Ein Betriebssystem zu entwickeln, ist schwierig und mit vielen Hürden verbunden. Als 1981 Microsoft mit MS-DOS ihr erstes Betriebssystem für x86-PCs veröffentlichte, brauchte es ein großes Team, das mehrere Jahre an dem System arbeitete.
Umso beeindruckender ist es, dass der Programmierer und Elektroingenieur Terry A. Davis 2005 ein eigenständig programmiertes Betriebssystem veröffentlichte, das später sogar auf einer eigens erfundenen Programmiersprache basierte.
Bei TempleOS handelt es sich um ein sogenanntes esoterisches Betriebssystem – und das einzige in dieser Größe –, dessen Entstehung nicht nur bewundernswert ist, sondern auch zeigt, wozu unglaubliche Hingabe führen kann.
Die Geschichte beleuchtet auch das tragische Leben seines Entwicklers, der mit einer schweren psychischen Erkrankung lebte und bis zu seinem Tod an dem ungewöhnlichen Projekt arbeitete.
Hinweis: Dieser Artikel behandelt auch die psychische Erkrankung von Terry A. Davis und seine religiösen Überzeugungen, die eng mit der Entstehung von TempleOS verbunden waren. Wir greifen diese Aspekte seiner Lebensgeschichte auf und ordnen sie sachlich ein, ohne seine Erkrankung mit seiner technischen Leistung gleichzusetzen.
Terry A. Davis: Der Mensch hinter TempleOS
Bevor wir auf die Entwicklung des Betriebssystems eingehen, lohnt sich ein kurzer Exkurs zum Leben von Terry Davis, da dieses starken Einfluss auf dessen Entstehung und Veränderung hatte.
Der studierte Elektrotechniker und Programmierer schloss Mitte der 90er-Jahre sein Masterstudium ab und arbeitete anschließend mehrere Jahre als Softwareentwickler bei Ticketmaster.
Dort war er unter anderem an der Entwicklung von VAX-Systemen beteiligt. Um 1996 verließ er das Unternehmen jedoch wieder, mit dem Wunsch, an Satellitensteuerungssystemen zu arbeiten.
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Aus dem Traum wurde jedoch nichts, da er zur selben Zeit mehrere manische Episoden durchlebte, die zu wiederholten stationären Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken führten. Zunächst wurde bei Davis eine bipolare Störung diagnostiziert, später Schizophrenie.
Er selbst beschrieb diese Episoden später als religiöse Offenbarungen. Davis war überzeugt, dass Gott direkt mit ihm kommuniziere und ihm konkrete Anweisungen zum Bau eines Betriebssystems gegeben habe. Er betrachtete seine spätere Entwicklung deshalb als digitalen Tempel Gottes und verlieh seinem System den Namen TempleOS.
In den Jahren nach seinen ersten manischen Episoden lebte er vor allem von Sozialleistungen und zog zeitweise bei seinen Eltern ein. Bereits Anfang der 1990er-Jahre hatte er mit einem eigenen Betriebssystem experimentiert, das er zunächst allerdings nicht weiterentwickelte. 2003 griff Davis das Projekt wieder auf und begann mit der Entwicklung eines umfangreicheren Systems.
2005 erschien mit J Operating System eine erste öffentliche Version. In den folgenden Jahren entwickelte Davis das Projekt immer weiter und benannte es mehrfach um, bis es 2013 schließlich den Namen TempleOS erhielt. Parallel dazu entwickelte er mit HolyC auch eine eigene Programmiersprache.
2018 starb Davis im Alter von 48 Jahren, als er von einem Zug erfasst wurde. Während seiner Lebenszeit und darüber hinaus, gab es einen großen Kreis an Personen, welche die Arbeit des Programmierers begeistert verfolgten und ihn als Genie bezeichneten – trotz seiner gesundheitlichen Probleme und zahlreichen kontroversen Aussagen.
Aus technischer Sicht ist die Leistung auch sehr beeindruckend. So bezeichnete der TechRepublic-Autor James Sanders TempleOS als ein Beispiel für die Hingabe, Leidenschaft und das technische Können eines einzelnen Entwicklers.
Der OSNews-Journalist Thom Holwerda schrieb zum Tod von Davis: »Davis war eindeutig ein begabter Programmierer – ein ganzes Betriebssystem zu schreiben, ist keine Kleinigkeit.«
TempleOS verfolgt einen eigenen Ansatz
Allein die Beschreibung des Systems auf Wikipedia zeigt dessen Besonderheit:
»TempleOS ist ein nicht-präemptives 64-Bit-PC-Betriebssystem mit Multitasking und Mehrkernunterstützung, das gemeinfrei und quelloffen ist, ausschließlich im Ring 0 läuft, nur einen Adressraum besitzt, keine Netzwerkfunktionen bietet und für die Freizeitprogrammierung gedacht ist.«
Das Betriebssystem arbeitet mit einer festen Auflösung von 640 × 480 Pixeln, verwendet 16 Farben und unterstützt eine einstimmige Tonwiedergabe. Diese Beschränkungen waren laut Davis bewusst da, da diese seiner Überzeugung nach von Gott so gewollt seien.
Die geringe Auflösung sollte laut Davis beispielsweise dazu dienen, dass Kinder es leichter haben, Bilder für »Gott« zu malen. Vermutet wird, dass die Beschränkungen deshalb existieren, da Davis so nicht den Aufwand hatte, einen komplizierten Grafiktreiber zu entwickeln.
Optisch könnt ihr euch TempleOS wie die Oberfläche eines Commodore 64 oder eine frühe DOS-basierte grafische Benutzeroberfläche vorstellen. Beeindruckend ist dabei, dass das Betriebssystem mit einer 8-Bit-ASCII-Zeichendarstellung arbeitet und Davis einen Weg gefunden hat, Grafiken und sogar dreidimensionale Objekte direkt in Quelltextdateien einzubetten.
TempleOS wurde überwiegend in der von Davis erfundenen Programmiersprache »HolyC« geschrieben, während einige systemnahe Teile in Assemblersprache umgesetzt wurden. HolyC wurde laut dem Entwickler als Mittelweg zwischen C und C++ entwickelt und übernahm gleichzeitig die Funktion einer Skript- und Kommandozeilensprache.
Damit die Sprache auch zum Entwickeln genutzt werden konnte, entwickelte Davis einen eigenen Compiler, der direkt in das Betriebssystem integriert wurde.
Werkzeuge und Spiele im Zeichen »Gottes«
Insgesamt umfasst das System mehr als 100.000 Zeilen Quellcode. Darin enthalten sind neben dem Betriebssystem selbst auch umfangreiche Dokumentationen, Werkzeuge und Demos wie ein Flugsimulator, verschiedene Shooter und eine Software zum Komponieren von Orgelmusik.
Besonders interessant ist das Spiel »After Egypt«, in dem man als Moses den Berg Horeb besteigen und ein Orakel befragen kann, das auf einem einfachen Zufallsprinzip basiert und aus zufällig erzeugten Texten Antworten zusammensetzt.
Davis betrachtete das Projekt nicht als Spiel, sondern beschrieb das Programm als ein Werkzeug »zur Kommunikation mit Gott«. Auch hier wird deutlich, wie eng seine religiösen Vorstellungen und die Entwicklung des Betriebssystems für ihn miteinander verbunden waren.
Unter einem Video, in dem Linus Tech Tips das Betriebssystem ausprobiert, schreibt ein Nutzer namens Kevin Davis, der sich als Bruder des Entwicklers bezeichnet:
»Als er noch auf der Highschool war, nutzte er einen C64, um seine Analysis-Hausaufgaben zu erledigen. Der Lehrer sprach ihn darauf an und er sagte: ›Aber ich habe das Programm selbst geschrieben.‹«
Weitergehend erklärt Kevin Davis, dass sein Bruder schon vor dem Auftreten seiner psychischen Erkrankungen außergewöhnliche technische Fähigkeiten und Erfindergeist gezeigt hat.
Unterstützung trotz Kontroversen
Während das Projekt definitiv zeigt, was Ausdauer, Leidenschaft und Hingabe ermöglichen und wozu ein einzelner Entwickler in der Lage sein kann, beleuchtet die Geschichte auch die Herausforderungen, mit denen Davis aufgrund seiner psychischen Erkrankung konfrontiert war.
Noch während seiner Lebenszeit erhielt Davis immer wieder Unterstützung von seiner Familie, Freunden und Personen aus der Online-Community. Nach dem Tod des Entwicklers rief seine Familie die Fans seiner Arbeit dazu auf, Organisationen zu unterstützen, die sich für Menschen mit psychischen Erkrankungen einsetzen.
So befindet sich auf der Seite des Projekts bis heute ein Aufruf, an Organisationen wie die »Brain & Behavior Research Foundation« oder die »National Alliance on Mental Illness« in den USA zu spenden.
In seinen Videostreams und Forenbeiträgen verbreitete Davis immer wieder Verschwörungstheorien mit religiösen Motiven und äußerte sich mehrfach rassistisch und schwulenfeindlich, was zu Sperrungen auf verschiedenen Plattformen führte.
Innerhalb der Community wurden diese Äußerungen häufig mit seiner psychischen Erkrankung in Verbindung gebracht. Welche Rolle diese dabei tatsächlich spielte, lässt sich von außen allerdings nicht pauschal beurteilen. Die Aussagen bleiben dadurch aber weiterhin zu kritisieren.
Nachfolgeprojekte und die heutige Bedeutung des Systems
Da Davis das gesamte System als quelloffenes und frei zugängliches Projekt ins Internet stellte, gibt es einige Programmierer, die verschiedene Forks von TempleOS als Hobby weiterentwickelt haben.
Darunter befinden sich modernisierte Versionen mit besserer Hardwareunterstützung, zusätzlichen Grafikfunktionen und Netzwerkfunktionen.
Auch in wissenschaftlichen Arbeiten findet TempleOS Beachtung, etwa wenn es um die Architektur und die Prinzipien leichtgewichtiger Betriebssystementwicklung geht.
Während die Geschichte also ein tragisches Ende nimmt und die Entwicklung des Betriebssystems eng mit den persönlichen Lebensumständen von Davis verbunden war, bleibt TempleOS eine beeindruckende technische Leistung, die bis heute Anerkennung genießt.
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