Vor 40 Jahren gelangte ein Atomkraftwerk nahe der sowjetischen Stadt Pripyat zu zweifelhafter Bekanntheit: Wenige Tage nach den Ereignissen in Tschernobyl blickte die ganze Welt mit Furcht in die heutige Nordukraine.
Als am 26. April 1986 ein Sicherheitstest Konstruktionsschwächen offenlegte, ereignete sich eine Explosion. Seitdem ranken sich um das Ereignis, seine Folgen und den heutigen Zustand vor Ort. Nur etwa 100 Kilometer nördlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew liegt eines der wohl berüchtigtsten Gebiete auf der Erde.
Wir gehen Tschernobyl in einer zweiteiligen Serie auf den Grund. Dies ist der zweite Teil, der sich mit den Schutzmaßnahmen im Laufe der Jahrzehnte sowie dem heutigen Zustand der Sperrzone beschäftigt. Teil 1 geht auf die eigentliche Katastrophe sowie die unmittelbaren Folgen ein.
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Die neue Stromkrise: Energiewende & KI in Deutschland - Mit Robert Habeck und Dr. Stelzer (IFA 2025)
Tschernobyls Sarkophag
Nachdem die akuten Rettungs-, Sicherungs- sowie Aufräumarbeiten abgeschlossen waren, hieß es, den Austritt weiterer Strahlung zu verhindern. Hierfür diskutierten die Sowjetingenieure unterschiedliche Lösungsansätze, das Ziel: ein möglichst dichter Verschluss, der bestenfalls jeglichen Austritt von verstrahltem Material oder selbst strahlender Materie verhindert. Die Ideen lauteten:
- Mit Sand bedecken: Dies hätte aber auch den Zugang zu Block 3 versperrt.
- Mit Beton übergießen: Das Hauptproblem hierbei stellt die Gewichtszunahme dar. Der massive Berg aus Beton, Geröll, Stahl und Schutt hätte bis ins Grundwasser sinken können.
Letzten Endes baute die Sowjetunion den sogenannten Sarkophag. Dabei handelt es sich um eine Stahlbetonkonstruktion, die das Gebäude mitsamt des radioaktiv strahlenden Reaktorrests im Boden versiegelte.
Es war mehr als ein neues Dach, da Ingenieure die Statik komplett neu konzipieren mussten. Ferner musste Block 3 durch eine dicke Betonwand abgetrennt werden.
Alle Details hierzu, inklusive Animationen, zeigt euch das folgende Video von Solve auf YouTube:
Link zum YouTube-Inhalt
Es befindet sich bis heute eine Leiche im Kraftwerk: Ein Reaktortechniker namens Walery Chodymtschuk liegt wahrscheinlich begraben unter Trümmern im Kraftwerk. Nach allem, was wir wissen, fand er in den ersten Sekunden nach der Explosion den Tod.
Aufgrund der massiven Verwüstungen in diesem Trakt wird auch in absehbarer Zeit niemand dorthin vordringen können. Chodymtschuks Gebeine bleiben eventuell auf ewig verschollen. Die Sowjetunion errichtete eine Gedenkwand. Sie steht im nächst zugänglichen Bereich neben der vermuteten Unglücksstelle.
Das Riesenrad in der nahe des Reaktors gelegenen Stadt Prypiat. Tragischerweise fuhr niemals auch nur ein Kind in ihm. Es erlebte die Reaktorkatastrophe fertiggestellt, als es auf seine für den 1. Mai 1986 geplante Eröffnung wartete – ein erstarrtes Symbol für die abrupt gestoppte Normalität (Bildquelle: Unsplash, mads-eneqvist und pixabay, h-moose).
Laufen die intakten Reaktoren 1, 2 und 3 noch? Nein, aber sie lieferten länger als ihr wahrscheinlich denkt weiter Strom. Nach dem Unfall 1986 rüsteten die Sowjets sie nach, damit sich nichts Ähnliches wiederholen konnte. Doch heute sind alle Blöcke abgeschaltet. Block 2 seit 1991, Block 1 1996 und Block 3 im Jahr 2000. Letztendlich entsprach das Design auch nach Upgrades weder bei Sicherheit noch bei Leistung oder Effizienz den Standards moderner Anlagen (via iaea).
Wie schaut es heutzutage rund um Tschernobyl aus?
40 Jahre nach dem Unfall ist die Krise vorbei, aber vom Alltag, wie wir ihn kennen, sind die dort arbeitenden Crews weit entfernt – selbst ohne russischen Angriffskrieg. Bis heute liegt das Kraftwerk im Zentrum eines etwa 30 Kilometer durchmessenden Sperrgebiets. Allerdings könnt ihr es größtenteils gefahrlos betreten – und durftet es vor dem Krieg sogar als Tourist (mehr dazu gleich).
Tschernobyl liegt näher als ihr wahrscheinlich denkt: auf Höhe von Frankfurt und nur relativ knapp hinter Polen. Wenn ihr in Kiew (Ukraine) ins Auto steigt, bräuchtet ihr nichtmal drei Stunden um ein Stück weiter nördlich beim ehemaligen Kernkraftwerk Tschernobyl anzukommen. (Bildquelle. chernobyl-tour.com)
Tschernobyl selbst umgibt zudem ein Sperrgürtel, der zehn Kilometer tief ist. Diese Sicherheitszone darf betreten, wer in offizieller Begleitung ist und spezielle Papiere mit sich trägt. Das eigentliche Kraftwerk sowie der Sarkophag sind heutzutage aber nicht mehr von außen sichtbar. Sie ruhen seit 2016 unter dem sogenannten New Safe Confinement (NSC) – ein gewaltiger Stahlbetonring, der sich über den alternden Schutzbau gestülpt hat.
Er dient vorrangig zwei Zwecken:
- Eindämmung von Strahlung und vor allem strahlendem Material für die kommenden Jahrzehnte.
- Arbeitsumfeld zur schrittweisen Demontage des alten Sarkophags sowie irgendwann auch der Kraftwerksruine.
Die neue Hülle, das NSC: Unübersehbar dominiert es das Zentrum der Sperrzone (Bildquelle: Unsplash, Mick De Paola und Romain Chollet)
Schlug eine russische Drohne in das New Safe Confinement ein? Ja, im Februar 2025 krachte eine Kamikazedrohne vom Typ Geran 2 in die Außenhaut des NSC. Sie riss ein etwa 15 Quadratmeter großes Loch.
Es kam zu keiner Freisetzung von radioaktivem Material, aber die Hülle ist nicht mehr wie einst luftdicht. Abseits erster Arbeiten, die Wassereintritt und damit eine weitere Verschlechterung verhinderten, stehen deshalb in Zukunft umfassende Reparaturen an, das Ziel: Die vollständige Schutzwirkung für 100 Jahre garantieren.
Kann ich Tschernobyl gefahrlos besuchen? Abgesehen vom russischen Angriffskrieg bestünde die Möglichkeit, Tschernobyl als Tourist zu besuchen. Während eines Tages wärt ihr weniger Strahlung ausgesetzt als auf einem Langstreckenflug. Vor dem Krieg nutzten jährlich Tausende geführte Tagestouren durch die Sperrzone - bisweilen mehr als 100.000 pro Jahr.
Gibt es in der Sperrzone mutierte Tiere? Nein, Spiele wie Stalker 2: Heart of Chornobyl lassen hier ihrer Fantasie freien Lauf. Die Forschung hat genetische Veränderungen bei wenigen Tieren nachgewiesen. Es existieren aber keinerlei Hinweise, geschweige denn Beweise, für dauerhaftes Vorkommen von Mutanten irgendeiner Art – weder pflanzlich noch tierisch.
Wölfe, Bisons und wilde Pferde haben sich in den vergangenen Jahrzehnten stark vermehrt. Sie nutzen den de-facto-Status als Naturschutzgebiet.
Sowohl zu Besuchen in der Sperrzone als auch des NSC selbst, findet ihr auf YouTube kostenlos (englischsprachige) Videos, zum Beispiel:
- Kyle Hill: Besuch in der Sperrzone, inklusive Drohnenaufnahmen
- Kyle Hill: Innere des NSCs
- Wer wissen möchte, inwiefern die HBO-Serie
Chernobyl
die Geschichte, Akteure und Zusammenhänge korrekt wiedergibt, findet bei History Buffs einen einstündige Videoessay dazu. Kleiner Spoiler: Ja, mit Abstrichen.
Wohnen Menschen in der Zone? Über das in die Zone hinein- und hinauspendelne Personal hinaus, wohnen dort sogar Menschen: in der äußeren 30-km-Zone etwa 200 sogenannte Selbstsiedler, meist ältere Menschen. Sie kehrten trotz des Verbots in ihre Dörfer zurück und werden seitdem geduldet. Die näher am Reaktor gelegene Stadt Prypiat selbst ist indes völlig verlassen.
Etwa 4.000 Personen leisten im Schichtdienst wissenschaftliche Arbeit, kümmern sich um die Sicherheit oder andere Funktionen um den Bereich des NSCs oder weitere Teile der Zone.
In rund 300 Jahren wird die Strahlung im äußeren Bereich der Sperrzone auf Normalmaß gefallen sein. Hier könnten dann an sich wieder Menschen leben, aber das dürfte auch dann politisch und psychologisch eine Herausforderung darstellen. Für den engsten Umkreis des Reaktors rechnen Forscher mit einer Unbewohnbarkeit von mindestens 20.000 Jahren.
Das Herz, Block 4 unter dem NSC, wird nach unseren Zeitskalen auf ewig gefährlich bleiben. Hier sprechen wir eher geologischen als menschlichen Dimensionen: Milliarden Jahre (via deutschlandfunk und SWR).
Sie haben sich stark vermehrt und sind fast überall in der Zone zu finden: Füchse und Prezhivalsky-Wildpferde (Bildquelle: Unsplash, zhan zhang und AdobeStock_307659659)
Tschernobyl – Europas Wunde
Tschernobyl ist weder Paradies noch Horrorregion – vielmehr klafft es fortwährend als heilende Wunde in Gesellschaft und Landschaft. Wir haben ungewollt ein Mahnmal für den unverantwortlichen Umgang mit Technologie geschaffen – und gewollt ein Denkmal für die Hingabe der Ingenieure, Forscher und alle anderen Helfenden.
Ihnen ist es zu verdanken, dass die Gefahr durch das einstige Kraftwerk nicht zu schlimmeren Verheerungen in ganz Europa geführt hat. Derweil lastet der russische Angriffskrieg zusätzlich auf all jenen, die in Tschernobyl Wache halten: ein einzigartiger Alltag im Angesicht zweier Ausnahmezustände. Einer davon könnte morgen enden, der andere wird über alle absehbare Zeit hinaus Hingabe fordern.
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