14. Dezember 1972, ein kleines Raumschiff hebt vom Mond ab, Apollo 17. An Bord befinden sich die US-Amerikaner Eugene Cernan und Jack Schmitt. Sie werden für Jahrzehnte die letzten Menschen sein, die Spuren im Staub hinterlassen. Ihre Heimat unter den Sternen, die legendäre Saturn-V-Rakete (via Technik-Museum).
Alsbald soll die Einsamkeit unseres Trabanten jedoch enden: Mehrere Staaten und zahlreiche Unternehmen arbeiten weltweit an der Rückkehr. Nach dann fast 60 Jahren werden bis Anfang der 2030er voraussichtlich gleich mehrere Crews ein neues Zeitalter der Raumfahrt einläuten. Doch wer landet zuerst und welche Rakete bringt sie hin? 2025 könnte die Vorentscheidung bringen.
Was im Sommer noch als leiser Zweifel durch Washington DC (USA) raunte, muss spätestens seit dem 05. November 2024 aufhorchen lassen: Donald Trumps Präsidentschaft könnte die Geschichte der Raumfahrt prägen, wie einst John F. Kennedys Zeit mit dem Apollo-Programm.
Wir fassen zusammen, welche Raketen wetteifern und weshalb die NASA Ende 2025 als Verlierer dastehen könnte.
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Die NASA gibt einen Einblick auf das Jahr 2024 - Inklusive Mondmission & mehr
Artemis vor dem Aus? So plant(e) die NASA die Rückkehr zum Mond
Seit längerer Zeit arbeitet die NASA gemeinsam mit der ESA unter dem Titel Artemis
an einer Rückkehr zum Mond. Einst gehörte auch US-Präsident Barack Obama zu den einflussreichsten Befürwortern der Mond-Rakete (via NASA)
2027 soll das Space Launch System (SLS) die Orion-Kapsel in den Erdorbit bringen, von wo aus sie zum Mond fliegt. Ohne Menschen ist ihr das 2022 schon mal halbwegs gelungen, wenn wir von Problemen bei der Lebenserhaltung und dem Hitzeschild absehen (via YouTubeund futurezone). 2026 soll das Verfahren ohne Landung, aber mit Menschen an Bord im Zuge von Artemis II geprobt werden.
2027 wird dann im Mondorbit das Human Landing System (HLS) von SpaceX warten und die Crew von Artemis III hinab und nach getaner Arbeit wieder hinauf zur Orion zu bringen. An Bord der übrigens zum Teil in Bremen gebauten Kapsel geht es dann zurück zur Erde.
Nun schuf das Jahr 2024 aber Fakten, die die bisherigen Pläne infrage stellen:
- Donald Trump wurde zum US-Präsidenten. Einer seiner Berater ist Multimilliardär und Weltraum-Mogul Elon Musk (via DW). Das HLS wird ein umgebautes Starship von SpaceX sein.
- Trump will auf Anraten von Musk Jared Isaacman zum neuen Chef der NASA ernennen, sobald er im Amt ist. Isaacman ist Milliardär und war einer der ersten zwei Menschen, die auf einer kommerziellen Mission einen Weltraumspaziergang unternahmen – von einer SpaceX-Dragon-Kapsel aus. Befürworter der kommerziellen Raumfahrtindustrie feiern die geplante Stellenbesetzung (via Frankfurter Rundschau).
- Das für in Zukunft als komplett wiederverwendbar geplante Starship von Elon Musk erlebte ein äußerst erfolgreiches Jahr. Vorab gekrönt wurde dies mit dem Einfangen des Super Heavy Boosters beim Fünften der bisher sechs Testflüge. Es kommt seiner Einsatzreife sichtlich näher (via Space und YouTube, SpaceX).
- Der Ruf des SLS ist angeschlagen. Die Kosten pro Start werden im Vergleich zum Starship von Experten mit dem 10- bis 100-Fachen beziffert. Ferner zeigt sich die Bürokratie zwischen NASA und Zulieferern als lähmend und die Technik entstammt zu Teilen noch der Shuttle-Ära (via Ars Technica).
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Nur wenige Raketen dürfen sich Super Heavy Lift Launch Vehicle
nennen. Die international im Westen anerkannte Grenze ist eine Nutzlast von 50 metrischen Tonnen. Mit Nutzlast ist die im niedrigen Orbit (bis etwa 2.000 Kilometer) absetzbare Frachtmenge gemeint. Das können Satelliten oder eben Raumkapseln wie einst Apollo
oder wie bei Artemis Orion
sein.
Folgende Raketen, die bereits erfolgreich geflogen sind, gehören dazu:
- SpaceX Falcon Heavy, etwa 60 Tonnen
- NASA Space Launch System, um die 95 Tonnen
- USSR Energija, etwa 100 Tonnen (nicht mehr genutzt)
- NASA Saturn V, grob 140 Tonnen (nicht mehr genutzt)
- SpaceX Starship, mehr als 150 Tonnen
Die berühmteste, die es aufgrund ihres viermaligen Scheiterns bei Starts nicht in unsere Liste schafft, ist die N1 der Sowjetunion. Sie konkurrierte mit der Saturn V und hätte laut des Entwurfs bis zu 95 Tonnen in den niedrigen Erdorbit bringen können.
China entwickelt derzeit die Langer March 10 für seine bemannten Mondmissionen. Sie soll ungefähr 70 Tonnen Nutzlast in den Orbit bringen können. Wer mehr allgemein zu den Raketentriebwerken wissen möchte, die diese Giganten ins All befördern, wird auch bei uns fündig:
Das Problem des SLS: Nach einhelliger Expertenmeinung, auf die sich auch Eric Berger von Ars Technica beruft, könnte SLS relativ einfach ersetzt werden. Die SpaceX Falcon Heavy könnte Orion in den Orbit bringen. Von dort würde sie wie geplant zum Mond fliegen, um dort an ein landebereites HLS anzudocken. Es braucht nicht das SLS, sondern eben nur ein sogenanntes Super Heavy Lift Launch Vehicle
.
Um es klar zu sagen, wir sind weit davon entfernt, dass irgendetwas entschieden ist, aber nach dem, was ich höre, scheint es mindestens 50:50 zu stehen, dass SLS der Nasa gestrichen wird.
Eric Berger via X, einst Twitter
Artemis könnte also zurück zum Reißbrett und das SLS nach nur einem Start in den Ruhestand geschickt werden. Sein Einmotten würde auf starken Gegenwind aus Kongress und Senat stoßen. Denn die Rakete wird aus Teilen zusammengesetzt, die in den verschiedensten US-Bundesstaaten vorproduziert werden. SLS ist ein Jobmotor erster Güte und verantwortlich für Milliarden an Dollar Umsatz für private Unternehmen. Also Firmen, deren Chefs und Mitarbeiter Wähler der Senatoren und Kongressabgeordneten sind.
Selbst ein Zusammenstauchen der weiteren Pläne für die nächsten Ausbaustufen des Space Launch Systems würde vielen Menschen Geld oder vielleicht sogar den Job und manch einem Politiker die Wiederwahl kosten. Das dürfte kein Ausschlusskriterium für die neue Regierung sein, aber wird sicher eine zentrale Rolle spielen, wenn es um die Zukunft des SLS geht.
Eine erste Niederlage mussten NASA und das SLS 2024 durch SpaceX schon einstecken: Die weltweit beachtete Forschungsmission Europa Clipper
zum gleichnamigen Mond des Jupiters startete mit einer Falcon Heavy. Ursprünglich war vorgesehen, die Sonde mit SLS auf den Weg zu bringen. Doch Kosten und die Verzögerungen sorgten letztendlich für ein Umsteuern innerhalb der Raumfahrtbehörde (via Spacenews).
Meinung des Redakteurs: Der Sieg ist Pflicht, die Niederlage garantiert
Gerald Weßel: Letzten Endes werden die USA auch 2025 und darüber hinaus ihre Pole-Position für die Rückkehr zum Mond behaupten. Chinas Pläne, noch vor 2030 zu landen, sollten dabei kaum gefährlich werden – einerlei, ob nun mit oder ohne dem SLS der NASA. Die bleibt damit auch weiterhin die global wichtigste Raumfahrtbehörde.
Das große Aber
ist jedoch die in den vergangenen Jahren im eigenen Land erstarkte Konkurrenz: SpaceX könnte mittelfristig Menschen im Alleingang zum Mond zu bringen – und 2025 wird das Unternehmen mit dem Starship offiziell den Platz auf dem Thron erringen. Das SLS als Regent könnte früher als gedacht überholt und veraltet sein.
Für mich ist das ein Symptom einer größeren Veränderung: Die USA bleiben Weltraumweltmeister, die NASA bleibt bestehen – aber die Zügel halten andere in der Hand und die Behörde wird von innen ausgehöhlt. Sowohl SpaceX als auch Blue Origin (Jeff Bezos' Raumfahrtunternehmen) brauchen Wissen und Ingenieurskunst der NASA mittelfristig nicht mehr, nur noch ihr Budget.
Wer sich fragt, ob mich das freut: Nein. Egal, wie erfolgreich SpaceX ist, NASA, ESA und ihre internationalen Partner dürfen aus meiner Sicht ihre Stellung nicht verlieren. Ich befürchte aber, dass es dafür bereits zu spät sein könnte.
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