Kosmisches Schweigen: Vielleicht finden wir keine Außerirdischen, weil die Milchstraße in einer Leere des Universums liegt

Stellt euch vor, ihr steht in einer Oase und brüllt nach Leibeskräften. Euer Ruf verhallt ungehört über der weiten Wüste um euch herum. Ungefähr so könnte sich die Erde fühlen. Wieso, erklärt eine Lösung für das Fermi-Paradox.

Eine künstlerische, KI-Kreation eines galaktischen Voids mit der Erde in der Mitte. Deutlich extremer als die Realität, aber die Grundidee passt. Was ist, wenn um uns und die Nachbargalaxien fast nichts existiert?
(Bildquelle: Adobe Firefly, generative KI) Eine künstlerische, KI-Kreation eines galaktischen Voids mit der Erde in der Mitte. Deutlich extremer als die Realität, aber die Grundidee passt. Was ist, wenn um uns und die Nachbargalaxien fast nichts existiert? (Bildquelle: Adobe Firefly, generative KI)

Wer nachts gen Himmel blickt, sieht tausende Sterne glimmen – je düsterer um euch herum, desto mehr erblickt ihr: allesamt ferne Punkte uralten Lichts.

Der Eindruck, wir lebten geradezu umzingelt unter einem dicht gepackten Gewölbe aus Galaxien, liegt nahe.

Doch warum scheinen wir dann allein zu sein? Keine Aliens, keine Signale, nur dröhnende Stille.


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Für dieses sogenannte Fermi-Paradoxon gibt es eine extreme Antwort, die uns weit über die Grenzen unserer Galaxie hinaus reisen lässt. Denn der Widerspruch, trotz eines angenommenen Überflusses an lebenswerten Orten im All, keine Spuren von Aliens zu finden, ist vielleicht gar keiner.

Die Erde könnte in einem Niemandsland des Universums ihre Bahnen ziehen – und wir konnten es bisher nur nicht besser wissen.

Was ist das Fermi-Paradoxon?
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Unter dem nach dem italienischen Physiker Enrico Fermi bemannten Theorem verstehen wir ein Rätsel existenziellen Ausmaßes: Weshalb haben wir bisher keinerlei Hinweise auf außerirdische Lebewesen gesehen, obwohl es allein in der Milchstraße etwa 100 Milliarden Sterne gibt, von denen viele auch potenziell bewohnbare Planeten als Begleiter haben sollten? Die hier vorgestellte Lesart der uns bekannten Daten stellt eine Antwort darauf dar.

Unser Zuhause in einer Einöde

Was hat die Erde mit einer Pflanze an einer Oase inmitten der Wüste Sahara zu tun? Es ist Bildnis für eine denkbare Analogie zu unserer Position im Universum.

Denn auch wenn es beim Blick nach oben so wirkt, als wären wir umzingelt von einem Meer an Sternen, täuscht dieser Anblick – wir kennen schlicht nichts Anderes.

Dabei könnten wir in einem galaktischen Void (Einöde/Ödnis) leben.

  • Daten legen entsprechend interpretiert nahe, dass wir inmitten einer bis zu 2 Milliarden Lichtjahren durchmessenden Unterdichte im Universum sitzen.
  • Unser Zuhause, die Milchstraße und all ihre Nachbargalaxien, wie zum Beispiel Andromeda, befinden sich im KBC-Void bzw. im kleineren lokalen Void (Teilstück vom KBC-Void).
  • Ein Void ist eine Region, in der die Dichte an Galaxien und allgemein Materie geringer ausfällt als in den Strängen an den Rändern, den Wänden/Filamenten. Sie bestehen aus Superhaufen von Galaxien.

Computersimulationen der Entstehung von Struktur im Universum führen stets zu solchen Anordnungen: dichtere Stränge mit weniger dichten Löchern (Voids). Beides zusammen bildet das kosmische Netz.
(Bildquelle: Project Virgo) Computersimulationen der Entstehung von Struktur im Universum führen stets zu solchen Anordnungen: dichtere Stränge mit weniger dichten Löchern (Voids). Beides zusammen bildet das kosmische Netz. (Bildquelle: Project Virgo)

Die Erde läge in einer solchen Abbildung nicht mitten in den Untiefen eines Loches, sondern in etwa auf halbem Weg zwischen hellem Rand und der dunklen Mitte.

Der Unterschied zwischen relativer Leere und größter Dichte beträgt im Extremfall 90 Prozent. Also die ausgeprägteste Einöde kommt nur auf etwa 10 Prozent der Materie pro Volumeneinheit.

Je nachdem, wo sich die Erde genau befindet, was noch Gegenstand von Untersuchungen ist, schwankt unser Wert: zwischen 50 Prozent und dem Minimum 10 Prozent (via The Astrophysical Journal).

Niemand will uns besuchen, denn wir leben im Nirgendwo

Zurück zum Fermi-Paradoxon: Wo würdet ihr als supermächtige Mega-Zivilisation nach anderem Leben suchen? In den dichten Strängen der Wände oder in den Löchern.

Rein statistisch ist die Chancenverteilung eindeutig: Wenn die Alien-Erkunder fürchten müssen, auf nur 1/10 der Menge an Materie zu treffen, müssen sie einen exzellenten Grund haben, dort hinzureisen.

Wer also nach Lebewesen sucht, der fliegt mit angenommenen überlichtschnellen Sci-Fi-Raumschiffen nicht in einen Void.

Achtung! Wir bewegen uns bei dieser Theorie an den Grenzen der Wissenschaft. Es gilt als eine spekulative Interpretation vorhandener kosmologischer Daten, insbesondere, wenn wir die potenziellen Folgen aus unserer Position im Kosmos herleiten. Aber die zugrundeliegenden Studien sind nach wissenschaftlichen Standards entstanden. Wissenschaft lebt von der Diskussion, dieser Artikel ist ein Beitrag in diesem Sinne.

Ferner wird in Studien wie der obigen auch diskutiert, inwiefern die Existenz in einem Void auch weitere Einflüsse haben könnte. Vielleicht entwickeln sich Galaxien und Sonnensysteme hier minimal anders als in den Superhaufen.

Wir wissen, dass selbst geringste Abweichungen zu radikal anderen Ergebnissen führen können – vor allem über Milliarden von Jahren. Auch der Astrophysiker Josef M. Gaßner geht hierauf bei seinem Blick per YouTube-Video in die Einöde um die Milchstraße ein.

Selbst der Hinterhof ist schon riesig

Wenn wir reinzoomen und uns nur die Milchstraße mit ihren rund 100.000 Lichtjahren Durchmesser anschauen, bekommen wir die landläufige Lösung für das Fermi-Paradoxon:

Selbst die Distanzen in unserer Galaxie sind Feind jedes gepflegten Kulturaustausches. Wir kennen noch keine Technologie, die selbst ein heute geborenes Menschenbaby in seiner angenommenen Lebenszeit von etwa 90 Jahren auch nur in die Nähe des nächsten Sternes bringen könnte.

Höchstens Sonden vermögen wir vielleicht unter Aufbietung gigantischer Berge an Ressourcen innerhalb von 20 Jahren ausreichend zu beschleunigen (via breakthroughinitiatives).

Derweil bringt lautes Rufen auch nichts: Nur eine Handvoll eventuell bewohnbarer Planeten liegt innerhalb der gedachten Radiokugel um die Erde. Vor rund 130 Jahren sandten wir die ersten künstlichen Radiowellen aus. Sie sind die entferntesten Botschaften der Menschheit.

Weiter entfernte Lebensformen müssten über extrem leistungsstarke Teleskope verfügen, um andere Spuren von uns auf der Erde bzw. in unserer Atmosphäre aufzuspüren.

Nichtmal ein halbes Dutzend Raumschiffe haben unterdessen das Sonnensystem verlassen, doch an Bord von einem von ihnen sind Teile eines Menschen.

Video starten 2:17 Das sind unsere Botschafter für die Ewigkeit jenseits des Sonnensystems – mit an Bord Clyde Tombaugh

Ein sich bewegendes Netz

Obendrein dürfen wir uns das Universum nicht als statisch vorstellen, denn es ist das genaue Gegenteil. Auch wenn die Distanzen buchstäblich astronomisch erscheinen, bewegt sich alles in irgendeine Richtung.

Verantwortlich dafür ist die Verteilung von Masse in eben jener kosmischen Struktur, in der die Voids wie Löcher prangen.

Auch die Milchstraße rast gemeinsam mit ihren Nachbarn gen Großen Attraktor – einer extremen Verdichtung von Masse in 150 Millionen Lichtjahren Entfernung.

Er gehört ebenfalls noch zum Laniakea-Superhaufen der lokalen Struktur. Es wird aber noch lange dauern, bis wir dort als Galaxien-Konvoi ankommen, mindestens 71 Milliarden Jahre.

Das ist rund 5-mal so lang, wie das Universum bisher überhaupt existiert. Unsere Reisegeschwindigkeit beträgt 630 Kilometer in der Sekunde (für Pros: in Relation zur kosmischen Hintergrundstrahlung, via Welt der Physik).


Wer einen einzigartigen Blick auf die Andromeda-Galaxie werfen möchte, der sollte sich eines der spektakulärsten Fotos der vergangenen Jahre nicht entgehen lassen: NASA und ESA enthüllen Rekord-Aufnahme von Hubble: 200 Millionen Sterne, 2,5 Milliarden Pixel, 600 Einzelfotos und 10 Jahre Arbeit.

Und wer wissen möchte, ob unser Nachbar sich auf einem Kollisionskurs mit uns befindet, wie seit Langem angenommen – oder vielleicht doch nicht, findet eine Abhandlung dazu hier bei uns.

Fragen wie die hier diskutierten gehören zum Äußersten, worüber wir nachdenken können. Denn machen wir uns klar:

Wirklich sehen wird niemals jemand von uns diese Skalen des Universums.

Aber vielleicht beeinflusst die Struktur des Kosmos unser aller (Über)Leben. Eventuell schlug unsere relativ leere Nachbarschaft ja vor langer Zeit selbst den Funken los, der das Lebensfeuer auf Erden bis heute durch Raum und Zeit reisen lässt.

Mitunter hätte eine dichter gepackte Region des Alls uns schon längst ausgelöscht, wer weiß?

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