Gen Z wünscht sich eine Zeit ohne Internet zurück – und macht daraus einen Online-Trend, der uns allen verdammt gut tun würde

Meinung: Junge Menschen betreiben seit Neuestem Brain Stacking – und ich hoffe, der Trend wird noch größer.

Lesen ist wieder in! Genau wie Sudoku, Kreuzworträtsel und alles, was das Hirn auf Touren bringt. (Bildquelle: Carla Tracy - adobe.stock.com) Lesen ist wieder in! Genau wie Sudoku, Kreuzworträtsel und alles, was das Hirn auf Touren bringt. (Bildquelle: Carla Tracy - adobe.stock.com)

Erst letztes Jahr schrieb ich einen Artikel darüber, dass sich laut einer Studie die Gen Z eine Welt ohne Internet wünscht. Wenig verwunderlich, denn wir Millennials sind die letzten, die eine Kindheit noch ohne Zugang zum Netz erlebt hat.

Man kann – und wird – sich darüber streiten, wer es denn nun besser hatte. Fakt ist aber: Das chronische Onlinesein schlägt auf’s Gemüt. »Doomscrolling« nennt man, wenn man endlos durch die sozialen Medien scrollt, auf der Suche nach einem Dopaminkick.

Die Gen Z hat jetzt einen Trend aus der Taufe gehoben, um dem Doomscrolling den Kampf anzusagen: Brain Stacking – und ich kann nicht anders, als das zu feiern.

Maxe Schwind
Maxe Schwind

Maxe ist als Millennial mit dem Internet aufgewachsen – und zwar, als man Webseiten noch angesehen hat, dass sie jemand mit Schweiß und Blut zusammengeschustert hat. Seinen Eltern hat er vor den Aboverträgen die eine oder andere teure Internetrechnung eingeheimst (sorry, Muttsch!), aber eines hatte er dabei immer: Spaß.

Brain Stacking: Was ist das?

Im Grunde könnte man sagen, dass Brain Stacking das Gegenteil von Brain Rot ist. Anstatt also sich mit sinnentleertem Content das Hirn zu frittieren und dabei seine Zeit zu verplempern, soll man beim Brain Stacking sie bewusst mit Aktivitäten füttern, die gut fürs Gehirn sind.

  • Bücher lesen
  • Journal führen
  • Schreiben
  • Sudokus
  • Kreuzworträtsel
  • …

Erlaubt ist, was das Hirn stimuliert. Was das genau am Ende ist, muss jede oder jeder für sich selbst wissen. Ihr könntet eine neue Sprache lernen. Oder Zeichnen üben. Kochen. Häkeln. Whatever. Ach ja, und sich dabei gut und wohl fühlen, das ist wichtig.

Wichtig ist auch, sich dafür Zeit zu nehmen. Eine Stunde oder zwei, völlig egal. 15 Minuten Sudokus lösen, eine halbe Stunde lesen und dann noch 15 Minuten Tagebuch führen. Wie man eben mag, aber Hauptsache weg vom Bildschirm.

Und so sieht das dann beispielhaft aus:

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle findest du einen externen Inhalt von TikTok, der den Artikel ergänzt.
Du kannst ihn dir mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.

Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von TikTok angezeigt werden.

Personenbezogene Daten können an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Link zum TikTok-Inhalt

Ich sehe euch schon das Gesicht verziehen: Wieso nimmt die junge Frau sich dabei auf? Und warum ist sowas Normales wie Lesen oder Tagebuchführen auf einmal ein Trend? Bevor ihr in die Kommentare stürmt, lest bitte erst einmal weiter.

Sich dabei zu filmen, ist wichtig

Klar, man ist geneigt, das als Selbstdarstellung zu verunglimpfen, aber überlegt mal.

Sich zu filmen und es online zu posten, hilft, am Ball zu bleiben. Ich kenne das selbst von mir: Dass sich auf meiner Apple Watch Ringe gefüllt haben, hat mir geholfen, aktiv zu bleiben – und ähnlich funktioniert das Aufnehmen und Posten.

Filmt man sich beim Brain Stacking und sammelt durchs Posten des Videos Likes, motiviert das. Man will es regelmäßig machen und sich so selbst belohnen. Das kommt schlussendlich dem Hirn zugute. Win-win. Natürlich muss ich dazu wieder online sein, aber das an und für sich ist ja auch nicht verboten. Es geht ja darum, nicht chronisch zu doomscrollen.

Stephen Hawking – Der große Entwurf
Stephen Hawking – Der große Entwurf
Das Buch erklärt auf Basis moderner Quantenphysik und M-Theorie die Entstehung sowie die grundlegenden Funktionsweisen unseres Universums. Stephen Hawking und Leonard Mlodinow argumentieren dabei, dass der Kosmos durch physikalische Gesetze spontan aus dem Nichts entstehen konnte und kein göttlicher Schöpfer nötig ist.
14,95 €

Tatsächlich steckt dahinter auch ein technischer Aspekt. Je mehr Brain Rot ich konsumiere, desto mehr Brain Rot zeigt mit der Algorithmus auf TikTok, Instagram und Co. an.

Daraus ergibt sich: Schaue ich anderen beim Brain Stacking zu und beteilige mich am Trend mit eigenen Videos, bekomme ich mehr Inhalte wie diese angezeigt. Auch das motiviert und bringt auf neue Ideen – und hält vor allem den Algo ab, mir Brain Rot an den Kopf zu schmeißen.

Was bringt Brain Stacking?

Tatsächliche Studien zum Trend gibt es nicht; dazu ist Brain Stacking zu neu. Allerdings wissen wir, dass es gesund ist, das Handy oder den PC links liegen zu lassen. 

Video starten 51:40 Wenn der Chatbot zur Gefahr wird: KI und unsere Psyche

Weg vom Doomscrolling: Zum einen wissen wir, dass Doomscrolling unseren Gehirnen schadet. Eine Studie von 2025 hat anhand von 98.299 Teilnehmenden festgestellt, dass eine intensive Nutzung von Shortform-Content in Zusammenhang mit einer schlechteren kognitiven Leistungsfähigkeit steht. Das gesamte Papier könnt ihr bei der National Library of Medicine nachlesen.

Hin zum Brain Stacking: Unser Gehirn funktioniert wie ein Muskel. Man kann es also trainieren. Indem man liest, Sudokus löst oder Tagebuch führt macht man mit dem Gehirn etwas völlig Simples, das durch den passiven Konsum von Content verloren gegangen ist.

  • Man stärkt die Fähigkeit, nachzudenken und Gefühle zu verarbeiten.
  • Man nimmt Informationen auf und behält sie im Kopf.
  • Man arbeitet daran, ein Problem selbsttätig zu lösen.

Ja, so einfach ist das. Mir kommen die besten Überschriften für meine Artikel unter der Dusche, wenn mein Kopf gar nicht stimuliert wird. Oder Ideen für meine Bücher habe ich nicht selten beim Spazierengehen. Nachdenken, das Hirn mal laufen lassen und verarbeiten, was man heute erlebt hat, das vielen von uns verloren gegangen. Mir zum Teil auch.

Warum ich die Gen Z dafür so feiere

Ich bin vom Generationenkonflikt, der immer und immer und immer wieder heraufbeschworen wird, wahnsinnig müde. Boomer vs. Gen X vs. Millennial vs. Gen Z vs. Gen Alpha spaltet uns bloß und hilft niemandem.

Was dabei nämlich völlig verloren geht, ist Empathie und die Fähigkeit, sich in jemand jüngeren (oder älteren) hineinzuversetzen. Übrigens, so als Realitätscheck: Die Älteren der Gen Z werden nächstes Jahr dreißig. Die sind schon lange keine Kids mehr.

Mir ist absolut klar, dass viele, die den Artikel angefangen haben zu lesen, sicherlich einen Gedanken hatten, so oder so ähnlich:

»Was? Bücher lesen ist jetzt ein Trend unter jungen Leuten? Pffff. Ich mache das seit Jahren jeden Abend im Bett!«

Und ja, das stimmt auch. Ich lese als Autor regelmäßig (beruflich wie privat) und ich schreibe fast täglich. Der Unterschied ist aber, dass ich anders aufgewachsen bin. Anders als Gen Z. Anders als Boomer. Und ganz sicher anders als du, der diese Zeilen liest. Haargenau das ist der springende Punkt.

Ich musste mir keine Alternativen zum Doomscrolling überlegen, weil es das in meiner Jugend nicht gab. Verdammich, da gab es noch nicht mal YouTube. Was habe ich also gemacht? Magic-Decks gebaut. Scrubs auf DVD in Englisch geschaut, weil ich es auf Deutsch in- und auswendig kannte. Mich mit anderen über Fire Emblem in Foren über die besten Teams ausgetauscht. Das ist auch Brain Stacking.

Ich hatte nur den immensen Vorteil, dass bei Weitem nicht so viele Content-Farmen an meiner Aufmerksamkeit gezerrt haben.

Passend zum Thema: »Menschen möchten Dinge besitzen« – Für Gen Z sind DVDs und Blu-rays das neue Vinyl

Ich finde es herausragend, wenn Menschen sich gegenseitig zum Brain Stacking animieren und alle davon profitieren, selbst wenn das heißt, »nur« ein Buch zu lesen. Im Kontext der vielen Bildschirmzeit und schwindenden Aufmerksamkeitsspanne heutzutage ist das ein Erfolg.

Das bedeutet nämlich, dass viele von den Leuten, die Brain Stacking betreiben, reflektiert haben und zum Ergebnis gekommen sind: Zu viel Zeit am Bildschirm tut mir nicht gut.

Und wenn wir heutzutage eines gebrauchen können, dann mehr Selbstreflexion – und zwar alle, aus jeder Generation. Wenn die Gen Z mit gutem Beispiel vorangeht, dann gehe ich als Millennial liebend gern mit.


Kommentare(0)
Kommentar-Regeln von GameStar
Bitte lies unsere Kommentar-Regeln, bevor Du einen Kommentar verfasst.

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.