splitter einer Explosion durch einen bereits vorhandenen leeren Raum fliegen. Seine Idee war revolutionärer: Der Raum zwischen den Galaxien selbst wird größer.

Nicht nur die Dinge im Universum bewegen sich. Das Universum selbst verändert sich.

1927 veröffentlichte Lemaître seine Vorstellung eines expandierenden Kosmos. Einige Jahre später ging er aber noch viel weiter. Wenn sich das Universum ausdehnt, dann muss es früher dichter gewesen sein. Viel dichter, heißer und kleiner.

Und wenn man diesen Gedanken konsequent verfolgt, landet man bei einem Anfangszustand, den Lemaître das »Uratom« nannte.

Eine frühe Form jener Idee, die wir heute als Urknalltheorie kennen.

Ein unbequemer Anfang

Für die damalige Physik war das ein schwieriger Gedanke. Auch für Albert Einstein, der mit folgenden Worten an Lemaître zitiert wird:

Ihre Berechnungen sind richtig, aber Ihre Physik ist abscheulich.

Albert Einstein, 1927

Der Kosmos war plötzlich nicht mehr nur die ewige Bühne, auf der Galaxien, Sterne und Planeten ihre Rollen spielten. Er selbst bekam eine Geschichte.

Er verändert sich, hat eine Vergangenheit und womöglich einen Anfangszustand, der weit jenseits jeder Alltagserfahrung liegt.

Die Sprengkraft dieser Idee war enorm.

Kein Gottesbeweis in Gleichungsform

Das Bemerkenswerte daran ist aber nicht nur, dass diese Idee von einem Priester kam. Auffällig ist vor allem, wie er damit umging.

Lemaître versuchte nicht, die Bibel in die Physik zu schmuggeln. Er schrieb Gott nicht in eine Gleichung und verkaufte den Anfang des Universums nicht als schnellen Beweis für seinen Glauben.

Ganz im Gegenteil.

Er trennte beides sauber. Dass das Universum womöglich einen Anfang hatte, war für ihn kein religiöses Einfallstor, sondern eine physikalische Konsequenz.

Nicht, weil ihm sein Glaube nicht wichtig gewesen wäre, sondern weil die Physik einfach anders funktioniert.

Sie braucht Beobachtungen, Gleichungen, Modelle und Vorhersagen, aber keine Abkürzungen über Weltanschauungen.

Gerade das macht die Geschichte so interessant.


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Der Priester, der weiter dachte

Lemaître war also nicht einfach ein Geistlicher, der sich gegen die Wissenschaft durchsetzen musste. Er war vielmehr ein Priester, der innerhalb der Physik weiter dachte als viele seiner berühmten Zeitgenossen.

Er sah früher als andere, dass das Universum kein unveränderliches Himmelsgewölbe ist.

Es dehnt sich aus, es altert, es wurde in einem unvorstellbar dichten Zustand geboren. Und es führt zu Fragen, die bis heute nicht vollständig beantwortet sind.

Unser modernes Bild vom Universum ist ein dynamisches.

Und an einem entscheidenden Punkt hin zu dieser weltanschaulichen Wendung stand ausgerechnet ein Mann mit Priesterkragen, der Einsteins Gleichungen in Teilen offenbar besser verstand als dieser selbst.

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