Als Hobby-Fotograf stand ich vor einer Sinnkrise – die Lösung war ein neues Objektiv, das ich zu lange nicht auf dem Schirm hatte

Ich habe mich in die Welt der anamorphen Objektive gestürzt – und mich in ihren epischen Filmlook verschaut.

Eine ganz besondere Art von Objektiv hat mit ihren kinoreifen Bildern meine Leidenschaft beim Fotografieren neu entflammt. Eine ganz besondere Art von Objektiv hat mit ihren kinoreifen Bildern meine Leidenschaft beim Fotografieren neu entflammt.

Ich fotografiere schon lange. Sehr lange. Doch wie jeder (Möchtegern-)Fotograf stolperte auch ich vor einiger Zeit in eine kleine Sinnkrise. Denn eine der größten Herausforderungen für jeden Fotografiebegeisterten ist es, einen eigenen Stil zu finden. Dieses Zusammenspiel von Komposition, Farbe und Licht, das die eigenen Bilder persönlich und wiedererkennbar macht. Der Look von dem man sagen kann: Jap, das bin ich.

Vielleicht kennt ihr Richard Avedon, der für seine minimalistischen, aber sehr intimen und extrem kontrastreichen Personenportraits bekannt ist. Oder Annie Leibovitz für ihre orchestrierten, geradezu altmeisterlichen und von einem visuellen Pathos getragenen Gruppenfotos. Und Peter Lik, das sind diese Landschaftsbilder in den Zahnarztwartezimmern, wo die Sättigung auf Clown-Kotze-Level hochgedreht ist. Egal, was man von diesen Stilen hält: Sie sind wiedererkennbar.

Genau das fehlte mir. Aber dann schaute ich mal wieder Blade Runner und Ex Machina. Da kam es mir. Ich wollte, dass meine Fotos wie Standbilder aus einem Film erscheinen. Ich analysierte dafür meine Lieblingsfilme, vertiefte mich in Artikel und YouTube-Videos über Komposition, Color Grading und Bildaufbau bei Kinofilmen. Sogar mit Kameraleuten und Regisseuren sprach ich. 

Die Ergebnisse waren okay – siehe mein Flickr-Account. Aber es fehlte etwas. Dieses zu dieser Zeit nicht greif- und benennbare Detail, das den Bildern den letzten Touch in Richtung Kinooptik geben würde.

Die Entdeckung: anamorphe Objektive

Ich warf mich nochmal in die Recherche. Ich durchstöberte Equipmentverzeichnisse wie ShotOnWhat. Da traf es mich. Na klar, viele meiner Lieblingsstreifen waren mit anamorphen Objektiven gedreht. 

Was ist anamorph?

Ein normales – also sphärisches – Objektiv arbeitet mit runden und gewölbten Linsen und bildet das Motiv möglichst unverzerrt auf dem Sensor ab. Ein anamorphes Objektiv hingegen enthält zusätzlich ein oder mehrere zylindrische Linsen, die das Bild in der Horizontalen stauchen. Dadurch passt ein breiteres Bild auf denselben, eigentlich schmalen Sensor.

Erstmals breit eingesetzt wurde die Technik beim Militär: Panzerkommandanten sahen durch Periskope mit anamorphen Linsen mehr vom Schlachtfeld, Spionageflugzeuge konnten größere Landstriche abbilden.

Hollywood nutzte die Technik ab den 1950ern, um epische Breitbildformate wie 2,76:1 auf schmalen 35-mm-Film zu pressen. Bei der Projektion wurde das Bild wieder entzerrt. So entstanden Klassiker wie Lawrence von Arabien – und die Zuschauer blieben dem Kino treu, obwohl das Fernsehen lockte.

Ich kannte anamorphe Linsen bereits – vor allem aus alten Filmprojektoren –, aber hatte sie nie mit der klassischen Fotografie in Verbindung gebracht. Da hatten sie einfach lange nichts zu suchen – warum, das erkläre ich euch gleich. 

Erst sollten wir klären, was die Linsen besonders macht: Mit anamorphen Objektiven erhält man vor allem ein breiteres Seitenverhältnis. Je stärker die Linse staucht, desto breiter das Bild. Gängige sogenannte Squeeze-Faktoren sind 1,25x, 1,33x, 1,5x oder auch 2x. 

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Damit sind auch einige visuelle Eigenheiten verbunden, die lange als optische Makel verstanden wurden, aber heute als Charakter gelten:

  • Bokeh-Kreise werden zu Ovalen verzerrt
  • Die Schärfe fällt zu den Rändern ab
  • Unschärfebereiche im Hintergrund wirken unruhig oder bewegt
  • Verzerrungen in Tonnen- oder Kissenform treten zu den Seiten auf
  • Lichtquellen erzeugen breite, horizontale Lensflares

Je nach Linse sind diese Effekte subtil bis extrem – und genau diese Eigenheiten verbinden viele Menschen heute unbewusst mit einem filmischen Bild. Sie lassen alles irgendwie größer und epischer wirken, weil wir Filme über Jahrzehnte so in den Kinos erlebt haben.

Trotz ihres filmreifen Stils flogen anamorphe Linsen in der Fotografie viel zu lange unter dem Radar.

Von teuer zu erschwinglich

Dass anamorphe Objektive lange nicht in der klassischen Fotografie zu finden waren, hat einen einfachen Grund. Sie waren geradezu obszön teuer. Denn sie waren für Kinokameras gemacht. Oft in so kleiner Stückzahl, dass sie nur geliehen und nicht gekauft werden konnten. Und wenn doch, dann kosteten sie 20.000 Euro und aufwärts. Wer mit Anamorphoten, also anamorphen Objektiven, experimentieren wollte, musste auf Projektions-, Vorsatzlinsen oder alte Anamorphote aus Sowjetzeiten zurückgreifen.

Mittlerweile ist das anders. Denn mit billigeren Semi- und Profi-Kameras ist in den letzten zehn Jahren ein wachsender Markt mit Film- und Fotoenthusiasten entstanden, die mit solchen Objektiven arbeiten wollen. Daher finden sich seit etwa sechs Jahren zunehmend gute anamorphe Objektive bereits ab einigen Hundert und unter 2.000 Euro – etwa von Sirui, Blazar oder Laowa. 

So eines wollte ich!

Nach langer Recherche entschied ich mich für ein Sirui 40 mm T1.8 1,33x. Denn es hat einen recht dezenten Charakter. Keine übertriebenen Verzerrungen oder Flare-Orgien – dafür ein exzentrisches achteckiges Bokeh, das ich charmant finde. Einige nennen es clean

Das Modell, für das ich mich entschieden habe: Die Sirui 40 mm T1.8 1,33x. Das Modell, für das ich mich entschieden habe: Die Sirui 40 mm T1.8 1,33x.

Dennoch ist die anamorphe Natur bei diesem Objektiv spürbar. Vor allem ab Blende 4 erscheinen die Bilder größer, eindringlicher. Folgt man dem Kompositionsmantra Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund, setzt gezielt Unschärfe, Blocking und Rahmensetzung ein, können Bilder gelingen, die, okay, vielleicht nicht aus einem Hollywood-, aber durchaus einem Indie-Film stammen könnten

Entquetscht kommen die Bilder bei 4:3-Sensoraufnahmen auf 16:8. Bei 16:9-Aufnahmen ist es 2.35:1. Das ist schon einiges an Breitbild!

Quetschen und entquetschen

Ein Bild, das mit einem anamorphen Objektiv aufgenommen wurde, ist optisch gequetscht. Es muss also entquetscht werden. Das geht ganz einfach: In Lightroom, Photoshop und anderen Bildbearbeitungsprogramm kann über die Option Bildgröße einfach die Breite von 100 auf – je eben nach Faktor – 133, 150 oder 200 gesetzt werden. Ebenso finden sich im Netz aber auch dedizierte Programme wie Desqueeze-App, die das gleich für mehrere Aufnahmen machen kann, die aus einem Ordner gewählt werden.

Dazu erlaubt das Objektiv mit seiner sauberen Optik interessante Experimente. Für mehr Charakter habe ich verschiedenste Filter davor gepackt, mit Weitwinkelvorsatzlinsen oder auch dem einkleben von selbstgebauten Filtern gespielt, die Verzerrungen und Weichzeichnungen intensiveren.

Aber das Objektiv hat auch die typischen Problemchen anamorpher Objektive. Es ist durch die massiven Linsenelemente schwerer und größer als ein vergleichbares sphärisches Objektiv. Es ist notirisch lichtschwach. Die Naheinstellgrenze ist größer. Wer also nah an ein Objekt will, der muss sich mit Dioptern behelfen. Dazu ist es etwas unschärfer als ihre sphärischen Gegenstücke.

Anamorphe Linsen sind nicht frei von Problemen – aber wer kann ihnen das bei so viel Charakter übel nehmen.

Und jetzt?

Ich bin gepackt! Ich habe bereits den Blick auf exotischere Objektive geworfen. Welche mit stärkeren Squeeze-Faktoren, alte anamorphe Vorsatzlinsen, die sich mit etwas – okay, viel – Aufwand mit aktuellen Objektiven kombinieren lassen.

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Und auch einem Selbstbau mit einer Projektions- oder Vorsatzlinse wäre ich nicht abgeneigt. In den vergangen Wochen biete ich etwa bei eBay auf ein altes Bolex Anamorphot und eine Elmoscope-II-Projektorlinse geboten, bisher allerdings leider erfolglos.

Ach. Und was meine Stilkrise angeht, die hat sich vorerst erledigt.

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