1926 erfasste eine Straßenbahn den Schöpfer eines steinernen Puzzles – 100 Jahre später haben wir es endlich beinahe vollendet. Antoni Gaudí arbeitete vor seinem Tod bereits seit 43 Jahren an der höchsten Basilika der Welt, der Sagrada Família.
Sie überragt allerdings auch abseits ihrer Höhe alle anderen. Es existiert auf Erden dank ihrer Statik kein zweites Bauwerk ihrer Art.
Wir nehmen euch mit nach Barcelona zu einem Vorhaben, das seit dem Spatenstich 1883 fünf Generationen an Architekten und Ingenieure verwirklichen. Denn jetzt konnten sie rund 60 Jahre Bauens dank eines Geniestreichs der Chemie aus Deutschland überspringen: 24 Tonnen Klebstoff für den größten Modellbausatz der Welt.
Nur dank ihm übertrifft die Basilika schon heute die Spitze des Münsters in Ulm – um etwa elf Meter. Es hielt den Rekord für 135 Jahre, davor galt der Kölner Dom als höchste Kirche der Welt. Davor war es für Jahrhunderte die Kathedrale von Lincoln (UK).
Die Sagrada Família ist keine Kathedrale, da in ihr kein Bischof residiert. Nur die Sitze von Bischöfen dürfen sich Kathedrale nennen. Die Sagrada Família ist eine Kirche sowie insbesondere eine Basilika. Letzteres ist ein Ehrentitel, den der Papst an bedeutende katholische Kirchen verleihen kann.
Im Falle der zu Deutsch Heiligen Familie
zeichnet hierfür Papst Benedikt XVI. verantwortlich. Er weihte die Kirche im November 2010. Zuvor war sie für mehr als 100 Jahre nur eine pompöse Baustelle, die kein Gläubiger einfach so aus religiösen Gründen betreten durfte.
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Puzzle gegen die Gravitation: Stein, Stahl und Chemie
Noch nie wirkten wohl mehr als 100 Jahre Glaube, Kunst, Handwerk und Wissenschaft derart zusammen wie bei der Sagrada Família. 2026 ragen auf einer Grundfläche von 5.400 Quadratmeter (90 x 60 Meter) 18 Türme empor – ihren Mittelpunkt bildet der Turm für Jesus Christus.
Auf ihm prangt ein beinahe 100 Tonnen schweres Kreuz aus Stahl und Glas – hergestellt übrigens in Gundelfingen, Deutschland. Nach Abschluss aller Arbeiten sollen Besucher aus seinem Inneren heraus Barcelona überblicken (via barcelona.com).
Doch der Weg bis hierher war lang, steinig, aufwendig und zuletzt klebrig. Denn den Handwerkern griff zuletzt modernste Chemie unter die Arme. Dank eines neuen Spezialklebstoffes der deutschen Firma Henkel vollendeten sie den Kern eines Vorhabens, das vielleicht sogar erst Ende des Jahrhunderts fertig zu werden schien.
Links seht ihr die Kirche als Baustätte Anfang des 20. Jahrhunderts. Rechts entspricht sie dem Stand von Juni 2026. Der zentrale Turm mit dem Kreuz ist klar erkennbar. (Bildquellen gemeinfrei und commons.wikimedia, canaan unter CC BY-SA 4.0)
Die sechs zentralen Türme, darunter der Turm Jesu, wurden nämlich nicht gemauert, sondern verklebt. Türme aus klassischem Mauerwerk oder erdbebensicherem Stahlbeton mit dekorativer Steinverkleidung hätten zu viel gewogen.
Die alternative Bauweise halbierte die Gewichtslast der Türme. Zudem reduzierte sie die Bauzeit dramatisch: Anstatt der mindestens 50 weiteren prognostizierten Jahre brauchte die Errichtung der zentralen Türme seit 2018 nur noch acht.
Flüssig aufgetragen verbindet der Spezialklebstoff die am Boden vorgefertigten Stein- und Stahlelemente nahtlos. Er füllt selbst mikroskopische Vertiefungen oder Hohlräume aus, wobei der Aushärtungsprozess rund 24 Stunden dauert
Für die rund 826 Paneele und mehr als 2.100 einzelnen Steinelemente trugen die Spezialisten 24 Tonnen Klebstoff auf – etwa 30 Kilo pro Panel.
Laut Henkel bieten die verklebten Bereiche der Basilika eine Tragkraft, die rund der Belastung durch 100.000 Menschen pro Quadratmeter entspricht – in etwa so viele wie höchstens auf die Ränge des Fußballstadions vom FC Barcelona passen.
Dank exakter Planung anhand eines 3D-Modells – mit dem auch die komplexe Statik berechnet wurde – fügte sich das gewaltige Puzzle über den Dächern der katalanischen Hauptstadt rasch zusammen.
Die Montage eines der fünf mal vier Meter großen Panels dauert dadurch nur noch 30 Minuten – wie ein Modellbaukasten, nur halt im monumentalen Maßstab.
Nicht nur die höchste, auch einzigartig – aber nicht fertig
Großkirchen bilden per se eine spezielle Gruppe von Bauwerken auf Erden, doch die Sagrada Família hebt sich sogar aus dieser ohnehin illustren Gruppe ab. Denn sie funktioniert nach einem grundlegend anderen statischen Grundprinzip als jede andere Großkirche der Welt.
Klassische gotische Bauwerke (Notre-Dame, Köln, Ulm) brauchen außen sichtbare Strebepfeiler und innere Verstrebungen. Sie halten gemeinsam die Seitenwände sowie das Dach.
Die Sagrada Família trägt sich rein durch ein ausgeklügeltes inneres Säulen-/Gewölbesystem. Die Außenwände tragen nur das eigene Gewicht, sonst nichts. Dies gelingt durch:
- Geneigte Säulen, die sich auf dem Weg nach oben verzweigen, sammeln die Last des Gebäudes und leiten sie in den Boden. Gaudí ließ sich hierbei von einem dichten Blätterdach sowie den knorrigen Baumstämmen darunter inspirieren. Seine Basilika übersetzt quasi einen Wald ins Steinerne und ahmt somit die Natur nach, wie kein zweiter seiner Generation.
- Anstatt aus Kreisbögen, Spitzbögen oder flachen Wänden zu bestehen, besteht der gesamte Bau aus einem gigantischen Puzzle. Näher betrachtet puzzelten wir die Sagrada Família nämlich konsequent aus unzähligen einzelnen Regelflächen, zum Beispiel: hyperbolische Paraboloide, Helikoide, Konoide und weitere von der Natur inspirierte Formen – quasi Kegel, sich windende Bögen oder langgezogene, flache Rundformen.
- Gaudí nahm hier Lösungen vorweg, die erst etliche Jahrzehnte später zum Standardwerkzeug für Architekten heranreifen sollten.
Weil die gesamte Lastabtragung intern über das Säulen-/Gewölbesystem läuft, müssen die Außenwände nur noch ihr eigenes Gewicht tragen.
Das Gewicht der Gewölbe wird über interne Säulen in den Boden abgeleitet, sodass auf den Außenwänden lediglich ihr Eigengewicht ruht – das erlaubt zahlreiche große Öffnungen wie Rosetten und Fenster, die die Masse der Wände zusätzlich reduzieren.
Genau das ermöglicht die für die Sagrada Família typische Flut an Buntglaslicht, die bei klassischen, tragenden Steinwänden so nicht möglich wäre. Sie sind das Geschenk der cleveren Bauweise.
Eine im Inneren helle, tagsüber ständig von je einer Seite von farbigem Licht durchflutete Basilika, wie sie nur einmal auf der Welt existiert – niemals wird wohl The Line in Saudi-Arabien zur Wirklichkeit reifen.
Obschon nun auf finaler Höhe, gehen die Bauarbeiten weiter. Es fehlt noch der Innenausbau des Christusturms sowie eine weitere Fassade der Basilika. Momentan gilt für das Ende der Bauarbeiten das Jahr 2035 als erreichbar. Dann werden seit dem Spatenstich 152 Jahre vergangen sein. Antoni Gaudís Lebenswerk wird weit über seinen Tod hinaus.

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