»Bizarre Mischung aus Kind und Ente« – Wenn Maschinen Stimmen imitieren: Der sprachgewaltige Albtraum des 18. Jahrhunderts

Das Kempelensche Sprachgerät faszinierte und ängstigte zugleich. Wie genau dieser Apparat menschliche Sprache imitierte und heute noch relevant ist.

»Das erste Hören einer Menschenstimme, die augenscheinlich nicht aus einem Menschenmund kam« meint nicht den Horror-Bären aus dem Film Auslöschung, sondern eine Blasebalg-Erfindung aus dem 18. Jahrhundert. (Bildquelle: Deutsches Museum) »Das erste Hören einer Menschenstimme, die augenscheinlich nicht aus einem Menschenmund kam« meint nicht den Horror-Bären aus dem Film Auslöschung, sondern eine Blasebalg-Erfindung aus dem 18. Jahrhundert. (Bildquelle: Deutsches Museum)

Pa-pa, O-ma, O-pa: Stellt euch vor, ihr hört diese Worte, seht aber keinen Menschen, sondern bloß eine Art hölzernen Blasebalg auf einem Präsentationspodest. Ihr erkennt die Wörter ganz genau, sie klingen aber unnatürlich.

Es geht hierbei um eine Erfindung aus dem 18. Jahhundert, den Kempelenschen Sprachapparat, der Menschenlaute von sich geben soll.

Als würde dort eine bizarre Mischung aus Kind und Ente sprechen, wie es in Spektrum Geschichte (05/24) beschrieben wird.

Kollege Jan fühlte sich bei meinen Schilderungen an den Bären aus dem Sci-Fi-Horrorfilm Annihilation (deutsche Version Auslöschung) erinnert und auch ich kann diesen Vergleich jetzt nicht mehr abschütteln, obwohl ich mir bloß die besagte Szene mit dem Bären angesehen habe.

Dieses Tier, das man nur mit sehr gutem Willen als Bären bezeichnen kann, macht Menschengeräusche (nach). Sucht am besten selbst bei YouTube, wenn ihr wissen möchtet, wovon ich rede. Das Ungetüm ist auch im Trailer kurz zu sehen:

Video starten 2:26 Annihilation – Auslöschung: Trailer zum Sci-Fi-Horror mit Natalie Portman von Ex Machina-Regisseur

Was der Kempelensche Sprachapparat ist

Der Kempelensche Sprachapparat (auch Sprechmaschine genannt) ist ein mechanisches Gerät, das Ende des 18. Jahrhunderts vom ungarischen Erfinder Wolfgang von Kempelen (1734–1804) entwickelt wurde und menschliche Sprache imitieren sollte.

Heute sind wir es teilweise gewohnt, dass unsere Technik mit uns spricht. Die Umsetzung ist oft kaum von einem echten Menschen zu unterscheiden. Damals, im 18. Jahrhundert sorgte der Kempelensche Sprachapparat jedoch für Gänsehaut beim Publikum.

In der oben verlinkten Ausgabe des Spektrum-Geschichte-Magazins wird das folgende Zitat eines Zeitzeugen von 1784 aufgegriffen:

Wir sahen einander stumm und betroffen an, und gestunden uns hernach offenherzig, dass uns im ersten Moment ein kleiner heimlicher Schauer überlaufen hatte.

Gleichzeitig zeigten sich andere Wissenschaftler hellauf begeistert von der unerhörten Erfindung.

Sinn und Zweck der Maschine

Im Jahr 1791 veröffentlichte Kempelen in seiner Arbeit Mechanismus der menschlichen Sprache erste Beschreibungen des Apparats.

Auch wenn der Vergleich mit dem Bären aus dem Film Auslöschung eventuell eine andere Konnotation hervorruft, war die Intention, damit die menschliche Stimme simulieren zu wollen, mit einem löblichen Zweck verbunden. Er sollte dazu dienen, gehörlosen Menschen eine Möglichkeit des Sprechens zu geben.

In stark vereinfachter Form beherrscht die Erfindung zumindest die Grundlagen menschlicher Sprache, wie einzelne Wörter.


Video starten 1:20 In meinem Keller war ein Spielzeug, das aus einem Horrorfilm sein könnte – aber die Kinder lieben es


Funktionsweise durch Blasebalg

Der Klang wird mittels eines Luftstroms erzeugt, der durch einen Blasebalg in Bewegung versetzt wird. An der Spitze befindet sich eine Lingualpfeife, welche die Stimmlippen nachahmt (auch Glottis genannt – nein, nicht der aus Grim Fandango).

Ein Mundtrichter aus Naturkautschuk ermöglicht das Ausbilden der Vokale. Seine Öffnung muss mit der Hand verformt werden, um die verschiedenen Töne zu erzeugen.

Trotz der Komplexität ist der Funktionsumfang relativ klein. Die Maschine fabriziert lediglich einfache kindliche Worte wie Mama oder Papa, was angesichts der Stimmverzerrung tatsächlich ein wenig gruselig wirkt.

In dem folgendem Video vom Deutschen Museum in München, in dem ein Nachbau ausgestellt wird, könnt ihr euch das Ergebnis selbst anhören und die Verwendung ansehen:

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Der Apparat wird wie ein Musikinstrument bedient. Durch den Blasebalg ist er zumindest kein Blasinstrument, etwas Fingerfertigkeit ist aber dennoch nötig.

Heutige und damalige Bedeutung

Kempelen war auch der Erfinder des berühmten Schachtürken. Dieser verdankt seine Berühmtheit jedoch einer Täuschung: in dem Schach-Automaten versteckte sich ein Mensch.

Während der Schachtürke eine unterhaltende Sensation sein sollte und mitsamt seines menschlichen Bewohners durch Europa gekarrt wurde, erhielt die Sprechmaschine eher eine wissenschaftshistorische Komponente mit bedeutender Leistung für die Phonetik.

Spektrum Geschichte ordnet zudem die heutige Relevanz ein:

Die Konstruktion trat große Diskussionen darüber los, ob solche Erfindungen überhaupt sein dürfen – ob Sprache nicht eigentlich die Seele des Menschen ausdrücke und diesem vorbehalten sein sollte.

Dieses Zitat aus dem wirklich lesenswerten Spektrum-Artikel könnte nicht nur andeuten, warum die Laute des Bären im Film Auslöschung so verstörend auf uns wirken, es zeigt auch weiter auf grundsätzliche technische Entwicklungen.

Silke Berdux, Kuratorin im Deutschen Museum in München, fügt hinzu: Es verhielt sich ähnlich, wie heute mit der KI.

Wer sich die Nachbildung des Kempelenschen Sprachapparats gerne einmal in Natura ansehen möchte, kann dies im Deutschen Museum in München machen. Dort ist er Teil der Musikinstrumente-Ausstellung.

Für diejenigen, die sich nun fragen, warum hier immer nur von Nachbildungen die Rede ist: Das Original gilt heute als verschollen.

Derzeit ist nicht bekannt, wo sich das ursprüngliche Gerät, das Wolfgang von Kempelen Ende des 18. Jahrhunderts konstruierte, befindet. Es ist nicht auszuschließen, dass es nicht einmal mehr existiert und im Laufe der Geschichte zerstört wurde.

Bei so etwas leicht Gruseligem ist die Zerstörung vielleicht auch ein nachvollziehbarer Reflex, insbesondere, wenn man im 18. Jahrhundert lebte.

Oh nein.

Jetzt muss ich wieder an diesen fiesen, mutierten Bären denken.

Das Exemplar im Deutschen Museum ist zwar ebenfalls historisch, wird jedoch nicht als das Original betrachtet. Dennoch gilt es als das derzeit älteste bekannte Modell seiner Art (um 1800).

Es gibt heute mehrere Nachbauten. Sie basieren auf Kempelens detaillierter Beschreibung aus seinem Buch Mechanismus der menschlichen Sprache (1791) und sind in verschiedenen Museen und Universitäten wie dem Deutschen Museum ausgestellt.

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