SpaceX ist einzigartig, aber auch brandgefährlich – auf alle Fälle für seine Mitarbeiter. Während der 2002 von Elon Musk gegründete Konzern als das erfolgreichste private Raumfahrtunternehmen aller Zeiten gelten muss, versagt es bei einem: bei der Sicherheit der Mitarbeiter.
Eines Berichts zufolge geht bei SpaceX in Texas Beunruhigendes vor: Es werden weit mehr Angestellte auf der Raumschiffs-Werft für das Starship während der Arbeit verletzt als sonst in der Branche üblich – ein anderer Standort überbietet aber sogar Texas.
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Erfolg allen Zweiflern zum Trotz
Mit dem Starship versucht sich SpaceX an etwas, was vor wenigen Jahren noch als unmöglich galt: eine Schwerlastrakete wie einst die Saturn 5 – doch komplett wiederverwendbar und so im Vergleich geradezu spottbillig.
Was die kleinere Falcon 9 inzwischen wie Alltag aussehen lässt, soll auch das mehr als 15-mal so schwere Starship bald mehrfach im Monat schaffen.
Es ist die ambitionierteste Rakete der Menschheitsgeschichte – und trotz Rückschlägen in jüngster Zeit geht es sichtlich voran.
SpaceX wird seinen Ambitionen auf der Starbase in Texas weitestgehend gerecht. Die Testflüge laufen nicht immer wie angekündigt, insgesamt trotzt das Starship aber regelmäßig seinen Kritikern.
Nach dem erfolgreichen Testflug IFT 10 könnte SpaceX alsbald vollends zurück in die Erfolgsspur finden – nun auch wieder bei seinem prestigeträchtigsten Projekt. Mehr Informationen zum Starship findet ihr hier bei uns. Ferner halten wir zu den einzigartigen Raptor-Triebwerken von SpaceX auch eine grundlegende Erklärung parat.
Zahlen die Mitarbeiter den Preis?
Recherchen von TechCrunch werfen ein ganz anderes Licht auf das Vorhaben. Denn es kommen überdurchschnittlich viele Menschen zu Schaden, wie aus den verpflichtenden Meldungen zu Betriebsunfällen hervorgeht.
Die sogenannte Total Recordable Incident Rate (TRIR) – zu Deutsch: Rate aller insgesamt aufgezeichneten Vorkommnisse.
TechCrunch errechnete die Werte anhand eines Berichtes der Occupational Safety and Health Administration (OSHA) selbst. Die OSHA habe die Berechnungen bestätigt.
Allerdings geben die Daten keine Auskunft über die Schwere der Unfälle. Es können leichte Verletzungen, wie Schürfwunden, Prellungen oder ein verstauchter Knöchel sein, oben eben doch Amputationen ganzer Gliedmaßen.
Wir wissen nur: Es wurden Menschen verletzt und fielen teilweise lange aus.
Für 2019 bis 2024 liegen die Zahlen vor, die zum Beispiel für letzteres Jahr zeigen, dass die Fertigung des Starships in Texas einen erheblichen Zoll fordert: Die TRIR-Werte sind 6-fach höher als der Durchschnitt in der Luft- und Raumfahrtbranche sowie rund 3-fach so hoch wie bei der engsten Konkurrenz aus der Raketenfertigung im weitesten Sinne.
Diese Gruppe wird zum Beispiel gebildet durch den New-Space-Anwärter Blue Origin (Jeff Bezos' Unternehmen, New Glenn) sowie den langjährigen Platzhirsch United Launch Alliance (ULA, ein Joint Venture aus Boeing und Lockheed Martin, Delta IV und Atlas V).
Bezos Firma zeigt, dass es auch keine Frage von agil-leichtsinnigen Jünglingen versus behäbig vorsichtigen Raumfahrtdinos ist: ULAs Fabrik in Decatur, Alabama, kommt auf einen TRIR von 1,12 und Blue Origin meldet 1,09 Verletzungen pro 100 Arbeiter in seiner Fertigung in Florida
Die Starbase kam 2024 hingegen auf 4,27. Dabei muss 2024 sogar noch als eher sicheres Jahr auf der Starbase gelten: 2023 lag der Wert bei 5,9 pro 100, 2022 bei 4,8.
Einige Anlagen von SpaceX schneiden besser ab (2024):
- Bastrop, Starlink-Entwicklung und Fertigung: 3.49
- Hawthorne, Standort der Falcon-Raketen: 1.43
- Redmond, eine weitere Anlage für Satelliten: 2.89
- McGregor, Triebwerksentwicklung und -Tests: 2.48
Aber es gibt auch noch einen Ausreißer: An der Westküste der USA kümmern sich Angestellte um die Bergung der Falcon-9-Booster. Sie landen auf ferngesteuerten Barken, müssen dann aber per Schlepper an die Küste geholt werden. Hierbei wurden 2024 7,6 Arbeiter pro 100 verletzt.
Der Schweregrad der Situation verdeutlicht sich aber erst im Vergleich beim Blick auf historische Daten der Arbeitsbehörde der USA: Die gesamte Raumfahrtbranche kennt seit Jahrzehnten nur eine Richtung: hin zu mehr Sicherheit. Von durchschnittlich 4,2 in 1992 hinab auf unter eine Verletzung pro 100 Angestellte im Jahr 2023.
Debbie Berkowitz, führende Mitarbeitern der OHSA unter US-Präsident Barack Obama, teilte TechChrunch via E-Mail mit, dass die TRIR-Werte von SpaceX als eine rote Flagge und Hinweis auf ernst zu nehmende Sicherheitsprobleme zu verstehen seien. Diese müssten unbedingt angegangen werden.
SpaceX verzichtete laut TechCrunch auf einen Kommentar. Ferner gingen bereits in der Vergangenheit Hinweise bei namhaften Nachrichtenagenturen ein, die auf zumindest damals ungemeldete Verletzungen hindeuten – darunter zerquetsche Beine und sogar ein Todesfall.
Inwiefern diese in den offiziellen Berichten inzwischen enthalten sind, bleibt unklar.
Folgen möglich, aber unwahrscheinlich
Theoretisch könnte die US-Regierung eingreifen. Denn SpaceX ist auf vielfache Weise vertraglich an den US-Staat gebunden, wodurch er dank Klauseln in Verträgen eingreifen und Besserung fordern dürfte. Nur eine kleine Auswahl der Verbindungen:
- SpaceXs Starship ist in einer Spezialvariante zentraler Baustein der geplanten Mondlandungen der USA, Kanada und Europa.
- SpaceX bringt Crew und Vorräte zur ISS – derzeit als einziges Unternehmen. Ein Grund dafür: Boeing patzte mehrfach mit dem eigenen Gegenentwurf zur SpaceX Crew Dragon und hinkt Jahre hinter dem Zeitplan mit seinem Starliner hinterher.
- SpaceX bringt an Bord seiner Falcon-9-Raketen monatlich teils geheime Satelliten des US-Militärs oder der Geheimdienste in den Orbit. Kürzlich erfolgte Vergaben deuten sogar noch auf eine Verstetigung und Verstärkung dieses Trends hin. Noch nie zuvor hat Musks Unternehmen derart viele Aufträge für Starts bekommen.
Es bleibt aber auch juristisch die Frage, ob die scheinbar mangelhafte Sicherheitslage ausreicht. Denn laut TechCrunch brauche es hierfür einen »groben Verstoß gegen Auflagen zur Arbeitssicherheit«. Die US-Raumfahrtbehörde habe sich ihnen gegenüber folgendermaßen geäußert:
Die NASA arbeitet eng mit ihren Partnern, darunter SpaceX, zusammen, um die Sicherheit im Rahmen der Missionssicherung zu gewährleisten. Auch während der normalen Vertragsabwicklung steht sie in regelmäßigem Kontakt mit dem Unternehmen. Sicherheit ist für den Missionserfolg der NASA von größter Bedeutung. Die Agentur arbeitet weiterhin mit allen kommerziellen Partnern zusammen, um eine gesunde Sicherheitskultur aufzubauen und aufrechtzuerhalten.
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Kurzum: Obschon nach den vorliegenden Zahlen bei SpaceX zumindest ein mangelhaftes Sicherheitsbewusstsein vorzuherrschen scheint, werden die NASA oder eine direkt zuständige Behörde wie die OHSA nicht reagieren.
Das Wettrennen um Mond, Mars und Orbit läuft also in gewohnter Weise weiter. Die SpaceX-Mitarbeiter stehen an vorderster Front und setzten augenscheinlich weit mehr ein als nur Intellekt, Arbeitskraft und Lebenszeit.