Laut Gehirnforschung punkten Kinder, die ein Instrument lernen, bei einer wichtigen geistigen Fähigkeit

Wer früh ein Instrument lernt, schneidet bei bestimmten Gedächtnistests besser ab. Forscher erklären, wie Musizieren das kindliche Gehirn fordert.

Mentale Höchstleistung an den Saiten: Beim Musizieren muss das Kindergehirn viele Informationen gleichzeitig verarbeiten – eine Studie bringt musikalische Ausbildung mit besseren Leistungen in bestimmten Bereichen des Arbeitsgedächtnisses in Verbindung. (Bildquelle: Adobe Stock, Victoria) Mentale Höchstleistung an den Saiten: Beim Musizieren muss das Kindergehirn viele Informationen gleichzeitig verarbeiten – eine Studie bringt musikalische Ausbildung mit besseren Leistungen in bestimmten Bereichen des Arbeitsgedächtnisses in Verbindung. (Bildquelle: Adobe Stock, Victoria)

Klavier, Gitarre, Geige oder ein anderes Musikinstrument zu lernen, fordert Kinder auf vielfältige Weise.

Eine im Fachjournal Frontiers in Integrative Neuroscience veröffentlichte Studie zeigt nun einen Zusammenhang zwischen musikalischer Ausbildung und besseren Leistungen in bestimmten Bereichen des Arbeitsgedächtnisses – also jener Fähigkeit, die wir ständig nutzen, um Informationen aktiv im Kopf zu behalten, während wir eine Aufgabe erledigen.

Die Forscher untersuchten über mehrere Messzeitpunkte Kinder und Jugendliche, die im Verlauf der Studie zwischen etwa neun und 20 Jahre alt waren, und verglichen Teilnehmende mit und ohne musikalische Ausbildung.

Die Ergebnisse zeigten, dass die musikalisch ausgebildeten Teilnehmenden bei mehreren Aufgaben besser abschnitten; bei einigen Tests war der Unterschied besonders unter den Jüngeren ausgeprägt.

Die wissenschaftliche Arbeit wurde ursprünglich im Jahr 2019 veröffentlicht und rückte im Juli 2026 wieder ins Rampenlicht, nachdem das argentinische Portal TN darüber berichtete und die Aufmerksamkeit auf den potenziellen Zusammenhang zwischen frühem Musikunterricht und dieser kognitiven Fähigkeit lenkte.

Wie das Arbeitsgedächtnis getestet wurde

Um die Entwicklung des Arbeitsgedächtnisses zu untersuchen, nutzten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Laufe der Untersuchung verschiedene kognitive Tests.

Dazu gehörten sogenannte Digit-Span-Tests, bei denen Zahlenreihen wiederholt werden müssen, und der Trail-Making-Test, der zur Bewertung verschiedener Aspekte der kognitiven Leistungsfähigkeit dient.

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Insgesamt wurden die Daten von mehr als einhundert Teilnehmern analysiert.

In der Gruppe mit musikalischer Ausbildung befanden sich Kinder, die im Alter von etwa sieben Jahren mit dem Instrumentalunterricht begonnen hatten und eine öffentliche Schule mit Musikschwerpunkt besuchten. Die Vergleichsgruppe hatte keine formelle Instrumentalausbildung.

Der Unterschied zeigte sich unter anderem bei Aufgaben, die auf dem Behalten von Informationen basierten.

Mit anderen Worten: Die musikalisch ausgebildeten Kinder schnitten bei bestimmten Aufgaben besser ab, in denen sie eine Sequenz im Gedächtnis behalten und unmittelbar wiedergeben mussten. Allerdings fiel das Ergebnis nicht in allen getesteten Bereichen gleich aus.

Trotz des Namens ist das Arbeitsgedächtnis nicht einfach nur die Fähigkeit, sich an etwas zu erinnern. Es funktioniert vielmehr wie eine Art temporärer mentaler Notizzettel, auf dem das Gehirn Informationen so lange parat hält, wie sie für eine bestimmte Aktivität benötigt werden.

Das ist unter anderem der Fall, wenn ihr euch eine Reihe von Anweisungen merken müsst, während ihr sie ausführt, im Kopf ohne Stift und Papier rechnet oder einer Reihe von Schritten folgt, um zu einem Ergebnis zu gelangen. Deshalb ist diese Fähigkeit im Alltag und bei vielen Lernprozessen unverzichtbar.

In der Studie war die musikalische Ausbildung speziell mit einer besseren Leistung beim Behalten von Informationen im Arbeitsgedächtnis verknüpft.

Bei einer Aufgabe, die das mentale Verändern und Aktualisieren von Informationen erforderte, stellten die Forschenden jedoch keinen solchen Vorteil fest.

Warum Musizieren kognitiv anspruchsvoll ist

Eine der Erklärungen, die das Forschungsteam in Betracht zieht, liegt in der Komplexität des Musikunterrichts selbst.

Beim Erlernen eines Musikstücks müssen Kinder mit vielen Elementen gleichzeitig jonglieren: Abfolgen von Tönen verinnerlichen, Noten lesen, Bewegungen koordinieren, genau hinhören und flexibel auf Veränderungen beim Spielen reagieren.

Wenn dann noch andere Personen mitspielen, steigen die Anforderungen weiter. Man muss sich auf das eigene Instrument konzentrieren und gleichzeitig das gemeinsame Tempo halten sowie auf die Mitspielenden reagieren.

Dieses Zusammenspiel an Anforderungen beansprucht das Arbeitsgedächtnis wiederholt.

Laut den Forschenden ist es gut möglich, dass das Musizieren in der Kindheit die Entwicklung bestimmter Komponenten dieser Fähigkeit beschleunigt.

Der Vorsprung zeigte sich nicht bei allen Tests gleichermaßen

Ein besonders interessanter Aspekt der Studie betrifft das Alter der Teilnehmenden.

Die Forscher stellten fest, dass die jüngeren Teilnehmer mit musikalischer Ausbildung bei einigen Tests den deutlichsten Vorsprung hatten.

Im Laufe des Älterwerdens schrumpfte dieser Unterschied jedoch.

Das bedeutet, dass die Ergebnisse nicht zwangsläufig auf einen dauerhaften, unveränderlichen Vorteil von Musizierenden gegenüber Nicht-Musizierenden hindeuten. Mit zunehmendem Alter verkleinerte sich bei einigen der untersuchten Aufgaben der Abstand zwischen den Gruppen deutlich.

Die Schlussfolgerung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist daher differenzierter: Die musikalische Ausbildung war mit einem veränderten Entwicklungsverlauf bestimmter Bereiche des Arbeitsgedächtnisses verbunden, insbesondere in der Kindheit und der frühen Pubertät.

Warum die Ergebnisse keine Kausalität beweisen

Doch genau an dieser Stelle ist Vorsicht geboten.

Obwohl die Ergebnisse einen Zusammenhang zwischen Musikunterricht und bestimmten Fähigkeiten des Arbeitsgedächtnisses nahelegen, betonen die Forschenden selbst eine wichtige Einschränkung:

Es gab keine Messungen dieser Fähigkeiten, bevor die Kinder überhaupt mit dem Musikunterricht begannen.

Daher lässt sich nicht zweifelsfrei schlussfolgern, dass das Erlernen eines Instruments allein für die festgestellten Unterschiede verantwortlich war. Zudem wurden die Teilnehmenden nicht zufällig den Gruppen zugeteilt.

Auch andere Faktoren könnten die Leistung der Teilnehmenden beeinflusst haben. Die Studie sollte also keinesfalls als Beweis dafür dienen, dass Kinder automatisch ein besseres Gedächtnis bekommen, nur weil sie Klavier oder Gitarre lernen.

Was sich aus der Studie ableiten lässt

Das wissenschaftliche Fazit ist daher zurückhaltend: Kinder und Jugendliche mit Musikunterricht zeigten in bestimmten Teilbereichen des Arbeitsgedächtnisses – insbesondere beim Behalten und unmittelbaren Abrufen von Informationen – bessere Leistungen.

Die Studie trägt dazu bei, zu verstehen, warum das Erlernen eines Instruments in der Forschung nicht mehr nur als künstlerische Ausbildung, sondern auch als spannendes Feld für die kognitive Entwicklung untersucht wird.

Ein Instrument zu lernen erfordert Wiederholung, Fokus, Koordination, das Erfassen von Abläufen und schnelle Reaktionen auf Reize. Diese Eigenschaften machen das Musizieren zu einer anspruchsvollen kognitiven Tätigkeit.


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Dennoch bedeuten die Ergebnisse nicht, dass Musik eine Art »Abkürzung« zur Steigerung der allgemeinen Intelligenz oder des Gedächtnisses ist.

Die Studie untersuchte ganz spezifische Teile des Arbeitsgedächtnisses und fand Unterschiede bei bestimmten Aufgaben – nicht eine allgemeine Verbesserung aller kognitiven Fähigkeiten.

Für Kinder, die ein Instrument lernen, heißt das vor allem: Musizieren stellt das Gehirn vor eine Reihe von Herausforderungen, die Aufmerksamkeit und das Behalten von Informationen fordern.

Wie groß solche Effekte insgesamt sind und in welchem Maß Musikunterricht sie tatsächlich verursacht, ist in der Forschung weiterhin nicht abschließend geklärt. Ob und wie stark diese Erfahrung die langfristige kognitive Entwicklung beeinflusst, bleibt weiterhin Gegenstand der Forschung.


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