Facebook gegen Facebook: Wie der Konzern sich selbst besiegte

Am 4. Oktober 2021 fiel Meta ins digitale Nichts. Eine fatale Panne zeigt, wie verwundbar unsere digitale Welt wirklich ist.

Dass in der IT vermeintlich kleine Fehler mitunter gravierende Folgen haben können, musste 2021 auch Facebook beziehungsweise Meta erleben. (Quelle: Meta, GameStar Tech Sven Scharpe) Dass in der IT vermeintlich kleine Fehler mitunter gravierende Folgen haben können, musste 2021 auch Facebook beziehungsweise Meta erleben. (Quelle: Meta, GameStar Tech / Sven Scharpe)

Es war der 4. Oktober 2021, als die Welt für Milliarden Menschen plötzlich sehr leise wurde. Was wie ein gewöhnlicher Server-Schluckauf begann, entwickelte sich binnen Minuten zu einem spektakulären IT-Katastrophenfilm. Die Anatomie eines sechs Stunden langen Blackouts beweist eindrucksvoll: Je größer das digitale Imperium, desto tiefer fällt es, wenn man über die eigenen Kabel stolpert.

Stellt euch vor, ihr besitzt einen gigantischen, hochmodernen Wolkenkratzer. Und nun schickt ihr einen Techniker los, um im Keller ein paar Leitungen zu überprüfen. Durch ein Missgeschick zieht euer Mitarbeiter aber nicht nur das Hauptstromkabel, sondern mauert gleichzeitig die Eingangstüren zu, macht sämtliche Türschlösser unbrauchbar und löscht auch noch die Adresse des Gebäudes aus dem Melderegister.

Im übertragenen Sinn passierte Meta (damals noch Facebook) genau das. An einem ganz normalen Montagnachmittag verschwanden Facebook, Instagram, WhatsApp von einer Sekunde auf die andere aus dem Internet. Für rund dreieinhalb Milliarden Nutzer weltweit kollabierte die gewohnte digitale Infrastruktur. Was im Silicon Valley als routinemäßiges Update begann, endete in einem sechsstündigen, existenziellen Albtraum.

Das unsichtbare Fundament bricht

Um zu verstehen, wie sich ein Weltkonzern selbst abschalten kann, muss man einen Blick unter die Motorhaube des Internets werfen. Das Netz funktioniert im Grunde über zwei Systeme: das Telefonbuch (DNS) und die Post-Zusteller (BGP).

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Das BGP (Border Gateway Protocol) ist das Navigationssystem des Internets. Es sagt den globalen Datenströmen, welchen Weg sie nehmen müssen, um von eurem Smartphone zu den Servern von Facebook zu gelangen. Am 4. Oktober schickten Techniker bei Facebook ein Routine-Kommando ab, um die Kapazität des firmeneigenen Backbone-Netzwerks zu überprüfen. Dieses Netzwerk dient dazu, alle Rechenzentren miteinander zu verbinden, die Meta auf der ganzen Welt betreibt.

Dabei passierte ein fataler Fehler: Ein fehlerhafter Befehl trennte alle Verbindungen zu den externen Rechenzentren. Das System tat daraufhin genau das, wofür es programmiert war, es meldete den restlichen Routern im Internet: Wir sind nicht mehr erreichbar. Facebook hatte im Grunde die Schilder von der Autobahn gerissen. Das Internet wusste schlichtweg nicht mehr, dass Facebook existiert. 

Gefangen im eigenen Smarthome

Was diesen Vorfall von normalen Serverausfällen unterscheidet, ist die fast schon tragische Ironie der Ereignisse, die kurz darauf in der Meta-Zentrale in Menlo Park ausbrachen.

Was sich damals im Meta HQ abgespielt haben muss, wäre Stoff für einen Thriller. (Quelle: Adobe Stock Askar) Was sich damals im Meta HQ abgespielt haben muss, wäre Stoff für einen Thriller. (Quelle: Adobe Stock / Askar)

Weil Facebook ein Tech-Gigant ist, der maximale Synergien nutzt, lief praktisch die gesamte firmeninterne Infrastruktur über dasselbe Netzwerk, das gerade gekappt worden war. Das bedeutete:

  •  Die Mitarbeiter konnten keine E-Mails mehr senden.
  •  Das interne Kommunikationstool Workplace war tot.
  •  Besonders brisant: Die elektronischen Sicherheitsausweise der Angestellten funktionierten nicht mehr.

Die Ingenieure, die das Problem theoretisch schnell beheben sollten, kamen nicht einmal mehr in die Gebäude oder in die Serverräume, weil die Türen elektronisch verriegelt blieben. Ein hochentwickelter Tech-Konzern hatte sich quasi im eigenen digitalen Smarthome eingesperrt oder (je nach Sichtweise) ausgesperrt.

Die Rettung mit der Flex

Die Panik war messbar. Während der Aktienkurs von Facebook im Minutentakt absackte und Mark Zuckerberg persönlich innerhalb weniger Stunden über sechs Milliarden Dollar verlor, versuchten verzweifelte IT-Teams in aller Welt, physischen Zugang zu den Servern zu bekommen.

Hartnäckigen Gerüchten zufolge mussten in einem Rechenzentrum in Santa Clara, Kalifornien, Techniker schließlich mit einer Flex und schwerem Werkzeug anrücken, um die mechanischen Sicherheitsbarrieren der Server-Racks zu überwinden. Erst als die Ingenieure physisch vor den Rechnern standen, konnten sie den Fehler manuell beheben.

Es dauerte qualvolle sechs Stunden, bis es im Internet wieder erste Lebenszeichen von Facebook gab. Das digitale Imperium atmete auf und die Meta-Apps auf den Smartphones der Welt funktionierten wieder.

Ein Weckruf für die digitale Monokultur

Was bleibt von diesem Tag? Abgesehen von einem geschätzten Schaden von rund 100 Millionen Dollar an entgangenen Werbeeinnahmen für Facebook war der Ausfall vor allem ein brutaler Offenbarungseid für die moderne Gesellschaft.

In Ländern des globalen Südens, in denen WhatsApp oft mit »dem Internet« gleichgesetzt wird und als primäre Plattform für Kleinunternehmer, Arztpraxen und Behörden dient, kam das öffentliche Leben teilweise zum Erliegen. Der Vorfall zeigte schmerzhaft, wie gefährlich unsere Abhängigkeit von einer digitalen Monokultur ist, die von einer Handvoll Konzernen im Silicon Valley kontrolliert wird.

Wenn das nächste Mal ein Software-Entwickler sagt: Das ist nur ein kleines, risikoarmes Update, wird man in Menlo Park vermutlich bis heute nervös. Denn die größte IT-Katastrophe des Jahres 2021 wurde nicht von genialen Cyberkriminellen ausgelöst, sondern von einem internen Befehl, der die eigene Haustür von innen faktisch zuschweißte.


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