Britisches Unternehmen legt Grundstein zur Erschließung einer bisher kaum erkundeten Region der Erde – so groß wie Kanada und Russland zusammen

Während etliche reiche Visionäre das All als Menschheits-Habitat auserkoren haben, zieht es ein Unternehmen in die Tiefe – mit jetzt ersten Erfolgen.

Schaut nach Science-Fiction aus, doch vielleicht schon bald Alltag für Meeresforscher – zumindest wenn es nach einigen Visionären geht: Leben, forschen und arbeiten auf dem Grund der Ozeane. (Bildquelle: Adobe Firefly, generative KI). Schaut nach Science-Fiction aus, doch vielleicht schon bald Alltag für Meeresforscher – zumindest wenn es nach einigen Visionären geht: Leben, forschen und arbeiten auf dem Grund der Ozeane. (Bildquelle: Adobe Firefly, generative KI).

Etliche Tech-Konzerne streben ins All, getrieben vom Willen der vermögendsten Menschen der Gegenwart. Doch eine kleine Gruppe von Ingenieuren will der Menschheit zu einer dauerhaften Heimat im Ozean verhelfen.

Vor rund einem Jahr stellten wir euch die Vision von DEEP bereits in den Grundzügen vor, nun blicken wir auf die seitdem erreichten Erfolge. Und die belegen trefflich, wohin die Reise geht: Erforschung und Bewirtschaftung der vielleicht in Zukunft wertvollsten Wirtschaftsräume des Globus, der Blindspot-Zone.

Video starten 2:49 Taucher nehmen uns mit zur größten Korallenkolonie der Erde

Der erste Schritt in die Tiefe

2021 gegründet, verfolgt das britische Unternehmen DEEP die Mission, Menschen und produktiv unter Wasser leben und arbeiten zu lassen – grob vergleichbar mit dem, wofür die Internationale Raumstation (ISS) im Weltraum steht, aber mit bereits in naher Zukunft erheblichem Potenzial für größere Bevölkerungen.

Ende Juni setzte das Unternehmen erstmals ein Vanguard-Modul als erste nutzbare Unterwasserstation ab, Standort: Tennessee Reef in 17 Meter Tiefe vor der Südküste Floridas. Die Gegend nennt sich Florida Keys National Marine Sanctuary.

Technische Eckdaten von Vanguard:

  • Bewohnbarer Bereich ca. 10,7 Meter lang × 2,5 Meter breit (etwa so groß wie ein kleiner Schulbus)
  • Kapazität: bis zu vier Personen, genannt Aquanauten
  • Missionslänge: bis zu einer Woche ohne Auftauchen der Besatzung
  • Tiefe am aktuellen Standort: etwa 17 Meter
  • Ausstattung: Wohn- und Schlafbereich, Galley (Küche), Sanitäranlagen, Arbeitsbereich/Labor, Tauchcenter mit Moonpool. Letzterer erlaubt Tauchern den schleusenfreien (ohne Druckausgleich) Übergang von innen nach außen. Sie steigen einfach in das Becken und sind im offenen Ozean.

Vanguard ruht inzwischen vor der Küste Floridas und wartet auf seine erste Besatzung. (Bildquelle: DEEP) Vanguard ruht inzwischen vor der Küste Floridas und wartet auf seine erste Besatzung. (Bildquelle: DEEP)

Derzeit laufen finale Tests und Freigaben durch die Behörden. Zuvor ging die Stromversorgung über eine Plattform an der Oberfläche in Betrieb: Zitat: »Die Lichter in Vanguard brennen«, meldet DEEP. Zudem liefert die fest mit dem Meeresuntergrund verankerte Boje Zugang zu Kommunikationskanälen sowie Atemgasen.

Sobald alle notwendigen Formalitäten und abschließenden Abnahmen gelaufen sind, bricht der neu ermöglichte Alltag für die Forschung unter Wasser an. Erste Demo-Missionen sollen im Laufe des Jahres stattfinden, woran sich dann Vanguards Einsatz für die Breite der Wissenschaft anschließt. Derzeit können sich nämlich Teams von Universitäten und Forschungseinrichtungen mit ihren Konzepten bewerben.

Die mögliche Bandbreite sei laut DEEP erheblich: Sie reicht von Korallen-Restauration über Riff-Beobachtung, Klima-Studien, Studien zur menschlichen Leistungsfähigkeit in extremer Umgebung bis hin zu Trainingsprogrammen für Astronauten.

Vanguard hat damit einen Schritt gewagt, den die meisten Konzept-Visionen nie vollbringen: Es ist zu real betretbarer Infrastruktur geworden – das gilt für seinen ambitionierten Nachfolger längst noch nicht: Sentinel.

Das Innere von Vanguard kommt beengt daher und erfüllt doch notwendige Standards an Komfort. (Bildquelle: DEEP)

Vision für See-Städte von Morgen

Unter Sentinel versteht DEEP ein modulares System aus größeren Einzelmodulen:

  • Kapazität: von kleineren Crews bis hin zu Konfigurationen mit bis zu 50 Personen.
  • Tiefenbereich: bis etwa 225 Meter.
  • Längere Aufenthalte möglich (Wochen bis Monate in größeren Ausbaustufen).
  • Bedeutende Merkmale: komfortablere Wohnbereiche (u. a. Einzelkabinen), Labore, Moonpools, höhere Autonomie (weniger Abhängigkeit von teuren Support-Schiffen), erneuerbare Energiekonzepte und Abfallbehandlungssysteme.
  • Wiederverwendbar und umsetzbar: Module können an anderen Orten neu positioniert werden (Lebensdauer ca. 20 Jahre).

Alle mit Vanguard gesammelten Erfahrungen sollen ins schlussendliche Design von Sentinel eingehen. Mit einer ersten Platzierung auf dem Meeresboden rechnet DEEP weiterhin bis zum Ende des Jahres 2027.

So könnten mehrere Sentinel-Module mit Zwischenstücken zusammengesetzt aussehen. (Bildquelle: DEEP) So könnten mehrere Sentinel-Module mit Zwischenstücken zusammengesetzt aussehen. (Bildquelle: DEEP)

Eine Frage des Drucks und die Blindspot-Zone

DEEP visiert mit der Konzeption von Sentinel vor allem die sogenannte Blindspot-Zone an. Damit ist ein Tiefenbereich der Weltmeere gemeint, der nur schwer ökonomisch effizient erreichbar ist. Damit sind global alle Bereiche in einer Tiefe von 50 bis 200 Metern gemeint.

Auch flächenmäßig ein äußerst relevanter Bereich: Die vor allem in den Schelfbereichen vor den Kontinenten vorkommenden Zonen kommen zusammen auf eine Fläche, die größer ist als Kanada und Russland kombiniert.

Aber all unsere mobilen Methoden zur Erkundung der See erweisen sich hier als mangelhaft, zum Beispiel (mehr dazu findet ihr im Haupttext).

  • Tauchen mit technischer Gemischatmung von der Oberfläche aus: Theoretisch können geübte Taucher für kurze Zeit auf bis zu 150 Meter heruntergehen. Allerdings müssen sie alsbald den Rückweg antreten, um die Dekompression einzuleiten. Denn der Druck so weit unten ist um ein Vielfaches höher als an der Oberfläche. Steigt ein Taucher schließlich zu schnell auf, bilden sich im Blut aufgrund des raschen Druckabfalls lebensgefährliche Bläschen.
  • U-Boote: Unterseeische Erkundung durch bemannte oder unbemannte Boote ist nichts Neues und entwickelt sich rasant weiter, aber sie bleibt zweierlei: aufwendig und teuer. Für Tiefen bis 200 Meter ist sie ökonomisch und über Wochen oder gar Monate hinweg nicht tragbar.

Schlafzimmer Beim Blick auf die Unterwasserwelt einschlafen – so stellt sich DEEP einen Schlafbereich im Sentinel-Modul vor. (Bildquelle: DEEP)

Hauptraum Zur Verbindung aller Räumlichkeiten dienen solche Zentralbereiche. (Bildquelle: DEEP)

Labor Natürlich soll vor allem geforscht werden, dazu dienen solche Labore - natürlich auch mit Ausblick. (Bildquelle: DEEP)

Die Idee einer Besiedelung der Blindspot-Zone stützt derweil auch ihre durchschnittliche Tiefe: Denn jenseits der ersten paar Dutzend unter der Wasseroberfläche beruhigt sich selbst das aufgewühlteste Meer. Denn der Abstand zur windgepeitschten Oberfläche dämpft die Wellenbewegung drastisch ab. Sie verlieren relativ schnell, selbst bei stärksten Stürmen, unter Wasser an Wucht.

Kurzum: In 100 oder geschweige denn 200 Metern Tiefe ließe sich selbst während eines Hurrikans in der Karibik entspannt ein Kaffee beim Ausblick auf die Unterwasserwelt genießen.

Ein steinreiches Paradies unter Wasser

Kommerziell, wissenschaftlich und auch von der Verfügbarkeit her ist die Blindspot-Zone derweil ein Paradies. Denn die vor allem in den Schelfbereichen vor den Kontinenten vorkommenden Zonen machen eine Fläche aus, die größer ist als Kanada und Russland zusammen. Zudem finden sich dort gewaltige Ressourcenvorkommen aller Art, inklusive ausgedehnter Fischereigebiete.

Risiken und offene Fragen

Obwohl all das geradezu paradiesisch klingt, bleiben natürlich Fragen. Denn sowohl ökonomisch als auch ökologisch oder psychologisch wirft das Projekt auch heute noch etliche Fragen auf:

  • Wie teuer wäre selbst eine kleine Forschungsansiedlung auf dem Meeresgrund?
  • In welcher Abhängigkeit leben Menschen dort und wer wacht objektiv und ohne wirtschaftliche Interessen über ihr Wohl? Kurzum: Braucht es hier eine neuartige überstaatliche Aufsicht?
  • Sollten Stationen auf dem Meeresgrund der gleichen Beachtung und Überwachung unterliegen wie auch Raumstationen?
  • Welche ökologischen Folgen für die Um- und Tierwelt sind zu befürchten?
  • Würde dadurch vor allem weitere Ausbeutung der natürlichen Ressourcen provoziert?
  • Heizt solch ein Vorgehen, wenn es mehrere Akteure zeitgleich betreiben würden, nicht schlimmstenfalls sogar militärische Konflikte an?

Wir können keine der obigen Fragen abschließend beantworten. Aber wirklich neu ist im Prinzip keine der potenziell gefährlichen Facetten: Jeder Anlauf, um bestehende Grenzen unseres Lebens und Wirtschaftens auszuweiten, stellt ein Risiko dar und offenbart Schwächen im System – wie auch SpaceX eindrucksvoll demonstriert, inklusive verunglückter Arbeiter.

Gerald Weßel
Gerald Weßel

Einschätzung des Autors (Gerald Weßel): Für mich wäre das nichts. Ich mag zwar die Ozeane und auch Gewässer allgemein als solche und fahre auch gerne Schiff – doch Tauchen ist nichts für mich. Dennoch dürfte es an begeisterten Bewerbern für Tage, Wochen oder sogar Monate an Bord von Vanguard kaum mangeln.

Solch eine erste Chance seit vier Jahrzehnten wird sich kaum ein Meeresforscher, egal welcher Spezialisierung, entgehen lassen. Ich gönne es jedem, der dort seinen Lebenstraum als Bewohner des Meeresbodens erfüllen darf.

Ob aber wirklich dann schon kommendes Jahr Sentinels Abtauchen in die Tiefe folgt, muss mit Skepsis abgewartet werden. Da sehe ich abseits der obigen Risiken unzählige Herausforderungen, für deren Überwinden ich bisher keinen Beweis gesehen habe.

Eine Tiefe von 17 oder mehr als 100 Metern trennt nicht nur räumlich buchstäbliche Welten. Sentinel bleibt deshalb für mich (noch) ein Traum. Auch kein Projekt, geschweige denn ein Vorhaben, das kurz vor dem tatsächlichen Sprung vom Reißbrett ins Nass steht.

Die Inbetriebnahme von Vanguard bleibt davon unbenommen ein vielleicht sogar revolutionärer Erfolg. Eines Tages könnte er rückblickend als Aufbruch in ein neues Zeitalter der Meeresforschung gelten: Eine Vision wandelte sich zu einem Projekt der Ingenieurswissenschaft und öffnet jetzt tatsächlich als bewohnbarer Ort im Ozean seine Tore – Chapeau!


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