Insbesondere Swen Vincke, der Chef des Baldur's-Gate-3-Studios Larian, hält sich selten mit seiner Meinung zu von großen Publishern angetriebenen Spieleprojekten zurück und schoss bereits mehrmals auf öffentlicher Bühne gegen die üblichen Entwicklungspraktiken bei großen Unternehmen. Zu wenig Leidenschaft, zu wenig Respekt, zu viel Blick auf die Wünsche der Investoren.
Doch auch andere Mitarbeiter aus demselben Haus teilen offenkundig diesen Eindruck. Auf X sorgt derzeit das Posting des Directors of Publishing von Larian für viel Aufmerksamkeit. Dort beschreibt Michael »Cromwelp« Douse in einem langen Beitrag, wieso viele große Publisher in seinen Augen nicht mehr selbst kreativ sind, sondern in erster Linie hoffen, dass ihnen Indie-Studios diese Aufgaben abnehmen.
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Eine verlorene Kunst
Das Posting ist eine Reaktion auf die Antwort eines anderen Users, der sich darüber wundert, dass so wenige Spiele heutzutage noch eine spezifische Sache hernehmen und sie richtig gut umsetzen. Daraufhin umschreibt Douse seine Sicht der Dinge und beschreibt, wieso die Kunst in der Triple-A-Branche niemand mehr so richtig beherrsche:
Ein Großteil der Branche ist schon so lange aggressiv datengetrieben, dass über Generationen von Talenten hinweg die Fähigkeit (institutionell und/oder intellektuell), aus dem Bauch heraus zu entscheiden, zu einer verlorenen Kunst geworden ist. Aus diesem Grund ist die AAA-Branche auf perverse Weise von Indies fasziniert. Indies haben nicht die Daten; sie müssen sich auf ihr Bauchgefühl verlassen.
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AAA-pokalypse: Die Industrie fährt gegen die Wand
Letztlich führt das, laut Douse dazu, dass die Großen ins Straucheln geraten. Sie würden sich an ihre scheinbar erfolgversprechenden Daten klammern, aber in vielen Fällen gehe die Rechnung nicht auf. Die Daten könnten nämlich nicht die Zukunft vorhersagen und zeigten nur, was jetzt gerade funktioniert. Um immer wieder den Geschmack der Spielerschaft zu treffen, braucht es laut ihm eben Bauchgefühl.
Die Datensätze werden zunehmend unbrauchbar, weil sie weder Überraschungserfolge noch Misserfolge vorhersagen können. Und wenn man sich also nicht auf Daten verlassen kann und den institutionellen »Bauchinstinkt« verloren hat [...] steckt man fest. Ist man börsennotiert, bricht Panik aus. Man geht auf Nummer sicher (was gefährlich ist). Die Folge: Genres verschwinden, bis Indies mit Überraschungserfolgen neue Daten liefern: eine perverse Anhänglichkeit, und so weiter und so fort.
Die Worte auf dem Prüfstand
Douse ist ein Branchenexperte und gerade Larian hat zuletzt sehr nachweisbar gezeigt, was ohne dieses ängstliche Schielen auf Daten möglich sein kann. Seine Einschätzung hat also durchaus Gewicht. Allerdings sollte man hier immer auch aufpassen, nicht zu generalisieren.
Es gibt Bereiche, in denen die AAA-Branche durchaus strauchelt, etwa bei modernen Ablegern bekannter Spielereihen oder bei dem Versuch, zwanghaft ein derzeit populäres Genre zu kopieren. Das sieht man etwa an der uninspirierten Flut an Extraction-Shootern oder Battle Royals, die allesamt untergehen.
Es gibt aber auch große Publisher, die gerade mit dieser Formelhaftigkeit Rekordgewinne erzielen. Spiele wie EA FC (früher FIFA) oder Call of Duty sind wohl doch zu groß zum Scheitern.
Ebenfalls interessant, dass der Stein des Anstoßes für das Posting von Douse Mafia: The Old Country war, das er in einem anderen Beitrag als äußerst gelungen bezeichnet hat. Ein zwar vom Budget her eher begrenztes Projekt, aber trotzdem mit einem riesigen Publisher im Rücken: 2K.
Auch in Sachen Innovation ist The Old Country jetzt nicht unbedingt ein positives Beispiel, es macht aber das, was es machen will, durchaus gut.

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