170-Kilometer-Stadt »The Line« in Gefahr? Saudi-Arabien stellt sein Mega-Projekt auf den Prüfstand

Dass Saudi-Arabien tief in die Tasche greift, um seine Mega-Bandstadt durch die Wüste zu bauen, war zu erwarten. Doch jetzt tauchen scheinbar Zweifel auf – die größte Sicherheit wird potenziell zum Verhängnis.

Das war schon immer klar: Geld geht reichlich baden bei The Line. Die Frage ist nur wohl so langsam: Wie viel ist Saudi-Arabien wirklich bereit zu riskieren?
(Bildquelle: Neom, The Line) Das war schon immer klar: Geld geht reichlich baden bei The Line. Die Frage ist nur wohl so langsam: Wie viel ist Saudi-Arabien wirklich bereit zu riskieren? (Bildquelle: Neom, The Line)

Wer nach visionären Bauprojekten sucht, wird in Saudi-Arabien fündig. Ambitioniert, finanzstark, entschlossen und in den Augen mancher schier wahnsinnig – so kennen Interessierte die Konzepte und Baustellen im Wüstensand.

Doch die Sicherheit scheint zu bröckeln. Die saudischen Machthaber holen sich Berater-Hilfe ins Land, um eines ihrer Flaggschiff-Projekte auf Machbarkeit, Wirtschaftlich- und Sinnhaftigkeit prüfen zu lassen, wie Bloomberg berichtet. Sind die 500 Milliarden US-Dollar für die 170 Kilometer lange Mega-Zukunftsstadt The Line clever investiert?

Erst kürzlich veröffentlichten die Verantwortlichen selbst detaillierte Aufnahmen der Riesen-Baustelle. Die Bilder zeigen eindeutig: Hier passiert wirklich etwas, doch von der Fertigstellung trennen das Projekt noch immer buchstäblich Kilometer – und eben Hunderte Milliarden, oder vielleicht ja doch nicht.

Die Problemlage rund um fundamentale Rechte in Saudi-Arabien: Amnesty International zufolge missachtet der Golfstaat in etlichen Bereichen Menschenrechte und international anerkannte gesellschaftliche Standards. Meinungs-, Presse- oder Vereinigungsfreiheit sind nicht gegeben.

Ferner bleibt die gesellschaftliche Stellung von Frauen und Minderheiten weiterhin problematisch. Sie werden durch Gesetze und im täglichen Leben aufgrund von Tradition und Religion diskriminiert.

In der Strafverfolgung herrscht teils Willkür; Regimekritiker werden ohne klare Anklage, mitunter für sehr lange Zeit, in Gewahrsam genommen oder verschwinden spurlos. Vor Gericht erwarten sie regelmäßig ausgedehnte Haftstrafen, und in Gefängnissen sind sie Folter ausgesetzt. Auch die Todesstrafe bleibt ein Mittel für die Gerichte, die die auch für Straftaten wie etwa Drogenschmuggel verhängen.

Darüber hinaus leiden Arbeitsmigranten weiterhin unter dem Kafala-System. Obschon dieses traditionelle Vertragsinstrument inzwischen auf Kritik hin verändert wurde, sind ausländische Beschäftigte noch immer der Kontrolle ihrer Arbeitgeber unterworfen. Pässe werden mitunter einbehalten, um ein Druckmittel zu besitzen. Im Sommer müssen die Arbeitsmigranten weiterhin ungeschützt in brütender Hitze arbeiten.

Saudi-Arabien führt außerdem illegal einen Krieg im Jemen. Dem Land werden deshalb Kriegsverbrechen und zahlreiche schwere Verstöße gegen das Völkerrecht vorgeworfen.

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Überprüfung einer Vision

Für die Prüfung des Vorhabens ist der staatliche Public Investment Fund (PIF) verantwortlich. Betroffen sei nicht nur The Line, sondern das Gesamtprojekt Neom, zu dem die geplante Millionenstadt gehört (hier erfahrt ihr mehr dazu).

Wir kennen keine Details zu dem Vorhaben, aber Fachleute erahnen, worum es geht, wie Tim Callen, Gastwissenschaftler am Arab Gulf States Institute, gegenüber CNBC:

Wahrscheinlich werden die technische Machbarkeit, die Finanzierung und auch die wirtschaftlichen Auswirkungen untersucht. Ist die Technologie tatsächlich vorhanden, um Neoms Ziele zu erreichen?

Ein Berater mit Kenntnissen der Vorgänge, der mit CNBC anonym gesprochen habe, kommt zu einem eindeutigen Fazit:

Sie beginnen endlich, fundierte finanzielle Entscheidungen zu treffen.

Ein Abbruch der Arbeiten sei laut ihm aber nicht zu erwarten, doch Stellenstreichungen oder eine Verkleinerung an irgendeiner Stelle durchaus wahrscheinlich. Tim Callen unterstützt diese Sichtweise, ohne seinen Angaben nach selbst über interne Informationen zu verfügen. Aber solche Gedanken seien angesichts der wirtschaftlichen Lage folgerichtig.

Neom selbst hat sich weder gegenüber Bloomberg noch auf Nachfrage von CNBC zu den Interna geäußert.

Der Segen Fluch des Erdöls

Der Reichtum Saudi-Arabiens fußt fast ausschließlich auf fossilen Rohstoffen – allen voran Erdöl. Deshalb hat der Wüstenstaat schon vor Jahrzehnten beschlossen, seine Wirtschaft umzubauen. The Line ist Teil einer Strategie, die stark auf Faszination am Extremen setzt.

Eine Motivation dahinter: zahlungskräftige Touristen ins Land locken sowie allgemein die Basis der Wirtschaft verbreiten.

Unser Autor schrieb hierzu sogar einst seine Bachelorarbeit in Wirtschaftsgeografie, allerdings mit Fokus auf Dubai, einem nahegelegenen Staat mit ähnlichen Grundlagen.

Die Grafik zeigt es deutlich: Der Ölpreis fällt, seitdem der Schock auf den Rohstoffmärkten im Nachfeld des Beginns des Russischen Angriffskrieges verklungen ist, tendenziell ab.(Bildquelle: esyoil) Die Grafik zeigt es deutlich: Der Ölpreis fällt, seitdem der Schock auf den Rohstoffmärkten im Nachfeld des Beginns des Russischen Angriffskrieges verklungen ist, tendenziell ab.(Bildquelle: esyoil)

Die finanziellen Mittel zum Ausbau der Infrastruktur oder gigantischen Bauprojekten, wie The Line, kommen bis dahin aber weiterhin größtenteils vom Verkauf von Erdöl. Doch der Preis fällt anhaltend, wie die Grafik zeigt. Noch vor wenigen Jahren lag der Preis für den Standard namens Brent fast doppelt so hoch.

Saudi-Arabiens finanzielle Mittel schrumpfen also praktisch sowie perspektivisch stärker zusammen, wahrscheinlich einst prognostiziert. Angesichts dieser Lage betonen Insider sowie Tim Callen als Experte, die Vernunft eines Hinterfragens bisheriger Ziele.

Die Gründe, weshalb die Saudis also zumindest intern an bisher quasi einbetonierten Gewissheiten rütteln, ergeben Sinn – doch wie genau die Folgen aussehen könnten, bleibt abzuwarten.


Der Mittlere Osten bleibt aber auch abseits von The Line eine Fundgrube für Fans von exzentrischen oder schlichtweg gigantischen Bauprojekten:

Was genau ist The Line?

Ein Blick auf die Ausmaße – sowohl qualitativ als auch quantitativ – des nun wohl erstmals seit Jahren wirklich hinterfragten Projektes macht deutlich, wo die Kosten herrühren:

Irgendwann im kommenden Jahrzehnt sollen Millionen von Menschen in der insgesamt 170 Kilometer langen, 500 Meter hohen sowie 200 Meter breiten Hightech-Stadt leben. Vertikal soll die nach oben hin offene und von außen komplett verspiegelte, sogenannte Bandstadt alles bieten, was die Menschen zum Leben brauchen: Wohnungen, Geschäfte, Verkehrswesen, Schulen, Parks und so weiter.

Allein das Tor zu dem künstlichen Hafenbecken für Yachten und Kreuzfahrtschiffe beeindruckt. Denn der Zugang lässt Schiffe durch ein Segment, das sich Hidden Marina nennt, die eigentliche Stadt durchqueren.

Die gesamte Energie- und Wasserversorgung soll nachhaltig gestaltet werden, das Ziel dabei: CO2-Neutralität. Autos sind tabu, stattdessen wird auf noch unbekannte intelligente Verkehrssysteme gesetzt, die alle Teile miteinander verbinden.

Alle Details zu den früher schon durchgedrungenen Schwierigkeiten haben wir euch in einem separaten Artikel zusammengefasst.

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Über The Line ließen sich noch etliche weitere Tech-Geschichten erzählen, so soll zum Beispiel in seinem Dach ein Fußballstadion entstehen. 2034 sollen hier sogar Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer ausgetragen werden. Spätestens dann dürfte das Ergebnis der Prüfungen in der einen oder anderen Form weltweit Beachtung finden.

Denn sollten an etlichen Ecken des Megaprojektes Einsparungen beginnen, könnte es eng für diesen an sich eher nebensächlichen, aber höchst anspruchsvollen Teil der Vision einer Stadt der Zukunft werden.