»Nur noch eine Runde« - immer wieder, seit Jahrzehnten, halten uns Spiele wie Civilization bei der Stange. Wie beliebt das Prinzip der globalen Rundenstrategie immer noch ist, zeigt aktuell Humankind. Wieder einmal führen wir unser Volk von der Antike in die Neuzeit, auch wenn das in Humankind mit dem Twist der Kulturwechsel einhergeht. Obwohl ich persönlich diese Variation nicht so überzeugend finde, halte ich Humankind dennoch für ein gutes Spiel. Wie ich überhaupt das Genre sehr gern habe.
Aber Civilization-artige Spiele werden in den letzten Jahren zunehmend kritisiert - weil sie wirtschaftliches Wachstum über alles stehen, weil die Ausbreitung in neue Lebensräume das ultimative Spielziel ist, weil sie nationalistische Ideen in sich tragen.
Nun ist mit Syphilisation auf Steam sogar eine Art Anti-Civilization erschienen, zunächst im Early Access. Was der Solo-Entwickler Nikhil Murthy als Parodie auf das Genre bezeichnet, entpuppt sich in ersten Tests als bittere Karikatur einer heiß geliebten Spielereihe und ihrer vielen Nacheiferern. Es ist ein Spiel, das garantiert nicht jedem gefallen wird - aber das auch Kritiker nachdenklich macht.
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Der Autor
Mario Donick spielt gerne rundenbasierte 4X-Strategiespiele, aber mittlerweile wünscht er sich auch mal eine Abwechslung zur immer gleichen Struktur aus Ausbreitung, Wachstum und Eroberung. Darum war er begeistert, als er das erste Mal auf Nikhil Murthy's Syphilisation stieß. In seinem Buch »Let's Play!« (2020) stellt er dar, warum wir so gerne spielen und strategische Probleme lösen, zeigt aber auch, wie wir Spiele bewusster genießen können.
»Kritisches« Spielen
Anfangs war es nur die Geschichtswissenschaft, die auf das vereinfachende Geschichtsbild von Spielen wie Civilization und Humankind hinwies - die Entwicklung geht geradlinig in eine Richtung, »neu ist immer besser« und überhaupt dominiert am Ende die »westliche« Kultur.
Doch mittlerweile wird das ganze Genre »4X« hinterfragt - im Englischen steht das X eben nicht nur für eXplore (erkunden), sondern auch für eXpand (ausbreiten), eXploit (ausbeuten) und eXterminate (auslöschen). Dass das nicht nur durch Kriege, sondern auch durch »Diplomatie«- oder »Wissenschaft«-Siege geschehen kann, ist für Kritiker zweitrangig - das Spielprinzip bildet auch so Vormachtsstreben und ständiges Wachstum als Ideal ab. Das gefällt nicht allen.
»Es ist doch nur ein Spiel«, kann man dem entgegenhalten, was aber aus kritischer Sicht heute kein gültiges Argument mehr ist. Wenn Spiele nicht nur Unterhaltungsmedium sind, sondern genauso wie Literatur und Film als Kunst angesehen werden (was ja auch Hersteller gerne für sich in Anspruch nehmen), müssen sie sich derselben Grundsatzkritik stellen, die etwa auch Popmusik oder Hollywood-Blockbustern entgegenschlägt, wenn diese nicht gesellschaftskritisch genug erscheinen.