Ein uralter Gigant erreicht nach schier ewiger Reise durch das Nichts unser Sonnensystem - mit manchem geht da die Fantasie durch

Wir haben einen interstellaren Besucher. Das uralte Objekt kommt von weit her. 3I/ATLAS stellt ein Faszinosum dar – doch manch einer sieht in ihm gar Welterschütterndes: potenziell Aliens. Wir klären auf.

Symbolbild: 3IATLAS befindet sich im August 2025 noch im äußeren Sonnensystem, doch er rast zu den inneren Planeten und wird sie im Herbst passieren. Dem Mars kommt er dabei sehr nahe.
(Bildquelle: Unsplash, NASA Hubble Space Telescope) Symbolbild: 3I/ATLAS befindet sich im August 2025 noch im äußeren Sonnensystem, doch er rast zu den inneren Planeten und wird sie im Herbst passieren. Dem Mars kommt er dabei sehr nahe. (Bildquelle: Unsplash, NASA Hubble Space Telescope)

Er ist ein Gigant aus den Tiefen des Alls: 3I/ATLAS. So heißt ein Objekt, das die Wissenschaft umtreibt, elektronische Späher auf sich zieht und wildeste Fantasien weckt. Ein Harvard-Wissenschaftler mutmaßt gar, es könnte sich um Aliens handeln und bringt Sachargumente dafür vor.

Wir nehmen euch mit auf einen imaginären Besuch beim Dritten seiner Art, der die beiden Vorgänger in den Schatten stellt – und gehen der Frage nach, ob vielleicht wirklich etwas Außerirdisches ins Sonnensystem eingedrungen ist.

Update dank neuer Daten vom James-Webb-Weltraumteleskop: Der Artikel enthält die neuesten Informationen, Stand 26.8.2025 (via zenodo).

Video starten 2:17 Das sind unsere Botschafter für die Ewigkeit jenseits des Sonnensystems – mit an Bord Clyde Tombaugh

Der Dritte seiner Art: uralt, schnell und riesig

3I/ATLAS wurde am 1. Juli 2025 vom namensgebenden ATLAS-Teleskop (Asteroid Terrestrial-impact Last Alert System) in Chile entdeckt. 3I steht für drittes interstellares Objekt. Bei ihm handelt es sich um einen Kometen von außerhalb des Sonnensystems.

Das zentrale Indiz hierfür ist seine beobacht- sowie berechenbare Flugbahn: hyperbolisch. Das heißt, 3I/ATLAS ist nicht an die Sonne gebunden, sondern durchquert das Sonnensystem. Wir sind nur eine der unzähligen Zwischenstationen auf einer ewig währenden Reise in die Unendlichkeit.

Welche interstellaren Objekte kennen wir bisher? Und Eckdaten (August 2025) von 3I/ATLAS
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Entdeckt sowie beobachtet haben wir Stand August 2025 nur drei Stück:

  • 1I/ʻOumuamua, Ende 2017
  • 2I/Borisov, Ende 2019
  • 3I/ATLAS (via spherex.caltech.edu und science.nasa.gov)
    • Orbit: Hyperbolisch, nicht an die Sonne gebunden
    • Perihel (sonnennächster Punkt): 29. Oktober 2025, Abstand zur Sonne etwa 1,4 AE (ca. 203 Mio. km), zwischen Mars- und Erdbahn. Ein AE entspricht dem mittleren Abstand zwischen Erde und Sonne.
    • Geschwindigkeit: ungefähr 58 km/s (ca. 210.000–245.000 km/h) relativ zur Sonne
    • Größe: noch unsicher, wahrscheinlich 1 bis 2 Kilometer im Durchmesser. Wahrscheinlich das mit Abstand größte bisher entdeckte interstellare Objekt (bis zu 10mal 1I/ʻOumuamua und wohl etwa 2-mal bis 4-mal 2I/Borisov). Er könnte aber auch noch deutlich massiver ausfallen, bis zu fast sechs Kilometer.
    • Masse: Derzeit kaum abschätzbar.
    • Zusammensetzung: Vor allem Wasser-Eis, Kohlenstoffdioxid-Eis, Silikatstaub und organische Tholine (Gemenge organischer Moleküle aus Kohlenstoff, Stickstoff und Wasserstoff). Hinzu kommt Nickel sowie wahrscheinlich auch Eisen. Der Komet weist ferner ein ungewöhnlich CO₂/H₂O-Verhältnis auf, das bei Kometen in einer Entfernung von 3 bis 4 AE bisher nicht beobachtet wurde. Alles Bekannte zu 3I/Atlas weist auf einen CO₂-reichen Kern hin.
    • Schweif/Staubfahne (unklar, diskutabel): eventuell 25.000 Kilometer lang, aber mehrfach bestätigt ist: ein Koma (diffuse, nebelige Hülle) von 350.000 Kilometer Durchmesser (etwa so groß wie der Abstand Erde bis zum Mond)
    • Herkunft: Zentrale Scheibe der Milchstraße
    • Alter: Schätzungsweise mehr als 11 Milliarden Jahre und damit älter als das Sonnensystem. 3I/ATLAS muss somit derzeit als das älteste Objekt gelten, das jemals das Sonnensystem durchquert hat.

Wer noch mehr zu Geschwindigkeiten im Sonnensystem erfahren möchte, ist hier richtig aufgehoben:

Kometen bestehen größtenteils aus Eis und ziehen so bei Annäherung an die Sonne einen Schweif hinter sich her – die äußeren Schichten verdampfen im Sternenlicht. Hierdurch entsteht auch je nach Nähe zum Stern eine Aura in Form einer Art ausdünstenden Wolke, die Koma. Im Fall von 3I/Atlas besteht eine uncharakterischer Materieverlust (Staub, verdampfende Gase, etc.) in Richtung Sonne.

Aufnahmen von 3I/Atlas mit einem 8,2 Meter durchmessenden Teleskop von Chile aus, verschiedene Farberfassungen. (Bildquelle: https://www.astronomerstelegram.org/?read=17363)

Dies könnte mit der Zusammensetzung zusammenhängen, die untypisch im Vergleich zu bisher bekannten Kometen daherkommt - er stammt halt von weit her, aus einem anderen Sonnensystem. Die Analysen dauern an.

Am 29. Oktober 2025 erreicht er den sonnennächsten Punkt, wo 3I/ATLAS quasi in eine leichte Kurve einschwenken wird. Er hat dann seine tiefste Lage in der Schwerkraftsenke der Sonne erreicht und schießt mit leicht verändertem Kurs und eventuell auch beschleunigt wieder in die Weiten des Alls hinaus.

Mit bloßem Auge könnt ihr 3I/ATLAS nicht erspähen. Für alle Experten mit Teleskopen: Etwa ab Jahresende ist er mit entsprechender Ausrüstung beobachtbar, zwischenzeitlich verschwindet er aus unserer Perspektive hinter der Sonne. Wenn er dann wieder hervorkommt bricht ein Wettrennen los, denn mit jeder Sekunde entfernt er sich von uns und schrumpft perspektivisch, bis ihn erneut nur die stärksten irdischen Anlagen noch verfolgen können. Wirklich nahe wird er uns also nie kommen.

Grafik der Laufbahn Aufnahme durch das Hubble Weltraumteleskop Grafik der Laufbahn Aufnahme durch das Hubble Weltraumteleskop

Links seht ihr den berechneten Weg des Kometen durchs Sonnensystem. Rechts bestaunt ihr ein Foto von ihm, aufgenommen von Hubble. (Bildquellen: NASA/JPL-Caltech und NASA, ESA, David Jewitt (UCLA); Image Processing: Joseph DePasquale (STScI)

Den besten Blick werden derweil die Marsrover und -Satelliten ergattern. Es folgen die Daten für die Abstände und jeweiligen Zeitpunkte, wenn es sich lohnt, die Handtücher auf die Beobachtungsliegen zu legen.

  • Mars: 3. Oktober 2025, 0,19 AE
  • Erde: 19. Dezember 2025, 1,8 AE
  • Jupiter: 16. März 2026, 0,36 AE

Ist 3I/ATLAS ein Raumschiff?

Professor Avi Loeb regt an, dass 3I/ATLAS etwas seit Langem Gesuchtes sein könnte. Er hält eine künstliche Herkunft für möglich, also Aliens:

3I/ATLAS könnte ein Raumschiff sein, das von nuklearer Energie angetrieben wird.

Avi Loeb (via avi-loeb.medium).

Wer ist Avi Loeb? - Versuch einer Kurzeinordnung

Avi Loeb (theoretischer Physiker, Harvard Universität) weiß sich als Wissenschaftler perfekt zu vermarkten. Er tritt immer wieder in Podcasts oder Fernsehshows auf – und versteht allgemein, wie soziale Medien funktionieren. Vor allem durch letztere, auf denen sich seine Aussagen und prägnant geschriebenen Artikel verbreiten, erlangen seine teils kontroversen Sichtweisen auf Themen regelmäßig große Aufmerksamkeit. Ferner ziehe er, wie Loeb selber auch hier auf seiner Website schreibt, eine Vielzahl an reichen Individuen an, die Interesse äußern, seine Forschung mit Drittmitteln zu finanzieren.

Avi Loeb argumentierte auch bereits bei 1I/ʻOumuamua etliche Male, dass es sich hierbei um ein außerirdisches Objekt handeln könnte (via heise).

Er bewegt sich mit seinen Thesen regelmäßig am ausgedünnten Rand der Wissenschaftlichkeit durch Extreminterpretation von Fakten.

Oder anders ausgedrückt: Er stellt Fragen mit Verweis auf fehlende Informationen, die niemand ernsthaft verneinen kann, da die Wissenschaft nicht per se Nein, das kann nicht sein antwortet – es sei denn, es verstößt mit absoluter Sicherheit gegen uns bekannte Gesetzmäßigkeiten.

Letztendlich gehören solche Meinungen zur Wissenschaft, aber es gilt als immens wichtig – sowohl für Loeb selbst als auch für uns als Journalisten –, seine Thesen stets einzuordnen.

Der Wissenschaftler stützt diese Spekulationen unter anderem auf folgende Merkmale:

  • Die Ausrichtung der Bahn auf der Ekliptikebene sowie weit hinein ins innere Sonnensystem. Warum fliegt das Objekt derart passgenau auf der Ebene (von der Seite betrachtet, also quasi auf dem imaginären Sonnensystem-Teller) entlang zur Sonne? Und weshalb kommt es dem Mars so nah, der ja einst theoretisch mal Leben beheimatet haben könnte?
  • Die sich durch Analysen herausschälenden Fakten deuten auf ein Objekt hin, dessen Eigenschaften es als extrem selten dastehen lassen. Und zwar derart rar, dass wir es theoretisch nicht so schnell entdecken dürften. Seine noch nicht gänzlich geklärte, aber wahrscheinlich enorme Größe und Masse, sollte laut Loeb dort draußen so gut wie nie vorkommen - auf alle Fällten dürften wir es nach ihm bisher nicht sichten dürfen (via avi-loeb.medium).

Avi Loeb würde gerne eine Sonde zu 3I/ATLAS schicken oder ihn anfunken, um final zu klären, ob es sich nicht vielleicht doch um Aliens handelt. Ersteres dürfte aufgrund des geringen Zeithorizontes bis zu seiner erdnächsten Annäherung im Dezember 2025 aber unmöglich sein. Letzteres hingegen gilt nach Meinung der überwiegenden Mehrheit als schlicht eines: Zeitverschwendung, da es ein lebloser Komet sei.

Und genau das ist das Problem mit der Argumentationsweise von Avi Loeb: Denn Ende August 2025 kann niemand mit letzter Gewissheit sagen: Das ist alles reiner Zufall, dahinter steckt halt ein Komet, der sich exakt so verhält, wie erwartet. Was noch unklar ist, wird sich klären - wie auch schon bei 1I/ʻOumuamua. Er ist eben ein besonders großer der Milliarden von Gemengebrocken aus Eis dort draußen in den Tiefen des Alls.

Und eines müssen wir Loeb lassen: Er erzählt durch seine Fragen verdammt spannende Könnte-ja-sein-Geschichten – wobei er sie selbst rasch einkassiert, um nicht als allzu unseriös dazustehen:

Der Forscher räumt nämlich weitestgehend selbst ein: Die einfachste Erklärung sei die, dass es sich um einen Kometen handelt. Ein Raumschiff kann zwar nicht ausgeschlossen werden, benötige aber belastbare Beweise.

Loeb erhofft sich Klarheit durch weitere Beobachtungen und Daten. Hier ist er sich mit seinen weltweit forschenden Kollegen einig: Aufschluss über die exakte Beschaffenheit des Objekts könne nur durch zusätzliche gründliche Analysen erlangt werden.

Die Ende August veröffentlichten Daten zementieren die bisher getroffenen Annahmen in der Breite der Wissenschaft: 3I/Atlas ist ein Komet – wenn auch ein ungewöhnlicher, der sich unter andersartigen Bedingungen in einem fernen Sonnensystem vor langer Zeit herausgebildet hat.

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