Steinkreis
Mittlerweile funkeln die Sterne am Himmel, ich steige vom Berg herab. Die Wolken haben sich bereits verzogen, und was sich mir dort unten empfängt, lässt mich unweigerlich lächeln. Alles ist in Bewegung, alles musiziert. Wind streift durch die Bäume, Hunderte Glühwürmchen tanzen und weisen mir den Weg zu einem geheimnisvollen Ort. Dort angelangt geschieht etwas Sonderbares. Tag und Nacht rasen an mir vorbei, beginnen förmlich zu verschmelzen. Wie es scheint, erhalte ich an diesem Platz die Fähigkeit, die Jahreszeiten zu ändern. Als der Zauber ein Ende hat, bin ich im Sommer angekommen.
In den folgenden Spieltagen eile ich beschwingt von einer Blume zur nächsten, beobachte Schmetterlinge, lasse mich von Bienen über meine Insel jagen. Ja, ich habe »meine Insel« geschrieben, denn mittlerweile fühle ich mich dort heimisch. Auf einem Hügel habe ich sechs Statuen entdeckt. Woher sie kommen und wer sie gebaut hat, weiß ich nicht, aber wenn ich mich in ihre Mitte begebe, funkeln die Sterne heller. Jeden Abend sehe ich der Sonne beim Untergehen zu, treffe mich nachts mit den Glühwürmchen oder suche die Statuen auf. So lässt sich leben. Und trotzdem muss ich immer wieder an den geheimnisvollen Schauplatz denken, dem ich den Sommer zu verdanken habe. Ob sein Zauber noch wirkt? Heute Nacht gehe ich dorthin.
Melancholie
Blutrotes Laub bettet die sterbenden Insekten. Letztes Leben erlischt, während mir der graue Nebel die Sicht raubt. Warum hab ich das getan?! Verfluchter Zauber, verfluchte Neugierde! »Grauen«, das wird mir langsam klar, kommt von »grau«, so grau wie die Welt, auf die ich von der Bergspitze hinabblicke.
Hier oben finde ich ein wenig Trost, hier oben herrschen andere Klänge, dort unten gibt es nur Melancholie. Bis ich eines Nachts etwas erlebe. Etwas, das mir neue Freunde, neue Freude schenkt. Etwas, worüber ich nicht berichten will, man muss es erleben. Und langsam beginne ich zu verstehen: Auch die Veränderung gehört zum Lauf der Dinge, und mag sie anfangs noch so fremd und bedrohlich wirken. Ein letzter Blick auf den Herbst, meine Reise muss weitergehen.
Mühsam bahne ich mir meinen Weg durch den Schnee. Dürres Astwerk, einst von Farben bekleidet. Etwas in mir weiß, dass das Ende naht. Ein letztes Mal wage ich den Aufstieg zum Gipfel. Dort stehe ich einige Minuten, als die ersten Schneeflocken zu fallen, zu singen beginnen. Und ich sehe, sehe zurück auf die Dinge, die ich im Laufe meines Abenteuers erlebt habe, auf die Jahreszeiten, die mir gleichermaßen Euphorie als auch Melancholie beschert haben.
Auf die Bewohner dieser seltsamen, außergewöhnlichen Insel, die sich mir entzogen haben und mir gleichzeitig nah waren. Und ich sehe erneut – nicht mehr zurück, sondern nach oben und vor meinen Augen spielt sich etwas Wunderschönes ab. Ein passendes Ende.
Willkommen und Abschied
Ich besuche die Insel danach noch ein paar Male, mache mir Gedanken über Gesehenes, wen oder was meine Spielfigur darstellt, entdecke neue, kleine und große Geheimnisse. Auch wenn meine erneuten Ausflüge nie den Zauber des ersten Mals einfangen können (wer oder was vermag das schon) stoße ich immer wieder auf faszinierende Details, die zum Interpretieren einladen.
Ich muss Proteus nicht Kunst nennen, muss es nicht verstehen oder Überlegungen anstellen. Ich kann mich über die Pixeloptik ärgern, über die Geräuschkulisse den Kopf schütteln und mich fragen, ob ich dieses Werk überhaupt als Spiel bezeichnen sollte. Ich kann sogar in unter einer Stunde bis zum Abspann hetzen und die Insel danach für immer links liegen lassen. Mir persönlich jedoch reicht in Zeiten seelenloser Klon-Fortsetzungen und Einheitsbrei-Erzeugnissen die eine Erkenntnis: Proteus hat mich berührt.

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