Als die R/V Blue Heron
in den Hafen von Cleveland (Ohio, USA) einlief, ahnte niemand, was folgen sollte. An sich stand auf dem Plan, im Trockendock ein Problem mit der Steueranlage des Forschungsschiffes zu beheben – es kam anders.
Denn in den Untiefen der Schächte, die nur auf Land für Menschen zugänglich sind, entdeckten die Arbeiter eine ölig-teerige-zähflüssige, schwarze Substanz. Sie brachten ihren Fund zu Wissenschaftlern und sie fanden etwas, was in der Mystery-Serie Akte X die FBI-Agenten Mulder und Scully auf den Plan gerufen hätte: bisher unbekanntes Leben.
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Das sind unsere Botschafter für die Ewigkeit jenseits des Sonnensystems – mit an Bord Clyde Tombaugh
Warm, dunkel und sauerstofflos: der ideale Lebensraum
Der leitende Forscher Cody Sheik kann seine Begeisterung in der Mitteilung der University of Minnesota nicht verhehlen:
Die größte Überraschung war, dass da in der Substanz Leben enthalten war – und nicht zu knapp.
Denn, was die Analyse von Proben des schwarzen Teers durch die Wissenschaftler des Large Lakes Observatory (LLO) zeigte, war ein Novum: Erstmals haben wir neuartiges Leben an Bord eines Schiffes gefunden. Die R/V Blue Heron beheimatete in der Düsternis ihres Ruderschafts eine Kolonie verschiedener Mikroben, einige davon komplett unbekannt. Die Wissenschaft kennt die Biomasse jetzt als ShipGoo001
.
Allerdings stellte eine Eigenschaft die Wissenschaftler vor ein Rätsel: Die Bakterien sind anaerob, sie brauchen keinen Sauerstoff, um sich zu vermehren. Aber das Meerwasser um das Schiff enthält natürlich reichlich davon. Sie wurden also mit größter Wahrscheinlichkeit nicht unterwegs auf den Großen Seen Amerikas oder auf dem benachbarten Atlantik aus Versehen aufgesammelt. Eine mögliche Verwandtschaft mit bekannten Arten gibt derweil einen Hinweis zur Lösung.
Am ehesten ähneln die Mikroben Verwandten, die in Teergruben auf Ölfeldern gedeihen. Deshalb stellen die Forscher zur Frage der Herkunft folgende These auf: Der bisher unbekannte Stamm oder eine bekannte Mikrobenart, die sich veränderte, saß inaktiv in Schmieröl, das bei der Wartung zum Einsatz kam.
Sobald sie im warmen, sauerstofflosen Propellerschacht ansprechende Bedingungen vorfanden, begannen sie sich auszubreiten, bis sich schließlich nach unbekannter Zeitspanne die zähflüssige Masse angesammelt hatte. Sie mussten in ihrer Kolonie in völliger Dunkelheit nichts fürchten, es war die ideale ökologische Nische für ihrereins: Stabile Bedingungen und nichts, was sie fressen konnte.
Ferner scheinen sie auch dank Nahrung im Überfluss zu florieren: Das Metall der Steuer- und Antriebsanlage diente als ideales Material, um ihr Zuhause buchstäblich zu formen. Sie könnten deshalb auch für Bio-Korrision sorgen – also Komponenten rosten lassen. Das hat eventuell auch zu den Problemen mit dem Steuer beigetragen.
Biokorrosion gehört zur Kehrseite der uns vertrauten Art von Verrostung, der aeroben Korrosion. Hierbei reagiert Metall mit Sauerstoff in Gegenwart von Wasser oder Feuchtigkeit. Übrig bleibt davon an der Oberfläche das uns optisch bekannte Eisenoxid als Korrosionsprodukt.
Keine Gefahr – Mulder und Scully bleiben zu Hause
Wenn euch jetzt bei Gedanken an das gefürchtete schwarze Öl aus Akte X schummrig wird, könnt ihr durchatmen. Es geht oder ging niemals eine Gefahr von der Substanz aus – weder für die Besatzung des Schiffes noch für die Forscher, und schon gar nicht für die Menschheit als Ganzes. Das Ermittlerduo des FBIs kann sich also getrost Alienphänomenen annehmen.
Die Flüssigkeit von der Blue Heron ist eine durchweg spannende und positiv gefärbte Entdeckung. Das muss bei unerwarteten Lebenszeichen aber nicht immer so laufen: Manchmal verkommt es geradezu zur Katastrophe für die Wissenschaft, wie im Fall eines Asteroiden.
Derweil könnte der Fund laut der Wissenschaftler sogar langfristig Früchte tragen – jenseits der Faszination oder des Grusels: Denn einige der Mikroben könnten nach aktuellen Daten Methan produzieren. Solch eine lebende Kleinstquelle könnte in Massen zur Produktion von Biokraftstoffen herangezogen werden. Nicht zu verwechseln mit Methanol – ein Alkohol, der die Schifffahrt in Zukunft antreiben könnte.
Funde wie diese zeigen, dass bisweilen direkt vor oder unter unseren Füßen Entdeckungen verborgen liegen. Ein an sich unscheinbarer Ort, den niemand abseits der Schiffswerft beachtet, hat sich hier als Lebensraum erster Güte für bisher unbekannte Lebensformen entpuppt.
Ihr Name, ShipGoo001
, ist übrigens nur ein Platzhalter. Im Laufe des Sommers wollen die Forscher gemeinsam mit der Öffentlichkeit nach einer finalen Benennung suchen. Vielleicht haben ja auch die Darsteller von Scully und Mulder, Gillian Anderson und David Duchovny, eine Idee.
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