Cyberpunk wird oft auf stylische Neonleuchten, Hacking und Roboter-Gliedmaßen reduziert und all das gehört ja auch irgendwie dazu. Aber ich liebe Cyberpunk vor allem, weil das Genre so menschlich ist. Das klingt erstmal wie ein Widerspruch zur hochtechnisierten Zukunft, ist es aber gar nicht. Denn je unmenschlicher
die Welt wird, desto wichtiger wird die Frage danach, was uns Menschen überhaupt ausmacht.
Geht es um große Verschwörungen und dramatische Action rückt das manchmal in den Hintergrund. Nicht so bei Minds Beneath Us, das sich für mich überraschend zum absoluten Cyberpunk-Geheimtipp auf Steam gemausert hat.
- Release: 31. Juli 2024
- Preis: 20 Euro
- Spielzeit: 10 Stunden
- Sprache: Englisch
Das kürzlich für PC erschienene Story-Adventure aus Taiwan fängt die Essenz der düsteren Zukunft nämlich perfekt ein, ohne auf den coolen Neonlichter-Sci-Fi-Vibe zu verzichten.
Der Mensch wird zum Teil der Maschine
Die Geschichte funktioniert für mich so gut, weil ich völlig gewöhnlich bin. Als Jason Dai gammle ich hauptsächlich daheim rum, während meine Freundin Karriere in einem Unternehmen gemacht hat. Sie nimmt mich eines Tages mit zur Arbeit und schlägt vor, mich auf einen Job dort zu bewerben. So lande ich bei Vision, dem größten Unternehmen für das sogenannte Flop-Farming, das ganz nebenbei die gesamte Stadt kontrolliert.
Dabei handelt es sich um eine ziemlich entwürdigende Praxis bei der Menschen zum Teil über Jahre an Systeme gekoppelt werden, um mit ihren Gehirnen Hochleistungs-KIs anzutreiben. Sie bekommen Geld im Gegenzug, geben aber ihre Existenz für den Zeitraum komplett auf, um zum Teil einer Maschine zu werden. Und statt mich als cooler Hacker dagegen aufzulehnen oder den bösen Konzern mit Waffengewalt zu stürzen, werde ich erstmal ein Teil davon - inklusive Bewerbungsprozess und Kaffeeplausch.
Als Teil der Screening-Abteilung soll ich geeignete Kandidaten für das Flop-Farming auswählen - entscheide ich mich falsch, kann das zu gesundheitlichen Schäden oder gar ihrem Tod führen. Gleichzeitig lerne ich die anderen Mitarbeiter kennen.
Ich erfahre zum Beispiel dass der grummelige Senior George der Vormund des idealistischen Jungspundes Jeff ist. Beide stehen für zwei Ansichten, die in Minds Beneath Us immer wieder aufeinanderprallen: Idealismus und pragmatischer Realismus. Während George die Dinge sieht, wie sie sind und ein bequemes Leben für Jeff möchte, will dieser immer wieder rebellieren und das System stürzen.
Minds Beneath Us überlässt mir, welche Seite ich wähle, hinterfragt beide aber clever. Was nützt Idealismus, der die Natur der Dinge ignoriert? Aber wie soll sich etwas ändern, wenn wir den Status Quo nie hinterfragen? Beinahe jeder Dialog ist getränkt mit schlauen Denkanstößen und Philosophie ohne dass es sich so anfühlt, weil ich eben mit echten Menschen rede, die ganz reale Bedenken und Probleme haben.
Von kleinen und großen Veränderungen
In Minds Beneath Us ist nie etwas klar oder einfach, nie schwarz oder weiß. Das merke ich auch im Gespräch mit den Bewerbern. Eine alte Frau bettelt mich an, sie anzunehmen, obwohl sie durch die Gesundheitstests gefallen ist. Sie braucht dringend das Geld, um ihre Enkel das erste Mal überhaupt zu besuchen. Ein anderer Kandidat ist physisch bestens geeignet, aber ausgerechnet mein sexistischer Nachbar, der mich am Morgen zuvor noch angepöbelt hat, weil meine Freundin die Brötchen nach Hause bringt.
Ich kann versuchen, das System so einzusetzen, um den richtigen Menschen zu helfen. Am Ende des Tages sind meine Optionen aber immer begrenzt, weil ich mich nur innerhalb der Richtlinien der Firma bewegen darf. Zurück bleibt ein Gefühl von Hilflosigkeit und Melancholie und der ehrliche Wunsch, etwas zu verbessern.
Nach und nach offenbaren sich dabei immer komplexere Probleme, die die ganze Industrie betreffen. Minds Beneah Us wird so von einer sehr persönlichen Alltagstragödie doch noch zu einem Cyberpunk-Krimi, bei dem es um Leben und Tod geht. Allerdings bleibt das Adventure auch hier stets nah am Menschen, statt sich in einem großen Komplott zu verlieren.
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Minds Beneath Us: Trailer stimmt auf Steam-Release des Cyberpunk-Geheimtipps ein
Entscheidungen, die unter die Haut gehen
Denn habe ich das Screening überstanden, geht es am zweiten Trainee-Tag in die Ops-Abteilung, wo die Menschen als sogenannte Juicer
ins System eingegliedert werden. Auch hier warten sympathische Kollegen mit eigenen Wünschen und Problemen auf mich - und eine noch brutalere Realität. Denn die Maschinen sind veraltet, die Sicherheit kaum einzuhalten. Verletzte oder tote Menschen sind billiger als neues Equipment. Niemand möchte mit dem Risiko arbeiten und leben, aber auch nicht den Job verlieren, der die Familie ernährt oder sich gar mit der Firma anlegen. Die KI hört und sieht schließlich alles.
Jede noch so kleine Aussage oder Handlung birgt deshalb ein großes Risiko. Bringe ich nicht nur mich, sondern meine Liebsten in Gefahr, wenn ich mich mit dem Konzern anlege? Anders als bei Telltale und Co. fließen meine Entscheidungen subtil in Dialoge ein, haben aber weitreichende Folgen für die Handlung und meine Beziehungen. Meine Freundin Fran gehört zum Beispiel zur Führungsebene von Vision - was auch immer mit dem Konzern passiert, wird also auch sie zu spüren bekommen.
Minds Beneath Us ist damit eines dieser Spiele, die wirklich zum Nachdenken anregen und mich stets knifflige Entscheidungen abwägen lassen, in denen es kein richtig oder falsch gibt. Liebt ihr Cyberpunk genauso sehr wie ich, solltet ihr euch hier bestens aufgehoben fühlen - nicht nur aufgrund der stylischen Neon-Optik, die das Story-Adventure obendrauf mitbringt.
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