Etliche Tech-Konzerne streben ins All, getrieben vom Willen der vermögendsten Menschen der Gegenwart. Doch eine kleine Gruppe von Ingenieuren will der Menschheit zu einer dauerhaften Heimat im Ozean verhelfen
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Vor rund einem Jahr stellten wir euch die Vision von DEEP bereits in den Grundzügen vor, nun blicken wir auf die seitdem erreichten Erfolge. Und die belegen trefflich, wohin die Reise geht: Erforschung und Bewirtschaftung der vielleicht in Zukunft wertvollsten Wirtschaftsräume des Globus, der Blindspot-Zone.
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Taucher nehmen uns mit zur größten Korallenkolonie der Erde
Der erste Schritt in die Tiefe
2021 gegründet, verfolgt das britische Unternehmen DEEP die Mission, Menschen und produktiv unter Wasser leben und arbeiten zu lassen – grob vergleichbar mit dem, wofür die Internationale Raumstation (ISS) im Weltraum steht, aber mit bereits in naher Zukunft erheblichem Potenzial für größere Bevölkerungen.
Ende Juni setzte das Unternehmen erstmals ein Vanguard-Modul als erste nutzbare Unterwasserstation ab, Standort: Tennessee Reef in 17 Meter Tiefe vor der Südküste Floridas. Die Gegend nennt sich Florida Keys National Marine Sanctuary.
Technische Eckdaten von Vanguard:
- Bewohnbarer Bereich ca. 10,7 Meter lang × 2,5 Meter breit (etwa so groß wie ein kleiner Schulbus)
- Kapazität: bis zu vier Personen, genannt Aquanauten
- Missionslänge: bis zu einer Woche ohne Auftauchen der Besatzung
- Tiefe am aktuellen Standort: etwa 17 Meter
- Ausstattung: Wohn- und Schlafbereich, Galley (Küche), Sanitäranlagen, Arbeitsbereich/Labor, Tauchcenter mit Moonpool. Letzterer erlaubt Tauchern den schleusenfreien (ohne Druckausgleich) Übergang von innen nach außen. Sie steigen einfach in das Becken und sind im offenen Ozean.
Derzeit laufen finale Tests und Freigaben durch die Behörden. Zuvor ging die Stromversorgung über eine Plattform an der Oberfläche in Betrieb: Zitat: »Die Lichter in Vanguard brennen«, meldet DEEP. Zudem liefert die fest mit dem Meeresuntergrund verankerte Boje Zugang zu Kommunikationskanälen sowie Atemgasen.
Sobald alle notwendigen Formalitäten und abschließenden Abnahmen gelaufen sind, bricht der neu ermöglichte Alltag für die Forschung unter Wasser an. Erste Demo-Missionen sollen im Laufe des Jahres stattfinden, woran sich dann Vanguards Einsatz für die Breite der Wissenschaft anschließt. Derzeit können sich nämlich Teams von Universitäten und Forschungseinrichtungen mit ihren Konzepten bewerben.
Die mögliche Bandbreite sei laut DEEP erheblich: Sie reicht von Korallen-Restauration über Riff-Beobachtung, Klima-Studien, Studien zur menschlichen Leistungsfähigkeit in extremer Umgebung bis hin zu Trainingsprogrammen für Astronauten.
Vanguard hat damit einen Schritt gewagt, den die meisten Konzept-Visionen nie vollbringen: Es ist zu real betretbarer Infrastruktur geworden – das gilt für seinen ambitionierten Nachfolger längst noch nicht: Sentinel.
Das Innere von Vanguard kommt beengt daher und erfüllt doch notwendige Standards an Komfort. (Bildquelle: DEEP)
Vision für See-Städte von Morgen
Unter Sentinel versteht DEEP ein modulares System aus größeren Einzelmodulen:
- Kapazität: von kleineren Crews bis hin zu Konfigurationen mit bis zu 50 Personen.
- Tiefenbereich: bis etwa 225 Meter.
- Längere Aufenthalte möglich (Wochen bis Monate in größeren Ausbaustufen).
- Bedeutende Merkmale: komfortablere Wohnbereiche (u. a. Einzelkabinen), Labore, Moonpools, höhere Autonomie (weniger Abhängigkeit von teuren Support-Schiffen), erneuerbare Energiekonzepte und Abfallbehandlungssysteme.
- Wiederverwendbar und umsetzbar: Module können an anderen Orten neu positioniert werden (Lebensdauer ca. 20 Jahre).
Alle mit Vanguard gesammelten Erfahrungen sollen ins schlussendliche Design von Sentinel eingehen. Mit einer ersten Platzierung auf dem Meeresboden rechnet DEEP weiterhin bis zum Ende des Jahres 2027.
Eine Frage des Drucks und die Blindspot-Zone
DEEP visiert mit der Konzeption von Sentinel vor allem die sogenannte Blindspot-Zone an. Damit ist ein Tiefenbereich der Weltmeere gemeint, der nur schwer ökonomisch effizient erreichbar ist. Damit sind global alle Bereiche in einer Tiefe von 50 bis 200 Metern gemeint.
Auch flächenmäßig ein äußerst relevanter Bereich: Die vor allem in den Schelfbereichen vor den Kontinenten vorkommenden Zonen kommen zusammen auf eine Fläche, die größer ist als Kanada und Russland kombiniert.
Aber all unsere mobilen Methoden zur Erkundung der See erweisen sich hier als mangelhaft, zum Beispiel (mehr dazu findet ihr im Haupttext).
- Tauchen mit technischer Gemischatmung von der Oberfläche aus: Theoretisch können geübte Taucher für kurze Zeit auf bis zu 150 Meter heruntergehen. Allerdings müssen sie alsbald den Rückweg antreten, um die Dekompression einzuleiten. Denn der Druck so weit unten ist um ein Vielfaches höher als an der Oberfläche. Steigt ein Taucher schließlich zu schnell auf, bilden sich im Blut aufgrund des raschen Druckabfalls lebensgefährliche Bläschen.
- U-Boote: Unterseeische Erkundung durch bemannte oder unbemannte Boote ist nichts Neues und entwickelt sich rasant weiter, aber sie bleibt zweierlei: aufwendig und teuer. Für Tiefen bis 200 Meter ist sie ökonomisch und über Wochen oder gar Monate hinweg nicht tragbar.
Die Idee einer Besiedelung der Blindspot-Zone stützt derweil auch ihre durchschnittliche Tiefe: Denn jenseits der ersten paar Dutzend unter der Wasseroberfläche beruhigt sich selbst das aufgewühlteste Meer. Denn der Abstand zur windgepeitschten Oberfläche dämpft die Wellenbewegung drastisch ab. Sie verlieren relativ schnell, selbst bei stärksten Stürmen, unter Wasser an Wucht.
Kurzum: In 100 oder geschweige denn 200 Metern Tiefe ließe sich selbst während eines Hurrikans in der Karibik entspannt ein Kaffee beim Ausblick auf die Unterwasserwelt genießen.
Ein steinreiches Paradies unter Wasser
Kommerziell, wissenschaftlich und auch von der Verfügbarkeit her ist die Blindspot-Zone derweil ein Paradies. Denn die vor allem in den Schelfbereichen vor den Kontinenten vorkommenden Zonen machen eine Fläche aus, die größer ist als Kanada und Russland zusammen. Zudem finden sich dort gewaltige Ressourcenvorkommen aller Art, inklusive ausgedehnter Fischereigebiete.
Risiken und offene Fragen
Obwohl all das geradezu paradiesisch klingt, bleiben natürlich Fragen. Denn sowohl ökonomisch als auch ökologisch oder psychologisch wirft das Projekt auch heute noch etliche Fragen auf:
- Wie teuer wäre selbst eine kleine Forschungsansiedlung auf dem Meeresgrund?
- In welcher Abhängigkeit leben Menschen dort und wer wacht objektiv und ohne wirtschaftliche Interessen über ihr Wohl? Kurzum: Braucht es hier eine neuartige überstaatliche Aufsicht?
- Sollten Stationen auf dem Meeresgrund der gleichen Beachtung und Überwachung unterliegen wie auch Raumstationen?
- Welche ökologischen Folgen für die Um- und Tierwelt sind zu befürchten?
- Würde dadurch vor allem weitere Ausbeutung der natürlichen Ressourcen provoziert?
- Heizt solch ein Vorgehen, wenn es mehrere Akteure zeitgleich betreiben würden, nicht schlimmstenfalls sogar militärische Konflikte an?
Wir können keine der obigen Fragen abschließend beantworten. Aber wirklich neu ist im Prinzip keine der potenziell gefährlichen Facetten: Jeder Anlauf, um bestehende Grenzen unseres Lebens und Wirtschaftens auszuweiten, stellt ein Risiko dar und offenbart Schwächen im System – wie auch SpaceX eindrucksvoll demonstriert, inklusive verunglückter Arbeiter.
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