Allein für GameStar habe ich bereits zehn Gaming Chairs und Schreibtischstühle getestet; als Redakteur bei einem Technik-Magazin zuvor bestimmt noch mal so viele.
Ich bin um eine Empfehlung also nie verlegen. Die andere Seite der Medaille ist allerdings, dass man zwischen Sitzheizung, Massagefunktion und Magnetkissen durchaus den Blick fürs Wesentliche verlieren kann.
Ausgerechnet der Boulies Master, der auf dem Papier eigentlich langweiligste Stuhl von allen, hat mir den Kopf zurechtgerückt. Im Test hat der Einsitzer 4 von 5 Sterne abgeräumt – obwohl er nichts Besonderes mit sich bringt.
Ich möchte euch drei Dinge präsentieren, die ich wiederentdeckt habe und auf die es fürs ergonomische Sitzen wirklich ankommt.
Nummer 1: Verarbeitung
»Verarbeitung«. Das ist so ein Prädikat, das testet man halt mit. Im Grunde macht die Verarbeitung eines von zwei Dingen:
- Ist die Verarbeitung gut, ist das toll.
- Ist die Verarbeitung nicht gut, ist das nicht so toll.
Eigentlich ist die Verarbeitungsqualität selten ein Dealbreaker; ob nun ein Fädchen aus der Naht absteht oder nicht, macht den Kohl nicht fett.
Und doch spielt sie gerade bei Gaming Chairs eine viel größere Rolle, als mir selbst zunächst bewusst war.
- Ist der Stoff dünn, reibt er sich schnell auf; der Stuhl sieht schnell verschlissen aus.
- Ist das Polster von schlechter Qualität, ist der Sitz nach kurzer Zeit durchgesessen und man hockt wie der sprichwörtliche Affe auf dem Schleifstein.
- Ist die Feder von minderer Qualität, sitzt man mit dem Hosenboden eher auf dem Boden, als einem lieb ist.
- Rollen die Rollen nicht gescheit, macht man sich Kratzer in den Boden – oder sie brechen ab.
Im Kopf macht die Verarbeitung auch etwas. Wenn ich zum Beispiel an den DXRacer Martion Pro denke, denke ich nicht an die Massagefunktion oder die Belüftung, sondern an die suboptimal gebohrten Löcher und den Faden, der am Logo auf dem Rücken abstand. Mit 3,5 Sternen ist der Stuhl weitab von schlecht, aber ausgerechnet die für den Preis mäßige Verarbeitungsqualität ist mir im Gedächtnis geblieben.
Selbst beim von mir favorisierten Hivar Skylar (im Test 4,5 Sterne), der wirklich hochwertig verarbeitet war, ist mir heute noch der abgebrochene Griff am Reißverschlussschlitten des Bezugs präsent.
Im Umkehrschluss denke ich beim bereits erwähnten Boulies Master an den dicken Stoff, die feste Polsterung und den reibungslosen Aufbau. Das klingt selbstverständlich, nach rund 20 getesteten Stühlen ist es das nicht.
Mein Tipp
Wenn ihr könnt, schaut euch euren zukünftigen Stuhl vorher an. Setzt auch drauf, gleitet mit den Fingern über Stoff und Armlehnen, verstellt den Einsitzer und schaut auch mal unter die Haube. Das Teil soll lange halten und der beste Indikator dafür sind hochwertige Materialien und saubere Verarbeitung – und glücklich macht’s auch noch.
Nummer 2: Polsterung
Dass die Polsterung einen profunden Eindruck machen sollte, da sind wir uns sicher einig. Hier habe ich auch nicht den Universaltipp – aber eine Erkenntnis, die ich erst spät gewonnen habe.
Geht es um klassische Polster, kommt es gar nicht darauf an, wie dick die Polsterung ist. Ja, der Boulies Master besitzt relativ viel nachgiebigen Feststoff, aber der Herman Miller Embody beispielsweise kommt nur mit einer dünnen Lage Stoff – und ist trotzdem ergonomisch.
Habt nicht nur Stühle mit Stoffbezug im Blick. Ich sitze seit nun mehr als zweieinhalb Jahren auf dem Herman Miller Aeron, einem Schreibtischstuhl mit Mesh-Bezug.
Polymerbespannungen sind millimeterdünn, aber trotzdem bequem. Das liegt daran, dass sie elastisch sind; Polster hingegen geben »nur« nach. Dadurch gibt Mesh gerade so viel nach, als dass man gemütlich sitzt und trotzdem nicht wie ein Sack Kartoffeln im Netz hängt.
- ✅ Durch die kleinen Löchlein kann die aufliegende Haut (auch mit Shirt) besser atmen. Sprich, wenn draußen die Sonne (garstig) lacht, schwitzt man viel weniger als auf Stoff oder (Kunst-)Leder.
- ✅ Körperschweiß sickert nicht ein, weil Mesh aus Kunststoff besteht. Das bedeutet, es wird nicht schmutzig und ich sitze im Sommer auch nicht in meiner eigenen Marinade.
- ❌ Der Nachteil an den Löchern ist, dass Staub durchrieselt. Euer Stuhl sieht dann nach geraumer Zeit grau bepudert aus.
Mein Tipp
Möchtet ihr Stoff haben, dann achtet vor allem darauf, dass er nicht zu weich und schön fest ist. Klar, ein weicher Sessel ist gemütlich, aber am Schreibtisch wird das schnell zur Falle und euer Rücken wird’s euch nicht danken. Ein guter Indikator ist, wenn ihr Probesitzt oder mit dem Finger reindrückt und euch denkt »das ist aber hart« – dann ist es genau richtig.
Im Falle von Mesh gilt dasselbe: Es sollte beim Reindrücken oder Sitzen nicht zu tief runtergehen. Achtet bei den technischen Daten auf eines der folgenden Dinge:
- Polyester (PET)
- Polyamid (Nylon)
- Elastan-/Spandex
- Spezialgewebe
Nummer 3: Lordosenstütze
Butter bei die Fische: Eine Lordosenstütze ist weder ein Alleinstellungsmerkmal noch eine Funktion, die 2026 Leute hinterm Ofen hervorlockt.
Und trotzdem ist sie eines meiner wichtigsten Features.
Was ist eine Lordosenstütze?
Eine Lordosenstütze ist eine verstellbare Unterstützung im unteren Bereich einer Rückenlehne, welche die natürliche Krümmung der Wirbelsäule – die Lordose – unterstützt. Sie füllt den Hohlraum im Lendenbereich aus und kann eine aufrechtere Sitzhaltung fördern sowie den unteren Rücken bei längerem Sitzen entlasten.
Auch hier gilt: Je fester die Lordosenstütze ins Kreuz geht, desto gesünder.
Das Wichtigste ist jedoch, dass die Lordosenstütze sich nicht nur in ihrer Stärke regulieren lässt, sondern auch in ihrer Form.
Freilich, ein Rückgrat haben wir alle (manche mehr, manche weniger), und es ist wie ein S geformt. Biounterricht, 6. Klasse. Die Wirbelsäule ist allerdings nicht bei jedem gleich geformt.
Gute Gaming Chairs haben daher einen zweiten Regler, mit dem man die Form anpassen kann – so wie der Boulies Master. Es gibt nämlich keine Einheitsgröße respektive -form.
Mein Tipp
Achtet auf eine Lordosenstütze, klar, aber checkt vor allem, …
- … ob sie sich auch in der Form einstellen lässt, um sich dem Schwung eurer Wirbelsäule anzupassen.
- … wie stark sie aus der Rückenlehne hervortritt. Je stärker, desto besser für euren Rücken.
Das eine Feature, das alles aussticht
Alle drei Eigenschaften sind absolut elementar und sollten meiner Meinung nach nie vernachlässigt werden. Die wichtigste Funktion für gesundes Sitzen bleibt aber die Synchronmechanik.
Erklärt ist die Funktion recht schnell: Die Synchronmechanik sorgt dafür, dass sich der Sitz und die Lehne eines Schreibtischstuhls in einem bestimmten Verhältnis zueinander bewegen und nicht parallel zueinander. Das entlastet den Rücken immens.
Da der Artikel bereits randvoll mit Infos ist, verweise ich an dieser Stelle auf einen Special von mir, wo ich im Detail auf die Synchronmechanik eingehe. Wichtig zu wissen ist nur, dass nicht jeder Gaming Chair oder Schreibtischstuhl sie hat, nicht einmal besonders teure.
Also, auf eurem Zettel für einen guten Gaming Chair oder Schreibtischstuhl sollten stehen:
- Hohe Verarbeitungsqualität für Langlebigkeit
- Harte Polsterung oder Mesh
- Eine Lordosenstütze, die sich nicht nur im Härtegrad, sondern auch der Form anpassen lässt.
- Bonus: Synchronmechanik
Damit seid ihr bestens für euren nächsten Stuhl gewappnet. Die Sitzheizung kann euch dann sprichwörtlich getrost den Pobbes küssen.

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