Die Computex 2025 stand ganz unter dem Zeichen der Künstlichen Intelligenz. AI Next
, so das Motto und das soll uns wohl einen Vorgeschmack darauf geben, was uns alles an intelligenter
Elektronik in den kommenden Monaten erwarten wird.
Doch bei all der Hardware, die plötzlich intelligent geworden ist, drängt sich die Vermutung auf, dass zumindest hinter dem I
in KI
gar nicht mal so viel Substanz steckt.
Was ist eigentlich Künstliche Intelligenz?
Die Frage ist tatsächlich nicht leicht zu beantworten. Völlig richtigerweise werde ich in Artikeln, die das Schlagwort KI
enthalten regelmäßig dafür gerügt, dass ChatGPT, Gemini, Stable Diffusion und Co. ja gar nicht intelligent sind. Und das stimmt auch so.
Intelligenz (übrigens ebenso wie Kreativität) ist vielschichtig, schwer zu messen und hat in der Umgangssprache häufig eine andere Bedeutung als etwa in der Wissenschaft.
Und dennoch: Das Wort, Künstliche Intelligenz, oder Artificial Intelligence hat sich – obwohl es so wunderbar nach Science-Fiction klingt – im Alltagsgebrauch für bestimmte Systeme durchgesetzt.
Im großen Ganzen ist KI ein Oberbegriff für Computersysteme, die Aufgaben erfüllen können, die wir traditionell menschlicher Intelligenz zuschreiben – etwa Problemlösung, Lernen, Mustererkennung oder Sprachverarbeitung. Aktuell denken wir dabei meist an Systeme, die auf komplexen neuronalen Netzen basieren, wie die großen Sprachmodelle à la GPT, auf dem ChatGPT basiert.
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»Künstliche Intelligenz ist die neue Elektrizität« - Wir busten mit einem Experten 5 Mythen zu KI
Deswegen: Ich kann keine abschließende Definition für Künstliche Intelligenz geben und das bleibt auch in der Fachwelt ein heiß diskutiertes Thema.
Aber in Abwandlung eines bekannten Zitates: Wenn ich KI
beziehungsweise AI
als Marketing-Buzzword, auch AI Washing
genannt, sehe, dann kann ich mit dem Finger darauf zeigen.
Zumindest habe ich mich an drei Beispielen der Computex 2025 unter dem Motto AI Next
daran versucht.
1. Gigabytes AI OLED Care
zur intelligenten Burn-in-Prävention
Burn-in, das Schreckgespenst der OLED Monitore, sollte auf der Computex nun auch durch Künstliche Intelligenz ausgetrieben werden. Wenn ein OLED-Gerät dauerhaft ein Standbild anzeigt, dann kann das zu dunklen Stellen auf dem Monitor führen.
Gegen das Phänomen tun Hersteller auch schon lange etwas, etwa durch Pixel-Shift, Pixel-Refresh oder adaptive Helligkeitsanpassung. Das sind Maßnahmen, die entwickelt wurden, damit einzelne Pixel nicht zu lange beleuchtet werden und so einbrennen.
Gigabyte bietet uns nun die AI OLED Care
: Die steuert die verschiedenen Burn-in-Schutzfunktionen des Monitors. Nach Herstellerangaben analysiert ein KI-basierter Algorithmus
(was meistens bedeutet: irgendein Modell, das Muster erkennt) den Bildschirm und koordiniert Maßnahmen wie Pixel-Anpassung und automatisches Abdimmen bei statischen Bildern.
Der Bildschirmschoner bei OLED-Monitoren kann nervig sein und es ist eine ganz feine Sache, solche Prozesse zu automatisieren. Aber tut ein automatischer Wartungsplaner so viel intelligenteres als ein Bildschirmschoner, der sich einschaltet, weil sich auf dem Bildschirm nichts tut?
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Computex 2025: Handhelds, OLED und mehr – unsere Highlights der Messe im Tech Talk
2. Biostar: AI Fan Control zur intelligenten Kühlung
Hersteller Biostar stellte auf der Computex 2025 – wenig überraschend – neue Motherboards vor. Die brauchen natürlich eine optimale Kühlung bei möglichst geringer Lautstärke.
Ein Problem, das so lange existiert, wie es leistungsstarke Computerbauteile wie Prozessoren und Grafikkarten gibt. Die dürfen nämlich nicht überhitzen.
Dafür gibt es im Computer eine eingebaute Steuerung und spezielle Programme.
Nicht erst seit der IT-Messe liefert auch Biostar so ein Programm, nur offenbar ein super intelligentes: Die AI Fan Control
. Was müsste ein intelligenter Kühler eigentlich tun? Vielleicht mein Nutzerverhalten lernen – und die Kühlung prädiktiv daran anpassen?
Tatsächlich ist der AI Fan laut Hersteller eine Software, die die Temperatur misst, Wärmeabfuhr optimiert und dabei die Lüftergeschwindigkeit dynamisch steuert, um eine perfekte Balance aus Kühlleistung und minimaler Lautstärke zu finden.
Das ist wirklich toll und klingt nach ausgeklügelter Programmierung, aber ist das KI? Ich glaube, kein Mainboard da draußen ist überhitzt, weil sein Lüfter nicht intelligent genug war.
Es schleicht sich bei mir langsam der Verdacht einer Formel ein: Nimm ein Problem, das maximal optimierungswürdig ist, verbessere es ein wenig und setze das AI-Label drauf.
Das Wort AI
scheint zusehends einfach die Wörter automatisch
und smart
zu verdrängen.
3. MSI MEG Vision X AI PC mit Human Machine Interface
Der Hardware-Hersteller hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Next Level AI PC
auf der Computex 2025 zu präsentieren. Mein Kollege Jusuf hat ausführlich über den 5.000 Euro PC aus High-End-Hardware geschrieben, den ihr euch mit Einzelteilen für 1.000 Euro weniger selbst zusammenbauen könnt:
Was ihr euch in euren selbst zusammengeklöppelten PC aber nicht einbauen könnt: AI HMI
: Nein, damit ist kein neues Kabel gemeint, sondern das Human Machine Interface
. Das ist ein 13-Zoll-Touchscreen, der als intelligentes Kontrollzentrum
dienen soll.
In eurer Wohnung herumbeamen könnt ihr euch damit nicht, aber immerhin KI-Anwendungen wie ChatGPT oder Gemini sogar per Sprachbefehl starten.
Und je nachdem, wie ihr eure Tastatur verwendet, merkt euer HMI, ob ihr gerade zockt oder eure Steuer macht. Wenn ihr etwa ein Spiel startet, wechselt es automatisch in einen Gaming-Modus und zeigt relevante Leistungsmetriken wie FPS und GPU-Auslastung an.
Das ist durchaus praktisch, aber irgendwie muss ich da unweigerlich an Microsofts Clippy, Karl Klammer denken. Das war die nervige Büroklammer, die in den 2000ern in MS-Office aufgetaucht ist und euch Ratschläge gegeben hat: Es sieht so aus, als ob Sie einen Brief schreiben. Benötigen Sie Hilfe?
Zweifelsohne stellt MSI mit dem MEG Vision X AI die Crème de la crème der Hardware vor, aber ob ein edler Bastard aus Clippy und Alexa auf einem 13-Zoll-Monitor das ist, was wir unter KI zum Anfassen
verstehen?
Fazit: Das KI-Buzzword wird bleiben, wir müssen lernen, damit zu leben
Wenn mir ein System wie ChatGPT auf eine nie zuvor gestellte Frage eine verständliche, kohärente Antwort liefert, dann kann ich damit leben, es im Alltag als KI zu bezeichnen – auch wenn es streng genommen nicht denkt.
Aber wenn ein Lüfter etwas schneller dreht, weil die Temperatur steigt, dann ist das keine Künstliche Intelligenz. Das ist Physik – mit einem Algorithmus.
Das Buzzword AI
wird uns noch durch einige Keynotes, Messen und Hardware-Präsentationen begleiten. Wir sollten um die Entwicklungen rund um das, was landläufig eben gerade als KI bezeichnet wird, interessiert und wachsam bleiben.
Und uns keinen AI-Quatsch überteuert verkaufen lassen.
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