1986 wollten zwei Brüder ihre Software schützen – und erschufen versehentlich den ersten PC-Virus

Die beiden Brüder schrieben den ersten PC-Virus in Pakistan – mit Namen und Adresse im Code. So begann die Geschichte der IT-Sicherheit.

Eine 5,25-Zoll-Diskette – Symbol der frühen PC-Ära. Auf solchen Datenträgern verbreitete sich 1986 der erste weltweite Computervirus »Brain«. (Bildquelle: Adobe Firefly, KI-generiert; Prompt: Alexander Köpf) Eine 5,25-Zoll-Diskette – Symbol der frühen PC-Ära. Auf solchen Datenträgern verbreitete sich 1986 der erste weltweite Computervirus »Brain«. (Bildquelle: Adobe Firefly, KI-generiert; Prompt: Alexander Köpf)

Die Geschichte der Computerviren ist fast so alt wie die des Computers selbst – oder genauer gesagt: die der Heim- und Personal Computer.

Schon Anfang der 1980er-Jahre, als die Maschinen noch als Spielwiese für Bastler und Tüftler galten, tauchten erste Programme auf, die sich selbstständig von einem System zum nächsten verbreiteten: Computerviren.

Trotzdem waren diese frühen digitalen Infektionen weit weniger bedrohlich, als der Begriff Virus vermuten lässt.

Meist steckten Neugier, Experimentierfreude oder sogar eine gute Absicht dahinter – wie beim ersten bekannten, weltweit verbreiteten Computervirus überhaupt, der nicht nur Disketten befiel, sondern auch Namen und Adresse seiner Entwickler preisgab.


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Vorläufer: Die ersten selbstreplizierenden Programme

Bevor 1986 der Brain-Virus auftauchte, experimentierten Programmierer bereits mit selbstreplizierender Software.

Der bekannteste Vorläufer war der Creeper-Wurm aus dem Jahr 1971. Er wanderte im ARPANET, dem Wegbereiter des heutigen Internets, von Großrechner zu Großrechner und zeigte lediglich den harmlosen Satz:

I’m the creeper – catch me if you can!

Ein weiteres frühes Beispiel ist Elk Cloner aus dem Jahr 1982. Ein Bootsektorvirus für den Apple II. Auch dieser richtete keinen absichtlichen Schaden an, verbreitete sich aber über Disketten und zeigte erstmals, dass Schadcode auch auf Heimcomputern unterwegs sein konnte.

Für Brain ist aber der Unterschied zu Creeper entscheidend: Denn dabei handelte es sich um einen Wurm, also ein Programm, das sich eigenständig über Netzwerke verbreitet.

Brain dagegen war ein echter Virus, der einen Wirt brauchte, etwa eine Datei oder eben den Bootsektor, und sich meist erst durch die Aktion eines Nutzers weiterverbreitete.

Damit war er der erste Virus, der den IBM-PC-Standard betraf. Gleichzeitig begleitete er den Beginn des modernen Personal-Computing-Zeitalters.

Ein Virus aus Lahore

Brain wurde 1986 in Lahore, Pakistan, von den Brüdern Basit und Amjad Farooq Alvi entwickelt, die dort ein kleines Softwareunternehmen namens Brain Computer Services betrieben.

Ihre Motivation war gar nicht bösartig: Sie hatten bemerkt, dass ihre medizinische Software immer häufiger illegal kopiert wurde. Aus Frust und wohl auch aus technischer Neugier schrieben sie ein Programm, das solche Raubkopien erkennen und kennzeichnen sollte.

Der Virus war also als Schutz gedacht, nicht als Waffe. Doch die Brüder ahnten nicht, dass sich ihr Code verselbstständigen würde. Innerhalb weniger Monate verbreitete sich Brain über Disketten weit über Lahore hinaus – ein unbeabsichtigtes Experiment mit versehentlich globaler Wirkung.


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Der PC wird zum Massenprodukt

Dass sich Brain so schnell verbreitete, lag auch an der Zeit, in der er entstand. Nur wenige Jahre zuvor, im August 1981, hatte IBM den 5150, seinen ersten Personal Computer, vorgestellt.

Dieser Rechner setzte den technischen Standard, dem bald viele Hersteller folgten. Mit MS-DOS und erschwinglichen Heimcomputern begann der PC seinen Siegeszug in private Haushalte.

Als Brain 1986 in Umlauf kam, gab es plötzlich Millionen ungeschützter Systeme – ein ideales Biotop für einen Computervirus, um sich weltweit zu verbreiten.

Ein technisches Kunststück

Brain infizierte die Bootsektoren der damals gängigen 5,25-Zoll-Disketten. Zumindest, sofern sie mit dem DOS-Dateisystem FAT formatiert wurden.

  • Wenn ein PC mit einer bereits infizierten Diskette gestartet wurde, enthielt deren Bootsektor den Brain-Code. Beim Hochfahren wurde dieser in den Arbeitsspeicher geladen und blieb dort aktiv. Der Virus ersetzte den ursprünglichen Bootsektor durch seinen eigenen, verschob das Original an eine andere Stelle und markierte diesen Bereich als defekt.
  • Sobald nach dem Start eine weitere, noch saubere Diskette ins Laufwerk gelegt und der Versuch unternommen wurde, den originalen Datenträger mitsamt der medizinischen Software zu kopieren, erkannte Brain das und infizierte auch deren Bootsektor – so verbreitete sich der Virus unbemerkt weiter, von Diskette zu Diskette.
  • Mit seinen rund sieben Kilobyte war er klein, aber technisch beeindruckend. Denn er gilt auch als erster Stealth-Virus, also Tarnvirus: Brain fing Zugriffe ab und zeigte dem Nutzer bei Überprüfungen den unveränderten Originalsektor an. Dadurch blieb er für einfache Prüfprogramme oder Editoren unsichtbar. Ein Trick, der später zum Standard wurde.

Trotz all seiner Raffinesse war Brain harmlos. Er zerstörte keine Dateien, infizierte keine Festplatten und verursachte höchstens eine minimale Verlangsamung beim Diskettenzugriff.

Welcome to the Dungeon

Berühmt wurde Brain auch wegen seiner eingebauten Signatur. Im Bootsektor erschien folgende Nachricht:

Welcome to the Dungeon (c) 1986 Basit & Amjad (pvt) Ltd.
BRAIN COMPUTER SERVICES
730 Nizam Block, Allama Iqbal Town, Lahore, Pakistan.
Contact us for vaccination.

Damit waren die Alvi-Brüder nicht nur die Ersten, die einen PC-Virus schrieben, sondern wohl auch die Ersten, die sich offen dazu bekannten – mit Namen, Adresse und Telefonnummer.

Ihre Offenheit sprach sich schnell herum: Schon bald erhielten sie Anrufe aus aller Welt. Von verärgerten, irritierten oder einfach neugierigen Nutzern, die die Botschaft entdeckt hatten. Die Brüder beteuerten, sie hätten nie Schaden anrichten, sondern nur ihre Arbeit schützen wollen.

Die Geburt der IT-Sicherheitskultur

Brain verbreitete sich rasch von Pakistan über Europa bis in die USA. Obwohl der Virus keine Daten löschte, sorgte allein seine Existenz für Aufsehen und Sorgen.

Erstmals begannen Fachleute, über Antivirensoftware und vorbeugende Schutzmaßnahmen nachzudenken. Damit legte Brain den Grundstein für eine ganze Branche, die spätere IT-Sicherheitsindustrie.

Brain markierte einen Wendepunkt: Er zeigte, dass auch Personal Computer – damals ein Symbol technischer Moderne – verwundbar waren.

Die Idee, dass ein unsichtbares Programm sich selbst verbreiten konnte, war für viele Nutzer völlig neu und beunruhigend. Dabei war Brain weniger eine Bedrohung als ein Weckruf: ein Beweis dafür, dass schon der einfache Austausch von Disketten neue Risiken mit sich brachte.

Vom Virus zum Spiegel der Digitalisierung

Fast vierzig Jahre später ist Brain längst ein Stück Computergeschichte – und doch aktueller denn je.
Technisch brillant, moralisch naiv, zeigt er, wie schmal der Grat zwischen Erfindung und Verantwortung sein kann.

Die Alvi-Brüder wollten ihre Software schützen, doch ihr Code entwickelte ein Eigenleben. Brain war kein Angriff auf Daten, sondern auf das Vertrauen in Kontrolle.

Darin liegt auch die eigentliche Lehre: Dass Innovation und Irrtum, Fortschritt und Risiko, oft aus derselben Quelle stammen.

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