Was passiert, wenn wir einen Haufen Beton ins Meer schütten, einen Stahlmast hinein- und Flügel dransetzen sowie ein Kabel einstecken? Das Windrad produziert fleißig Strom. Allerdings geschieht unter Wasser auch etwas – und das hat Forscher positiv überrascht.
Wir werfen einen Blick ins Meer und schauen, welche Auswirkungen Offshore-Windparks auf die Tier- und Pflanzenwelt haben.
Keimzellen für Habitate
Es ist lange bekannt, dass Windkraftanlagen sowie Solarenergie eine zentrale Rolle spielen, um auf Dauer die fossilen Brennstoffe in der Erde lassen zu können. Derweil erlebt grüne Energie-Technologie dank dieser um sich greifenden Erkenntnis 2025 das erfolgreichste Jahr ihrer Geschichte. Doch generell sprechen wir meist nur von einer ihrer Qualitäten: Vermeidung von Klimawandel-Folgen, wie der Kollaps von Ökosystemen oder breit auftretendes Artensterben.
Studien und Programme, wie das De Rijke Noordzee program
(Die reiche Nordsee) zeigen eine weitere erfreuliche Seite: Offshore-Windparks als Keimzellen für Habitate im Meer.
Sitzen die Fundamente nämlich erstmal im Seeboden und hat sich der Tumult der Bauarbeiten gelegt, kehrt alsbald auch reichlich Leben ein – meist mehr als vor dem Eingriff.
Die Natur erholt sich rasch, wenngleich verändert. Das aufgewirbelte Sediment sinkt wieder herab, die Strömungen passen sich an und die Tier- sowie Pflanzenwelt stellt sich auf die neuen Bedingungen bei Nährstoffen und Licht ein.
Die Betonstrukturen wirken aufgrund ihrer rauen Oberflächen wie ein künstliches Riff. Es entsteht Lebensraum für Wirbellose, Fische und Algen. Nahrungsketten stabilisieren sich, weitere Arten kommen dazu und letztendlich regeneriert sich der von Fischerei dezimierte Bestand.
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Taucher nehmen uns mit zur größten Korallenkolonie der Erde
Nicht nur Saat, sondern auch Hirten
Derweil ziehen die Windparks um sich herum unsichtbare Grenzen ins Meer – Linien, welche Fischer nicht überschreiten dürfen. Die eigentlich aus Sicherheitsgründen festgelegte Beschränkung schafft implizite Naturreservate, kurzum: de-facto-Schutzgebiete. Hier kann sich das Leben im Meer ungestört vermehren. Vor allem Hummer haben nach einer Untersuchung aus dem Jahr 2022 diese Lücke im buchstäblichen Netz der Fischereiindustrie für sich entdeckt.
Daher lässt sich festhalten, dass im Meeresboden befestigte Windturbinen auch als still-wachende Hirten dienen.
Allerdings findet sich auch eine Schattenseite: Die Habitate ziehen allerlei an und eben nicht ausschließlich erwünschte Lebewesen, sondern auch invasive Arten. Darunter verstehen Biologen Pflanzen oder Tiere, die beispielsweise an Bord oder an Rümpfen von Schiffen haftend von weit her eingeschleppt werden und die es schaffen, sich anzusiedeln.
Da die heimischen Ökosysteme darauf nicht eingestellt sind, vermögen sich solche Eindringlinge häufig langfristig festzusetzen und das bestehende Gleichgewicht empfindlich zu stören.
Selbst rostige Schiffe taugen als Koloniezentren
Ferner kennen wir weitere Beispiele für Objekte aus Menschenhand, die nicht aus natürlichen Stoffen bestehen und dennoch einen förderlichen Einfluss ausüben – ja gar komplett neue Oasen für Leben im Ozean schaffen: alte Schiffe.
Vielfach versenkten wir sie bereits und beobachten, dass an, auf, in und um sie herum lediglich wenige Jahre später bereits Korallenriffe herangewachsen sind. Dafür entfernen Teams von Experten vorher gründlich umweltgefährdende Stoffe – allen voran Flüssigkeiten (Öle, Treibstoff, Fette) oder giftige Materialien wie Asbest.
Im April 2026 soll die wohl bekannteste Saat für neue Rückzugsräume für Pflanzen und Tiere ausgebracht werden: die SS United States. Der schnellste Ozeanliner der Geschichte wird dann den Fluten des Golfes von Mexiko übergeben. Aktuell laufen die Vorbereitungen.
Schattenseiten der künstlichen Habitate
Langfristig bereiten der Wissenschaft vor allem Faktoren wie der Eintrag von metallischen Schadstoffen, Lärm oder die Vibrationen der Turbinen Sorgen. Doch bisher scheint ihr negativer Einfluss geringer auszufallen, als lange befürchtet – zumindest so lange empfindliche Arten wie Wale und Delfine noch genügend Raum finden, um sich zurückzuziehen.
Deshalb sehen Forscher insbesondere nach Berücksichtigung der eingesparten Emissionen von Kohlendioxid, Feinstaub und weiteren Schadstoffen unter dem Strich mehr Vor- als Nachteile. Was wir gewinnen, wiegt also weit schwerer als was wir gefährden (via sciencedirect).
Schäden seien generell eher kurzfristiger Art und bei entsprechender Planung und Rücksichtnahme abmilderbar. Vorsicht und gründliche Studien vor, während und nach dem Bau von Windparks bleiben daher unabdinglich.
Entdeckungen wie diese zeigen, dass Nebeneffekte von moderner Energieproduktion zwar nicht zu vermeiden sind, aber eben doch manchmal in Teilen wünschenswert ausfallen: Wir reduzieren klimaschädliche Emissionen, erzeugen grünen Strom und erschaffen neue Habitate für Leben.
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