Wir haben akzeptiert, dass Tiefschlaf der Standard für Schlafqualität ist: Doch die Wissenschaft weist in eine andere Richtung

Eine Studie mit 44 Propanden legt nahe: Entscheidend ist nicht nur die Dauer einzelner Schlafphasen, sondern auch das Erleben dabei.

Ein Bild das wohl die meisten kennen. (Bildquelle: Adobe Firefly, KI-generiert; Prompt: Alexander Köpf) Ein Bild das wohl die meisten kennen. (Bildquelle: Adobe Firefly, KI-generiert; Prompt: Alexander Köpf)

Wir haben uns längst daran gewöhnt, Schlaf am Morgen wie einen Kontostand abzulesen.

Noch bevor der erste Gedanke richtig Form annimmt, steht da schon eine Zahl: Tiefschlaf, 52 Minuten. Oder eine Stunde 17 Minuten. Und schon scheint für die Nacht ein fixes Urteil gefallen zu sein. Gut, mittel, schlecht, erholt oder nicht.

Als ließe sich etwas so Komplexes und noch immer Rätselhaftes wie Schlaf auf eine einzige Kennziffer herunterbrechen.

Dass ausgerechnet dem Tiefschlaf solch eine Bedeutung beigemessen wird, ist wohl kein Zufall. Der Begriff klingt schon so, als handele es sich dabei um den Kern der Erholung, nach der Phase, in der der Körper eigentlich erst zur Ruhe kommt.

Und natürlich ist der Tiefschlaf wichtig. Niemand würde ernsthaft behaupten, dass er bloß ein hübscher Wert in einer Statistik ist.

Heikel wird es erst dann, wenn aus diesem wichtigen Bestandteil der Maßstab für den ganzen Schlaf wird.

Mehr als nur Tiefschlaf

Denn guter Schlaf lässt sich offenbar nicht ganz so leicht auf einen einzelnen Wert reduzieren.

Darauf deutet auch eine aktuelle Studie hin, für die Forschende 44 gesunde Erwachsene in 196 Nächten im Schlaflabor beobachteten. Dabei kamen hochauflösende EEG-Messungen mit 256 Elektroden zum Einsatz.

Die Teilnehmenden wurden während des sogenannten N2-Schlafs – also der Phase, die ungefähr die Hälfte unseres gesamten Schlafs ausmacht – immer wieder geweckt und direkt gefragt, wie tief sie geschlafen haben und was sie kurz davor erlebt hatten. Am Ende kamen so 1.024 subjektive Einschätzungen zusammen.

Die Ergebnisse sprechen für ein deutlich komplexeres Bild.

Wie erwartet, hing das Gefühl von tiefem Schlaf zunächst mit einem eher klassischen Muster zusammen: weniger kortikale Aktivierung, also vereinfacht gesagt mehr langsame und weniger schnelle Hirnaktivität. Doch dieser Zusammenhang wurde schwächer, sobald Träume oder andere bewusste Erlebnisse ins Spiel kamen.

Video starten 11:59 Schlaftracker versus Schlaflabor - Wie genau sind Apple Watch und Co.?

Besonders interessant ist dabei ein Detail, das zunächst fast paradox wirkt: Die niedrigsten Werte für subjektive Schlaftiefe fanden die Forschenden nicht bei besonders lebhaften Träumen, sondern bei sehr einfachen Formen von Bewusstsein – etwa einem bloßen Gefühl von Anwesenheit ohne klaren Trauminhalt.

Am höchsten war die empfundene Schlaftiefe dagegen entweder bei tiefer Bewusstlosigkeit oder bei besonders immersiven Träumen.

Ganz eindeutig ist das alles noch nicht. Aber schon die Möglichkeit zeigt, wie schnell wir unseren Blick verengen, wenn wir nur auf eine Zahl schauen.

Die Macht der Zahl

Fairerweise muss man sagen: Genau darin liegt auch ihre Stärke. Zahlen sind bequem. Sie entlasten uns von der viel anstrengenderen Deutung. Ein Wert ist sofort da, scheinbar objektiv und unbestechlich. Gerade morgens nach dem Aufwachen ist das ein verführerisches Angebot.

Womöglich ist das Interessante an dieser Debatte deshalb gar nicht der Schlaf selbst, sondern das, was sich an ihm zeigt. Wir neigen dazu, komplexe Sachverhalte in einzelne, messbare Werte zu zerlegen.

Was sich in einer App anzeigen, in Kurven darstellen und mit Farben markieren lässt, wirkt oft wirklicher als das, was wir nur vage empfinden.

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Zahlen haben etwas Beruhigendes. Sie nehmen dem Ungefähren seine Macht.

Das ist auch nichts Verwerfliches. Ohne Zahlen wären wir für vieles blind – Blutdruck, Fieber, Blutzucker. Manchmal ist die Reduktion auf einen Wert sogar lebenswichtig.

Wenn die Zahl das Ganze ersetzt

Problematisch wird es erst, wenn aus einer Zahl die ganze Wahrheit werden soll.

Und genau das passiert immer öfter. Nicht nur beim Schlaf. Schritte ersetzen Bewegung, Kalorien ersetzen Ernährung, Gewicht ersetzt Gesundheit.

Die Kennzahl ist praktisch. Aber genau diese Eindeutigkeit hat ihren Preis. Sie blendet aus, was sich nicht so leicht fassen lässt – und manchmal auch das Offensichtliche. Etwa, dass man sich trotz mäßigem Score ausgeschlafen fühlen kann. Oder trotz guter Werte eben nicht.

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Was das Beispiel Tiefschlaf wirklich zeigt

Vielleicht ist das die eigentliche Lehre des Schlafs: Gerade in Bereichen, die uns besonders nahe sind, lassen wir uns erstaunlich leicht von Zahlen entfremden.

Dass wir morgens eher einem Armband trauen als dem eigenen Gefühl, sagt deshalb nicht nur etwas über Schlaftracker aus. Es sagt auch etwas über uns.

Der Tiefschlaf ist wichtig. Aber vielleicht ist er vor allem ein Beispiel für unsere Sehnsucht nach einem einzelnen Wert, der endlich sagt, wie es wirklich ist.

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