City of Gangsters: »So ein Spiel wünsche ich mir seit 20 Jahren«

City of Gangsters verfolgt ein Konzept, das es verblüffend selten in der Gaming-Welt gibt: Ein eigener Don zu werden. Und schon vor Release drückt es die richtigen Knöpfe.

von Dimitry Halley,
27.08.2020 14:00 Uhr

Genre: Wirtschaftssimulation | Entwickler: SomaSim | Plattform: PC | Release: 2021

City of Gangsters sieht derzeit noch aus wie Gauner-Grütze. Furchtbar trockene Menüs, Platzhalter-Grafiken, manche Teile des Spiels fehlen komplett - und doch geht mir beim einstündigen Preview-Termin mit den Entwicklern permanent das Herz auf.

Denn City of Gangsters ist ein Spiel, das ich mir seit 20 Jahren wünsche: eine Wirtschaftssimulation, in der ich aus der Draufsicht mein eigenes Ganoven-Imperium in Chicago, Pittsburgh oder Detroit errichte, Leute erpresse, Freundschaften knüpfe, Gefallen einfordere.

Da mag manch ein Veteran jetzt an Gangsters: Organisiertes Verbrechen (1998) denken, doch abseits davon sind Gangster-Wirtschaftssimulationen rar gesät. City of Gangsters stößt in eine spannende Lücke vor. Die Macher von Project Highrise kennen sich zudem mit Wirtschaftssims aus - und City of Gangsters würzt das klassische Gangsters-Gameplay zudem mit sehr coolen eigenen Ideen, die mich ausgerechnet an Crusader Kings 3 erinnern.

Was macht City of Gangsters besonders?

Geschichten, die in City of Gangsters passieren: Ein Typ taucht an der Straßenecke auf und geht euch tierisch auf den Keks. Eigentlich wollt ihr im Chicago der 1920er nur den alten Schnaps eurer Tante illegal verkaufen, um in den Wirren des Prohibitions-Alkoholverbots ein bisschen was zu verdienen.

Die Städte in City of Gangsters sind stilisiert, aber stimmungsvoll. Die Städte in City of Gangsters sind stilisiert, aber stimmungsvoll.

Der Typ an der Ecke macht euch das Revier streitig, sodass ihr ihm eine aufs Maul haut. Blöd nur: Drei eurer wichtigsten Hopfenlieferanten sind Cousins von diesem Typen und boykottieren jetzt jedes Gespräch.

Obwohl City of Gangsters aus der Draufsicht sehr unpersönlich wirkt, geht es im Spiel ganz und gar um Beziehungen. Die Frau vom Barkeeper kennt irgendwen, der irgendwen kennt, der mir unter der Hand Baseballschläger verkauft. Wenn ich die Floristin auf meine Seite bringe, legt sie bei ihrem Vater ein gutes Wort ein, der wiederum den Polizeichef gut kennt.

Klar, in City of Gangsters steckt auch eine reguläre Wirtschaftssimulation. Ihr erstellt euch einen Charakter, der in der prozedural generierten Stadt Gauner rekrutiert, Warenkreisläufe optimiert, An- und Verkauf regelt, Schutzgelder erpresst und die Konkurrenz vertreibt. Wenn ich als Don genügend Respekt in einem Viertel erwerbe, »gehört« es mir. Und so färbe ich nach und nach ganz Chicago nach meiner Couleur ein. Auf dem Papier:

  • Während der US-amerikanischen Prohibition der 1920er baut ihr euch ein eigenes Gangster-Imperium auf.
  • Mehrere prozedural generierte Städte stehen euch zur freien Verfügung. Geographisch bleibt Chicago natürlich immer eine Stadt am Lake Michigan, aber die demographische Verteilung wird mit jedem neuen Spiel neu ausgewürfelt.
  • RPG-Mechaniken: Mein Gangster und meine Leute werden mit der Zeit besser.
  • Beziehungen: Jede Figur in der Großstadt hängt mit anderen Charakteren zusammen. Das auszunutzen, ist Kernbestandteil des Spiels.
  • Krieg! Wer mit anderen Banden aneinander gerät, muss bestechen, attackieren, Anschläge planen - in der Pre-Alpha war das aber noch nicht verfügbar.

Was ist der Unterschied zu Empire of Sin?
Paradox arbeitet an einer eigenen Gangster-Simulation namens Empire of Sin. Auch in der arbeitet ihr euch vom Halsabschneider zum Don hoch, allerdings mit etwas anderem Schwerpunkt. Empire of Sin ist mehr ein XCOM in den 20ern, es geht um rundenbasierte Taktikkämpfe. Darüber hinaus wird zwar auch wirtschaftlich kalkuliert, City of Gangsters fokussiert sich aber ganz und gar auf den wirtschaftlichen Aspekt des Mafia-Daseins.

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Für wen ist City of Gangsters interessant?

Wie bei Crusader Kings liegt die wahre Magie im Aufbau von Beziehungen. Meine Ganoven leveln mit der Zeit auf, außerdem knüpfe ich Bekanntschaften, freunde mich mit den richtigen Mitmenschen an, vertreibe unliebsame Rivalen, verdiene mir Gefallen und fordere sie prompt ein. Auf Knopfdruck zeigt mir ein Gitternetz alle Bekanntschaften einer bestimmten Person, damit ich strategisch planen kann, wen ich anzapfen muss, um den Schneeball ins Rollen zu bringen.

Die Menüs sind derzeit noch trockene Textwüsten. Die Menüs sind derzeit noch trockene Textwüsten.

Demnach richtet sich das Spiel an Fans von Wirtschaftssimulationen mit Faible für Rollenspiel-Einschläge wie eben bei Crusader Kings. Mit reinem Zahlenschieben kommt ihr nicht ans Ziel, stattdessen müsst ihr menschliche Interaktionen in euren Wirtschaftskreislauf integrieren und Verbindlichkeiten mitdenken, um als Don zu wahrer Größe zu gelangen.

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Was gefällt? Was ist noch unklar?

Die Pre-Alpha lief schon halbwegs rund, allerdings ist das Spiel noch lange nicht fertig. Ich beziehe mich also vor allem auf das Gesehene - und das Konzept dahinter.

Was gefällt mir gut?

  • City of Gangsters erinnert wunderbar an die besten Tage der Gangster-Simulationen.
  • Das Beziehungssystem erschafft tolles Kopfkino. Ihr sammelt unzählige coole Geschichten.
  • Im Spiel finden sich so ziemlich alle Gangster-Imperiums-Aspekte, die mir als Filmfan einfallen. Schutzgelderpressung, Gefallen, Gangster-Squads und all die anderen unmoralischen Machenschaften.

Was ist noch unklar?

  • Vor allem die Menüs von City of Gangsters sind technisch und optisch grauselig, hier muss dringend mehr Feinschliff her.
  • Kriegs- und Kampfmechaniken habe ich noch nicht gesehen.

City of Gangsters erscheint in der ersten Hälfte 2021 für PC. Das Team strebt eher einen »Full Release« statt einer Early-Access-Phase an, hier ist das letzte Wort allerdings noch nicht gesprochen.

Potenzial | Sehr gut

Dimitry Halley
@dimi_halley

City of Gangsters hat kriminell gute Ideen, die ich als Gangster-Sim-Fan nur begrüße. Besonders das Beziehungssystem begeistert: Wenn plötzlich die Cousins anrücken, weil man dachte, der Buchhalter sei leichte Beute - hach, so muss sich das anfühlen. Für eine finale Einschätzung habe ich aber noch viel zu wenig vom Spiel gesehen.

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