Wenn Artemis 2 bald zum Mond aufbricht, wartet auf dem Heimweg ein fast 50 Jahre alter Rekord darauf, endlich gebrochen zu werden

Bis heute hält eine Mondmission der NASA, die nicht mal auf dem Trabanten landete, einen Rekord: Schneller als die Besatzung von Apollo 10 war bis heute niemand. Drei Männer und eine Frau werden das aber bald ändern.

Artemis 2 schickt sich an, den inzwischen nach wissenschaftlichen Maßstäben uralten Rekord des Apollo-Programmes zu knacken.
(Bildquelle: NASA, JPL, USGS) Artemis 2 schickt sich an, den inzwischen nach wissenschaftlichen Maßstäben uralten Rekord des Apollo-Programmes zu knacken. (Bildquelle: NASA, JPL, USGS)

Es ist ein Höllenritt, der sich seit Jahrzehnten hartnäckig im Guinness-Buch der Rekorde hält: Am 26. Mai 1969 stürzte Charlie Brown eines fallenden Sternes gleich durch die Erdatmosphäre – an Bord drei US-Amerikaner auf dem Rückweg vom Mond. Sie steuerten das nach der Comicfigur benannte Kommandomodul der Mission Apollo 10.

Wenige Monate später gelang Kollegen von ihnen die Mondlandung. Doch das Trio der Generalprobe für den historischen Moment ist seit heute die schnellste reisende Gruppe von Menschen: 39.937,7 Kilometer pro Stunde.

Die Generalprobe für den Anlauf auf einen neuen Rekord gelang bereits 2022 – bald wird es ernst.

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Ein Rekord für ein halbes Jahrhundert

»Ein violett-weißer flammender Ball«, so beschreibt Eugene Cernan als Crewmitglied von Apollo 10 ihren Wiedereintritt in die Erdatmosphäre im Rückblick. Auf dem Weg hinab hatten sie in rund 120 Kilometern über der Erdoberfläche den Geschwindigkeitsrekord aufgestellt: 39.937,7 Kilometer pro Stunde. Niemand hat sie bis Mitte 2025 überboten (via NASA und guinnessworldrecords).

Eine Weile dürfen er sowie seine Kameraden John Watts Young und Thomas Patten Stafford ihren Titel wohl noch behalten, dann werden drei Männer und eine Frau den Rekord der »schnellsten Menschen der bisherigen Geschichte in einem Vehikel« beanspruchen – abermals Astronauten.

Als Rekord-Aspiranten gehen frühestens im April 2026 die Astronauten Jeremy Hansen (kanadische Raumfahrtbehörde), Victor Glover, Reid Wiseman und Christina Hammock Koch (NASA) an Bord der Orion-Raumkapsel auf den Flug mit Artemis 2.

Snoopy Crew von Artemis 2 Snoopy Crew von Artemis 2

Snoopy hat seinen Flug auf Artemis 1 gut überstanden (gemeinsam mit unter anderem zwei Dummys). Das Quartett von Artemis 2 hat den Flug ihres Lebens noch vor sich, 2026 soll es so weit sein. (Bildquelle: NASA und James Blair/NASA/JSC)

Artemis 1 hat geübt, im zweiten Anlauf wirds ernst

Am 11. Dezember 2022 gelang die Generalprobe für den ersten Flug seit Jahrzehnten von Menschen zum Mond. Die Orion-Testkapsel landete nach mehreren Mondumrundungen als abgesprengte Spitze des Space Launch Systems (SLS) im Pazifischen Ozean. Dabei demonstrierte sie eine hohe Chance, den Geschwindigkeitsrekord zu brechen.

Mit rund 39.600 km/h blieb die Orion-Raumkapsel dem Missionsbericht der NASA zufolge beim Eintritt minimal unter dem Rekord, aber die NASA spricht selbst davon, dass Artemis 2 wohl mit um die 40.200 km/h eintreten wird.

Den Wiedereintritt der Orion-Raumkapsel (Artemis 1) könnt ihr in diesem YouTube-Video in Echtzeit miterleben. An Bord befanden sich nämlich Kameras sowie auch Mikrofone, die den gesamten Abstieg hinab zum Pazifik für die Nachwelt aufgezeichnet haben.

Ähnlich wie Apollo 10 wird die Crew im Zuge von Artemis 2 nicht auf dem Mond landen, sondern etliche Schritte, Systeme und Programme testen, die zuvor erfolgreich abzulaufen haben.

Artemis 1 hat zuvor bereits Grundlegendes, wie den Hitzeschild erprobt: Er gehört aufgrund der enormen Hitze-Belastung zu den überlebenswichtigen und gleichzeitig massiv unvermeidbar zu belastenden Komponenten. Bis auf kleinere Probleme hat Orion bewiesen, dass die Konstruktion hält, was sie nach Simulationen versprach.

Beim Wiedereintritt erreichen ihre Hitzeschilde Temperaturen von jenseits der 2.800 Grad Celsius. Die beim Eintritt frei werdende Reibungs- und Kompressionsenergie sorgt dabei für eine Schale aus Luftpartikeln, die sich in sogenanntes Plasma verwandelt. Orion stürzt ebenso wie einst Apollo eines abgerundeten Rammbocks gleich, eine dünne Schicht aus brennender Luft vor sich her schiebend gen Erdboden.

Artemis 1 ist sicher gelandet und hätte mit Menschen an Bord den Geschwindigkeitsrekord wahrscheinlich bereits eingesackt. Jetzt bleibt es ihrer Schwester Artemis 2 überlassen, dem Apollo-Programm den einen oder anderen Ehrentitel abzunehmen.
(Bildquelle: NASAJames M. Blair) Artemis 1 ist sicher gelandet und hätte mit Menschen an Bord den Geschwindigkeitsrekord wahrscheinlich bereits eingesackt. Jetzt bleibt es ihrer Schwester Artemis 2 überlassen, dem Apollo-Programm den einen oder anderen Ehrentitel abzunehmen. (Bildquelle: NASA/James M. Blair)

Die Landung ist geplanter Höhepunkt von Artemis 3. Diese Aufgabe soll dabei das Starship (in einer Sonderform, dem Human Landing System) von SpaceX übernehmen. Das befindet sich derzeit aber noch in der Testphase. Das Ziel dahinter ist klar: China im Wettlauf zur erneuten Mondladung schlagen.

Miterleben werden die derzeitigen Rekordhalter weder die geplante Mondladung noch zuvor Artemis 2. Der Letzte von ihnen verstarb 2024. Zwei von ihnen sollten aber vor ihrem Tod noch selbst auf dem Mond landen: Eugene Cernan mit Apollo 17 und damit als einer der zwei letzten Menschen, die bis dato auf dem Trabanten standen. John Watts Young betrat die Oberfläche unseres Begleiters bereits eine Weile zuvor im Zuge von Apollo 16 (via Technik-Museum).

Warum ist Orion wahrscheinlich schneller als Apollo?

Auch wenn Apollo 10 und Artemis 2 auf den ersten Blick das identische Ziel ansteuern, weisen beiden Flüge grundlegende Unterschiede auf. So sehen die geflogenen Routen anders aus, zum Beispiel entfernt sich Orion deutlich weiter vom Mond. Hierdurch nimmt die Raumkapsel vereinfacht ausgedrückt weit mehr Schwung auf, mit dem das Raumschiff vor dem Wiedereintritt auf die obersten Atmosphärenschichten trifft.

Dank dieses Missionsprofils greift die Crew von Artemis 2 nach einem weiteren Rekord: Die vier Astronaut/innen werden die Menschen sein, die sich am weitesten von der Erdoberfläche entfernt haben werden, mehr als 434.000 Kilometer. Bisher galt diese Ehre der Besatzung von Apollo 13 mit 401.000 Kilometern (via GEO)

Apollo 13, war da nicht was?
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Ja, das ist die berüchtigte Mission, die fast in einer Katastrophe mündete und die auch mit Tom Hanks in der Hauptrolle als wahre Geschichte zum Film wurde. Nach »Houston, ruft mal beim Guinness-Buch der Rekorde an« war ihnen wohl kaum zumute, stattdessen setzten Sie im April 1970 nach Explosion eines Sauerstofftanks den bekannten Hilferuf: »Houston, wir haben ein Problem« ab – zumindest in gewisser Weise.

Denn in Wahrheit funkten sie: »Okay, Houston, wir haben hier gerade ein Problem gehabt«. Hiermit bezogen sie sich auf den konkreten Unfall, der zur akuten Notlage führte. In welchen Schwierigkeiten die Crew wahrhaftig steckte, konnten sie zu den Zeitpunkt noch nicht ahnen. In Wirklichkeit standen sie am Anfang einer der gefährlichsten Situationen der bemannten Raumfahrt, die alsbald eskalieren sollte.

Für den Film wurde das Zitat zur Straffung der Dramaturgie leicht abgeändert (via Süddeutsche).

Weitere außerirdische Geschwindigkeitsrekorde

Es gibt derweil bereits Berechnungen für die Anfluggeschwindigkeiten von heimkehrenden Mars-Missionen. Wären hier Menschen an Bord und würden wir ohne vorherige Extra-Manöver oder Triebwerkszündungen (für die es Treibstoff bräuchte) auf die sprichwörtliche Bremse treten, würden Marsonauten mit fast 45.000 Stundenkilometern in die Atmosphäre eintreten (via americaspace).

Eine Frage der Relation: Es gibt nicht die eine wahre Geschwindigkeit. Wir geben Geschwindigkeiten stets relativ zu einem statischen Erdmittelpunkt an. Denn die Erdoberfläche dreht (bewegt) sich ja auch mit etwa 1.700 km/h (am Äquator).

Deshalb, ein Gedankenexperiment: Stellt euch vor, ihr steht neben einem Freund auf dem Dach eines Zuges im Bahnhof. Ihr rast wie immer mit der Erde um die Sonne, aber die Tachos in euren Händen zeigen 0.
Jetzt geht die Fahrt los, rasch erreicht ihr 100 km/h. Auf dem Nachbargleis ist ein zweiter Zug (B) gleichzeitig in dieselbe Richtung unterwegs – ebenfalls mit 100 Kilometern pro Stunde. Ihr springt hinüber, euer Freund bleibt auf Zug A. Jetzt beschleunigt B auf 105 Stundenkilometer. Wie schnell seid ihr relativ zu ihm unterwegs? Die Antwort: 5 km/h. Euer Tacho zeigt aber 105 km/h. Es ist eben eine Frage der Relation.

Bei allen Tempo-Rekorden im All kommt es auf den Planeten an, der als sogenanntes Bezugssystem dient. Meistens nehmen wir dazu die Erde oder in manchen Fällen auch die Sonne. (via DLR)

Wenn wir die Menschen einmal buchstäblich herausnehmen und das sich am schnellsten fortbewegende, von Menschen geschaffene Vehikel suchen, bleiben wir dennoch bei der NASA: die Parker Solar Probe. Sie umkreist die Sonde und erreichte vor einiger Zeit 692.000 Stundenkilometer in Bezug auf den Stern als maßgeblichen Nullpunkt.

Ein Objekt, das es am eiligsten hatte, unsere Heimat zu verlassen, ist aktuell die New Horizons Sonde: 58,000 km/h. Sie erkundete nicht nur Pluto, sondern gehörte zu einer elitären Gruppe von fünf Wissenschafts-Vehikeln. Jenes Quintett besteht aus den aktuell einzigen von Menschenhand gebauten Objekten, die dabei sind, das Sonnensystem zu verlassen - oder es schon getan haben. An Bord von New Horizons ist sogar ein Teil eines Menschen.

Während am Mars ein alter Rover der NASA (Mars Pathfinder) mit 27.000 Stundenkilometern (bezogen auf den roten Planeten) den Titel hält, nimmt der Mini-Helikopter Ingenuity gleich eine Vielzahl von Trophäen für sich in Anspruch, vor allem aber: er ist das erste (und damit ja auch schnellste) Fluggerät der Menschheit, das außerhalb der Erde aus eigener Kraft abhob. Sein Spitzentempo lag bis zu seinem Absturz bei rund 20 km/h (via NASA)

Letztendlich können wir alle jedoch als echt schnell gelten: Wir rasen gemeinsam mit allen anderen Lebewesen auf der Erde mit 108.000 km/h um die Sonne. Ferner umkreisen wir das galaktische Zentrum als Teil des Sonnensystems mit schieren 828.000 km/h – einmal komplett alle 240 Millionen Jahre.

Und wenn wir den wohl absolutesten Nullpunkt von allen wählen, den kosmischen Mikrowellenhintergrund, dann donnern wir geradezu auf unserem blauen Planeten mit satten 1.300.000 km/h durchs All.

Und das Beste daran: Wir alle waren, sind und werden nie langsamer sein: Jedes Atom auf oder um die Erde trägt diese Bewegungsenergie allzeit sich. So auch wir – ab der ersten Millisekunde im Mutterleib.

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