Am liebsten würde ich Luto mit einem Nachtlicht spielen. So in völliger Dunkelheit kriecht mir die düstere Atmosphäre des neuen Indie-Horrorspiels ganz schön unter die Haut.
Denn Luto ist nicht einfach nur ein P.T.-Klon – ihr wisst schon: die legendäre Demo-Version (Playable Teaser) von Kojimas nie erschienenem Silent-Hill-Spiel. Und auch Elemente, die an The Stanley Parable erinnern, weil sie die vierte Wand zu mir als Spielerin durchbrechen, lassen Luto nicht etwa einfallslos wirken. Ganz im Gegenteil: Luto ist ein wunderschönes, bittersüßes, einzigartiges Horrorerlebnis, das ich nicht mehr so schnell aus meinem Kopf bekomme.
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Im neuen Horrorspiel Luto rennen Geister mit Bettlaken auf dem Kopf herum - und wir würden am liebsten nur mit Nachtlicht spielen!
Worum geht es in Luto?
Ich schlüpfe in die Rolle von Sam, der ganz im Und-Täglich-Grüßt-Das-Murmeltier-Stil immer wieder dieselbe Routine durchlebt:
Montag. Morgens in den Spiegel schauen, Badezimmer verlassen, vom Lufterfrischer erschrecken lassen, Schlüssel aufheben, zur Arbeit gehen.
Dienstag. Morgens in den Spiegel schauen, Badezimmer verlassen, wieder vom verfluchten Lufterfrischer erschrecken lassen, Schlüssel aufheben, zur Arbeit gehen.
Mittwoch. Morgens in den Spiegel schauen, Badezimmer verlassen, vom *§$!# Lufterfrischer erschrecken lassen (irgendwann lern ich es!), Schlüssel aufheben ... Moment, wo ist der Schlüssel?
Plötzlich wird der monotone Alltagstrott unterbrochen von merkwürdigen Geräuschen aus dem Keller, einem Klopfen an der Tür, einem mysteriösen Anruf ... und Sam steigt immer tiefer in das Haus und in seine Gedanken hinab.
Denn Sam hat mit Schuldgefühlen und großer Trauer zu kämpfen. Kein Spoiler, weil euch das Spiel direkt im Menü davor warnt: Luto befasst sich mit dem Tod, mit Depressionen, mit dunklen Gedanken und der Überlebensschuld und Hilflosigkeit der Hinterbliebenen.
Warum ihr Luto unbedingt eine Chance geben solltet
Der Horror von Luto funktioniert so gut, weil er komplett unvorhersehbar ist. Das Spiel überrascht mich die gesamten fünf Spielstunden hindurch mit immer neuen Ideen, fantastischen visuellen Spielereien, tiefgründigen Gedankenanstößen – und den wohl besten Geistern, die ich seit Langem in einem Spiel gesehen habe. Sie haben nämlich Bettlaken überm Kopf (ja, wirklich! und ja, das ist gruselig!) und rennen im Haus herum wie kleine Kinder! Brrrr!
In einem Moment erzählt mir der allwissende Erzähler vom traurigen Alltag, den ich als Sam bestreite. Im nächsten Moment gibt er einen schnippischen Kommentar von sich, weil ich kurz Pause gedrückt habe, um mir aus der Küche etwas zu trinken zu holen. Im Laufe der Zeit mutiert der anfangs so vertrauenserweckende Erzähler zu einem suspekten Akteur in meiner Geschichte, den ich nicht einschätzen kann, dem ich nicht mehr vertraue und der mich scheinbar versucht, in die Irre zu leiten.
Statt langweiliger Jump Scares setzt Luto auf fantastisch-schaurige Atmosphäre, die sich unauffällig an mich heranschleicht. Ein Bettlaken, das klammheimlich seine Position verändert. Eine Bewegung im Augenwinkel, die ich fast übersehe, weil ich in dem Moment blinzle. Geräusche, die ich nicht einordnen kann ... und ist das ein Glitch oder soll das so?
Obwohl das Haus mit jeder Minute unheimlicher wird, verliebe ich mich in die fotorealistische Grafik und die wunderschönen Szenen, das tolle Licht- und Schattenspiel und all die smarten Kameraspielereien, die ich euch nicht verraten möchte. Die Rätsel sind nicht zu schwer, manchmal allerdings ein bisschen unintuitiv. Aber als sich das Spiel im letzten Drittel deswegen selbst auf die Schippe nimmt, verzeih ich selbst diesen kleinen Schnitzer!
Luto ist ein klassischer Walking-Simulator, erwartet also keine Survival-Kämpfe oder krasse Action-Einlagen. Wenn ihr euch aber auf psychologische Reisen einlassen könnt, die euch vielleicht sogar selbst zum Nachdenken anregen, und wenn ihr auf ausgefallene Spielideen steht, die auch mal komplett abstrakt ausfallen können, dann solltet ihr Luto definitiv eine Chance geben.
Ich hätte das Indie-Spielchen wahrscheinlich nie gespielt, wenn mich Kollegin Magdalena nicht darauf hingewiesen hätte. Denn P.T.-Klone gibt es mittlerweile wie Sand am Meer, den meisten schenke ich schon lange keine Aufmerksamkeit mehr. Luto zeigt mir aber, dass auch ein »Klon« seine großen Vorbilder überholen und das Konzept komplett auf den Kopf stellen kann – und damit zu meiner bisher größten Horror-Überraschung 2025 wird.
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