Der Philosoph unter den Star-Wars-Spielen

Rezension: „Star Wars: Knights of the Old Republic 2: The Sith Lords“ – Version 1.0b – Plattform: GOG

von ModuGames am: 01.11.2020

Hinweis: Ich empfehle, dass Sie zuerst meine Rezension zum Vorgänger lesen.

Knights of the Old Republic (2003) erwies sich schnell als Publikumsliebling und Verkaufsschlager. Dass ein Nachfolger kommen würde, war also abzusehen. Lediglich das Entwicklerstudio, BioWare, hatte kein Interesse mehr an einem weiteren Star-Wars-Spiel und wollte sich lieber neuen Projekten zuwenden. Irgendwas mit Japan oder so. Stattdessen wurde der Nachfolger von Obsidian Entertainment entwickelt, das im Jahr 2003 gegründet wurde und noch kein Spiel vorzuweisen hatte. Viel Verantwortung für ein junges Team? Mitnichten! Denn Obsidian Entertainment wurde von Entwicklern gegründet, die zuvor bei Black Isle Studios (Fallout, Planescape: Torment, Icewind Dale) gearbeitet hatten – mehr Rollenspiel-Expertise kann man sich eigentlich gar nicht wünschen. Der heiß ersehnte Nachfolger namens Star Wars: Knights of the Old Republic 2: The Sith Lords (Anfang 2005 für PC veröffentlicht) gewinnt nicht nur den Preis für einen der längsten Namen aller Zeiten, sondern entpuppt sich auch noch als fantastisches Spiel.

KotOR Episode 2: Die Sith schlagen zurück

In meiner Rezension zu KotOR 1 bin ich bereits ziemlich ausführlich auf die Hintergrundgeschichte eingegangen. Das möchte ich Ihnen diesmal ersparen, deswegen verweise ich Sie auf meinen ursprünglichen Text. Wichtig ist folgendes: The Sith Lords spielt fünf Jahre nach dem Vorgänger. Die Mandalorianischen Kriege und der Jedi-Bürgerkrieg (der in KotOR 1 behandelt wurde) haben dazu geführt, dass die Galaktische Republik am Boden liegt. Auch ihre Beschützer, die Jedi-Ritter, sind fast alle ausgelöscht. Als Spieler übernehmen Sie die Kontrolle über „die Verbannte“ (bzw. den Verbannten, wobei das kanonische Geschlecht in diesem Fall weiblich ist). Ihre Figur hat also eine Hintergrundgeschichte – Sie wurden nach den Mandalorianischen Kriegen vom Rat der Jedi verbannt und begaben sich ins Exil.

Telos ist der zweite Planet, den man besucht. Die friedliebenden Ithorianer versuchen, den Planeten wieder bewohnbar zu machen, nachdem er im Jedi-Bürgerkrieg zerstört wurde. Diese fliegende Stadt dient als erste Anlaufstelle. 

Glücklicherweise (für uns) offenbart der Prolog jedoch, dass die Spielfigur in die bekannte Galaxis zurückgekehrt ist. Sie liegt bewusstlos an Bord des Schiffes Ebon Hawk, das auch schon im ersten Teil als Fortbewegungsmittel diente. Auch zwei bereits bekannte Droiden, HK-47 (zu Beginn des Spiels noch defekt) und T3-M4, sind mit von der Partie. Sie docken im Peragus-System an einer Minenstation an, rüsten sich aus und treffen Ihre ersten Gefährten: die mysteriöse alte Frau Kreia und den Schmuggler/Piloten Atton Rand. Kurz darauf entdeckt die Truppe jedoch, dass die Sith hinter dem Spielercharakter her sind – sie halten ihn/sie für das letzte Überbleibsel des Jedi-Ordens, das es natürlich zu zerstören gilt. Daraus entspinnt sich eine Geschichte, die auf zwei Ziele hinarbeitet: Zum einen müssen die Sith tunlichst davon abgehalten werden, die Galaxis zu vernichten, zum anderen muss der Protagonist seine Vergangenheit aufarbeiten.

Die Macht ist mit der Geschichte

Besagte Sith sind übrigens noch deutlich fieser als zuvor. Mit dem deformierten und quasi unsterblichen Darth Sion sowie dem Planeten-fressen Darth Nihilus (kein Scherz!) fährt die Dunkle Seite der Macht wahrhaft furchteinflößende Gegenspieler auf. Als Figuren weisen die beiden zwar nicht dieselbe Tiefe wie andere Charaktere auf, aber gegen Ende wird Spielern sowieso klar, dass die beiden... Halt, jetzt driften wir in Spoilerterritorium ab! Was ich sagen will, ist folgendes: The Sith Lords bietet eine Erfahrung, wie man sie im Star-Wars-Universum nur selten zu sehen bekommt. Die Geschichte ist deutlich unkonventioneller als in KotOR 1 und die Figuren sind so ambivalent wie nie zuvor. Es gibt in diesem Spiel wirklich einige Momente, wo mir wortwörtlich die Kinnlade heruntergeklappt ist. Deshalb ist es auch schade, dass ich hier keine Details verraten darf, aber andererseits können Sie die echt gute Geschichte so komplett unvoreingenommen erleben!

In den Minen von Peragus findet man heraus, was für den Tod der Besatzung verantwortlich ist. Zu dieser Zeit offenbart sich auch die neue Bedrohung durch die Sith. Wichtig: Bei allen Gameplay-Screenshots fehlt das User Interface! 

Natürlich müssen Sie Ihren Kampf gegen die Sith nicht alleine bestreiten. Sie können bis zu zehn von insgesamt zwölf Begleitern rekrutieren. Was passiert mit den anderen zwei? Nun, wer Sie auf Ihrer Reise begleitet, hängt zum einen vom Geschlecht der Spielfigur und zum anderen von ihrer Gesinnung (hell oder dunkel) ab. In jedem Fall können die Begleiter vollkommen überzeugen, wobei ich natürlich den Elefanten im Raum adressieren muss: Kreia. Die alternde Dame gehört zu den besten Star-Wars-Figuren – nicht nur im Bezug auf Videospiele, sondern generell. Die Gespräche mit ihr enthalten meist philosophische Diskussionen mit einer Differenziertheit, wie man sie in diesem Universum nur selten findet. Beispiel? Auf Nar Shaddaa kann man einem Bettler etwas Geld geben. Ehrensache, dass ich das als guter Jedi-Ritter natürlich sofort gemacht habe! Besagter Bettler wurde jedoch kurz darauf vom nächstbesten Gauner umgebracht, der sich dessen Geld bemächtigen wollte. Kreias Lektion: Indem man einem anderen durch eine altruistische Handlung etwas gibt, was er sich nicht verdient hat, löst man auf lange Sicht ein viel größeres Leid aus. Man muss ihr in diesem Punkt freilich nicht zustimmen, aber man sollte es wertschätzen, wie stark KotOR 2 die bisherigen Star-Wars-Grundsätze hinterfragt. Noch ein Beispiel: Die Jedi reden oft davon, von der Macht geleitet zu werden, was sie als etwas Gutes darstellen. Kreia wiederum... sieht die ganze Sache etwas anders. Es brennt mir unter den Nägeln, diese Figur noch weiter zu erläutern, aber daraus könnten fiese Spoiler erwachsen. Daher noch einmal: Erleben Sie KotOR 2 am besten vollkommen unvoreingenommen!

Die Rückkehr des Star-Wars-Reiseführers

Interessanterweise wählt KotOR 2 fast dieselbe Struktur wie sein Vorgänger: Es gibt zwei „Tutorialplaneten“, vier Hauptplaneten und gegen Ende erkundet man noch einige Orte, die ich an dieser Stelle nicht verraten möchte. Der erste Himmelskörper, den man bereist, ist die Mine auf Peragus. In diesem Asteroidenfeld wird Treibstoff abgebaut, deswegen ist die gesamte Anlage hochexplosiv (zwinker, zwinker)!. Danach erkundet man Telos, einen Planeten, der im Jedi-Bürgerkrieg verwüstet wurde und sich nun im Wiederaufbau befindet. Hat man Telos hinter sich, öffnet sich das Spiel und man kann die nächsten Planeten in beliebiger Reihenfolge angehen. Der Schmugglermond Nar Shaddaa ist ein Hort der Kriminalität und erinnert optisch an die unteren Ebenen von Coruscant. Hier sollte man sich vor Kopfgeldjägern und Hutten in Acht nehmen. Der Mond Dxun wiederum ist ein schwer durchdringlicher Dschungel, in dem es vor wilden Tieren nur so wimmelt. Man muss erst Dxun bewältigen, um auf Onderon zu kommen. Auf jenem Planeten bahnt sich wiederum ein Bürgerkrieg an.

Auf Korriban untersucht man das Tal der Sith-Lords und die verlassene Akademie. The Sith Lords referenziert seinen Vorgänger in angemessener Weise, bietet aber auch eine klare eigene Identität. 

Doch wir haben es in KotOR 2 auch mit zwei alten Bekannten zu tun: Dantooine ist der Ort, wo wir im ersten Teil zum Jedi ausgebildet wurden. In The Sith Lords dürfen wir nun die Reste der Jedi-Akademie besichtigen. Apropos Akademie: Auch Korriban ist wieder mit von der Partie! Die Schule für angehende Sith hat auch schon bessere Tage gesehen, dafür ist die Erkundung der heruntergekommenen Einrichtung extrem atmosphärisch. Wie Sie sehen, ist für Abwechslung hinreichend gesorgt und die Schauplätze liefern erstklassige Vorlagen für interessante Diskussionen und Quests. Letztere sind fast alle hochwertig, was mich hier aber gestört hat, ist, dass nicht alle Aufgaben immer komplett klar sind und dass teilweise nicht ersichtlich ist, wann das Voranschreiten in der Hauptquest zum Abbruch von Nebenaufgaben führt.

Die Mechanik spielt nur zweite Geige

Bis jetzt habe ich zugegebenermaßen viel über die Geschichte, die Figuren und dergleichen gesprochen. Der Grund dafür ist, dass diese Bereiche die wahren Aushängeschilder von The Sith Lords sind. An der Gameplay-Front finden sich nur wenige Änderungen, die das Spiel aber trotzdem bereichern. Darunter fallen selbst banale Dinge, wie etwa der Umstand, dass ein leeres Behältnis nun auch tatsächlich als „leer“ betitelt wird, was in KotOR noch nicht der Fall war. Etwas wichtiger ist da schon die Erweiterung des Kampfsystems: Grundsätzlich bleiben die pausierbaren Echtzeit-Gruppenkämpfe unangetastet, allerdings wurden Lichtschwert-Stile hinzugefügt, zum Beispiel Shii-Cho (gut gegen viele Gegner) oder Makashi (für Lichtschwert-Duelle), sodass man sich besser an bestimmte Situationen anpassen kann. Sind diese Kampftaktiken wirklich notwendig? Nein, ich selbst habe das Spiel hauptsächlich mit dem Standardstil gespielt und hatte dabei nur wenig Probleme. Ich als Fan der Lore begrüße solche Referenzen allerdings immer, zumal das Spiel ja auch keineswegs schlechter dadurch wird. Apropos: KotOR 2 ist etwas schwerer als der erste Teil, was hauptsächlich daran liegt, dass man in The Sith Lords öfter ohne Gruppenmitglieder vorgehen muss. Ist die normale Konstellation gegeben, bleibt der Anspruch aber selbst auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad nach wie vor überschaubar.

Das Kampfsystem von KotOR gehört nicht zum besten, was das Genre je hervorgebracht hat, aber unterhaltsam ist es trotzdem. Wenn man eine ganze Gruppe von Gegnern mit seinen Machtblitzen grillt, fühlt sich das sogar sehr befriedigend an. 

Am Skillsystem hat sich quasi nichts verändert, wir haben es immer noch mit den klassischen Kategorien zu tun: Attribute, Fähigkeiten, Talente und Kräfte. Das Gesinnungssystem ist auch wieder mit von der Partie, bezieht sich diesmal aber nicht nur auf den Spieler, sondern auch auf die Gefährten. Wo die Begleiter in KotOR 1 noch über eine festgelegte moralische Ausrichtung verfügten, kann man sie in The Sith Lords stärker beeinflussen. Sehr gut! Damit wären wir mit den mechanischen Änderungen im Groben aber auch schon durch. Das soll aber nicht heißen, dass KotOR 2 spielerisch schlecht wäre – in Kombination mit der Welt und der Erzählung entsteht ein regelrechter Sog. In meinem Playthrough für diese Rezension habe ich einmal sechs Stunden am Stück gespielt. Das ist mir schon ewig nicht mehr passiert! Normalerweise können mich Spiele nicht länger als eine oder zwei Stunden bei der Stange halten, dieser Titel muss also schon wirklich etwas Besonderes sein. Insgesamt bietet The Sith Lords 20 bis 30 Stunden an qualitativ hochwertigem Inhalt.

„Hilfe, die Mühle ist ja nur Schrott!“

Abschließend möchte ich mir erneut der Präsentation und der Technik des Spiels widmen. Hier kann ich leider keine frohe Kunde überbringen: KotOR 2 befindet sich in einem schlechten technischen Zustand. Während meiner Reise habe ich einen Absturz und einen Plotstopper-Bug erlebt. Zu letzterem habe ich nachgeforscht: Laut Meinungen der Community kommt dieser dadurch zustande, dass man in einem Gespräch die Dialogoptionen in der falschen Reihenfolge anwählt. Zum Glück speichert KotOR 2 an einigen Stellen automatisch, sodass ich das Problem relativ einfach lösen konnte – ärgerlich ist das trotzdem. Aber auch andere kleinere Fehler trüben das Erlebnis, beispielsweise werden manchmal Kampfanimationen überhaupt nicht abgespielt oder Gespräche einfach übersprungen. Auch lustig ist der Bug, dass man sich nach Kämpfen nicht mehr bewegen kann, wenn Vsync ausgeschaltet ist. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal explizit anmerken, dass ich die GOG-Version des Spiels verwende. Wer das Spiel über Steam kauft, erhält ein Update, das bei GOG fehlt. Ich kann zwar nicht dafür bürgen, dass dies alle Probleme des Spiels löst, aber es kann eigentlich nur besser werden. Ich schätze DRM-Freiheit sehr, aber unter diesen Umständen muss ich Ihnen dazu raten, KotOR 2 über Steam zu kaufen.

Die Grafik von KotOR 2 war schon im Jahr 2005 nicht gerade atemberaubend – heutzutage ist sie bestenfalls zweckmäßig. Die wahren technischen Probleme des Spiels liegen jedoch in seinen Bugs. 

Ansonsten ist die Präsentation des Spiels auch nicht übermäßig überzeugend. Da The Sith Lords gerade einmal anderthalb Jahre nach dem Vorgänger erschienen ist, kann man bei der Grafik keinen allzu großen Sprung erwarten. Tatsächlich konnte ich keine nennenswerten optischen Verbesserungen entdecken. Aus heutiger Sicht ist das natürlich ziemlich egal, aber Ende 2004 bzw. Anfang 2005 wirkte die Grafik nicht mehr ganz taufrisch. Lediglich das User Interface skaliert besser als in KotOR 1, beide Spiele laufen aber maximal in 1280 x 1024. Bei den Dialogen ist mir weiterhin aufgefallen, dass einige Audiodateien leicht knistern. Ich verwende halbwegs hochwertige Kopfhörer und dann ist so etwas nervig. Dass der Soundtrack ziemlich gut ist, brauche ich bei Star-Wars-Spielen ja eigentlich gar nicht mehr zu erwähnen. Die Musik in KotOR beruht zwar nur sehr wenig auf den Stücken der Filme, aber der hauseigene Soundtrack kann trotzdem überzeugen.

Fazit

In meiner Rezension zu Knights of the Old Republic habe ich mich mit der Frage auseinandergesetzt, ob ich es für eines der besten Rollenspiele aller Zeiten halte. Damals lautete meine Antwort noch „nein“. Bei KotOR 2 hingegen bin ich deutlich geneigter, ihm diesen Titel zu verleihen. Ich kann verstehen, warum viele Leute das Original besser finden, denn es war ganz klar innovativer, bot aber auch eine klassische Star-Wars-Erfahrung. The Sith Lords fährt nur recht minimale (aber effektive!) Verbesserungen an der Gameplay-Front auf. Wo das Spiel wirklich überzeugen kann, ist bei seiner Geschichte, seinen Figuren und seinen Motiven. Deshalb halte ich KotOR 2 für eine hervorragende Fortsetzung, die das ohnehin sehr gute Original noch einmal überbieten kann. Lediglich die unnötigen Bugs ziehen das Spiel nach unten, deshalb werde ich eine Abwertung vornehmen: Im Optimalzustand würde ich eine 87 vergeben, aber aufgrund der technischen Mängel ziehe ich zwei Punkte ab. Das ist extrem schade, denn hier handelt es sich im Grunde um einen fantastischen Titel. Wenn Sie ein Star-Wars-Fan sind und ein Herz für alte Rollenspiele haben, kann ich Ihnen die KotOR-Reihe nur wärmstens empfehlen.

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Wertung
Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

genau richtig

Bugs:

Oft, regelmäßig

Spielzeit:

Mehr als 40, weniger als 100 Stunden



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