»Kann so viel Ähnlichkeit Zufall sein?«. So lautet der Titel eines Beitrags im Spiegel, der gestern in der Buch-Bubble für viel Aufregung gesorgt hat. Darin geht es um den Plagiatsvorwurf an eine Spiegel-Bestseller-Autorin, die vor Jahren angeblich eine Idee einer anderen Autorin geklaut haben soll.
Der Spiegel selbst schreibt im Teaser-Text: »Ein kniffliger Vorwurf in einem Genre, in dem die Leserinnen immer mehr vom selben Stoff wollen« – und hier kommt auch generative KI ins Spiel.
Man darf sich eben auch die Frage stellen: Wenn KI-Bücher den Buchmarkt fluten, wie einzigartig sind die Werke bestimmter Genre dann?
GenKI und bestimmte Buchgenre
Diese Woche schrieb ich über das KI-Video, in dem sich Tom Cruise und Brad Pitt prügeln. Das zeigt: Vor generativer KI ist niemand sicher, selbst wenn man wie Keanu Reeves eine entsprechende Klausel in seinen Verträgen hat.
Bei Büchern und Geschichten ist das nicht anders. Mit ChatGPT, Gemini und Co. lassen sich prinzipiell mit wenig Aufwand Storys generieren. Hier gilt: Je simpler der Plot, desto punktgenauer kann die KI ihn nachbauen. Das betrifft manche Genres mehr als andere.
Vorweg: Mir geht es hier nicht darum, mit dem Finger auf bestimmte Genres zu zeigen, doch unterschiedliche Genres sind strukturell unterschiedlich komplex. Das liegt in der Natur des Sache und ist auch gut so.
- In einem Krimi wird der Mörder bestenfalls am Ende des Buches gefasst.
- Im Romance-Genre braucht es immer ein Happy End.
- In einem Young Adult- oder New Adult-Buch geht es um die typischen Hürden Heranwachsender auf dem Weg des Erwachsenwerdens.
Diese Strukturen entstanden nicht, weil Autorinnen und Autoren keine besseren oder komplexeren Storys schreiben können. Leserinnen und Leser erwarten bei einigen Genres mittlerweile bestimmte »Tropes«, also vorhersehbare Vorgehensweisen. Die haben sich im Laufe der Jahre und Jahrzehnte gebildet und sind heutzutage eine Grundvoraussetzung für gewisse Genres.
Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat Ende 2023 Lesemotive eingeführt. Unter diesen lassen sich Gruppen von Leserinnen und Lesern sortieren, die unterschiedliche Bedürfnisse und Ansprüche an ein Buch haben, zum Beispiel:
- Leichtlesen: Krimis, Liebesgeschichten und Erotik
- Entdecken: Fantasy und Sci-Fi
- Optimieren: Sachbücher und Ratgeber
- Lachen: Geschichten aus dem Leben und Komödien
Das macht es Autorinnen und Autoren leichter, Bücher für bestimmte Zielgruppen zu schreiben, die ein gewisses Lesemotiv besitzen – und im Falle von Leichtlesen sind das eben die vorhersehbaren Plots, Charaktere und Tropes.
Kunst und KI stehen sich da in der Funktion nicht diametral zueinander. Der Unterschied liegt aber vor allem in der Intention, egal welches Buch am Ende dabei herauskommt.
Funktionieren Gehirn und KI gleich?
Das ist einer der größten Diskussionspunkte zwischen der schreibenden Zunft und den Leuten, die Bücher durch KI erstellen lassen. Hier wird gern behauptet, dass Menschen und KI ja gleich funktionieren würden, weil beide nur Daten verarbeiten würden. Die einen mit dem Hirn, das andere mittels einer CPU.
Das ist falsch und lässt sich relativ leicht belegen. Eine Malerin, die sich sämtliche Werke von Leonardo da Vinci anschaut und verinnerlicht, wird nicht wie der legendäre Künstler malen können. Ein Autor, der sich sämtliche Werke von J.R.R. Tolkien durchliest, wird nicht wie der Herr-der-Ringer-Schöpfer schreiben können und plötzlich einen Epos aus der Taufe heben (schon gar nicht mit demselben Erfolg).
Maschinen können Kreativität simulieren, Daten miteinander vermischen und Strukturen erkennen, schreibt ein Blog über Webdesign und untermauert die Aussage mit einer Studie von 2023.
Menschen kreieren, weil sie wollen, nicht, weil sie müssen. Ich könnte beim besten Willen kein Buch nach Goethe, Stephen King oder H.P. Lovecraft schreiben, nur weil man es mir sagt. Genauso kann ein Musiker nicht die Gitarrenriffs von Eddie Van Halen nachspielen oder die Carmina Burana ausspucken, wenn man ihn darum bittet.
Eine Kolumne in The Walrus beschreibt die Vorgehensweise von KI ganz gut:
Generative KI hat jedoch keine charakterlichen Eigenheiten, da sie keinen Charakter hat, genauso wie sie keine Wünsche hat, da sie keine Triebe hat.
Der Hauptunterschied liegt im Prozess und der Intention, nicht im Ergebnis. Ja, natürlich fließen beim Schreiben eines Buches subversiv meine Inspirationen mit hinein, so wie ich ChatGPT sagen kann, es solle eine Geschichte nach Stephen King schreiber. Allerdings sind da noch deutlich mehr Faktoren, die KI nicht replizieren kann, weil sie kein selbstdenkender Mensch ist.
- Erfahrungen, die ich im Laufe meines Lebens gemacht habe.
- Spezialwissen, das ich mir als Mensch durch Arbeit und Interessen angeeignet habe.
- Emotionen, die ich während des Schreibens habe.
- Kultur, und zwar der, in der ich lebe und solche, die mich interessiert.
- Intuition, also die Vermischung von Kunsthandwerk und der Werke, die uns inspirieren.
- Interpretation all dieser Dinge, um daraus etwas Neues zu schaffen.
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Next Stop Paris: KI-generierter Film bekommt einen der schlechtesten Trailer aller Zeiten
Das Thema KI und Kunst sitzt noch einem weiteren Irrglaube auf: Kunst muss nicht perfekt sein. Menschen sind nicht ohne Fehler und so sind es auch die größten Kunstwerke nicht. Ein Buch wird nicht perfekt durch KI – genau wie jegliche andere Art von Kunst. Perfektion erwarte ich bei einer Kalkulation oder eines Excel-Tabelle zur Auswertung bestimmter Kriterien. Dafür ist KI wunderbar geeignet.
Wie wichtig die Intention des Urhebers oder der Urheberin ist, scheint dem Buchmarkt jedoch egal zu sein. Am Ende fällt das aber nicht auf die Verlage zurück.
Buchmarkt, pass auf!
Eingangs habe ich den Plagiatsvorwurf an eine Autorin erwähnt. Doch wenn ich ChatGPT sage, es soll mir ein Buch schreiben, das strukturell an einen klassischen Krimi erinnert, ist das bereits ein Plagiat?
Nein, denn eine Struktur allein macht noch keine Kopie. Die Kunst des Storytellings besteht quasi ausschließlich aus Strukturen. Die Heldenreise, Vorbereitung und Payoff oder der Cliffhanger an der passenden Stelle, um ein paar wenige zu nennen.
Für ein Plagiat braucht es Details, die sich sehr ähnlich oder identisch zu anderen Werken sind – und das ist die Krux.
Bestimmte Genre lassen sich durch KI recht einfach replizieren. Für profitgetriebene Verlage ist das kein Problem, solange solche Werke keine direkten Abkupferungen (und damit illegal) sind und sich verkaufen. Allerdings sollten sich zwei Personengruppen von KI maßgeblich bedroht fühlen.
- Autorinnen und Autoren bestimmter Genres, die 2026 mit einer KI konkurrieren müssen. Nicht nur ist die Maschine schneller, sondern auch zuverlässiger beim reinen Schreibprozess (und stellt obendrein keine Forderungen).
- Leserinnen und Leser bestimmter Genres, die zwar quantitativ mehr Geschichten bekommen, die am Ende aber nur eine Mischung der wichtigsten Klischees sind, um eine Quote zu erfüllen.
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Der KI-Hype frisst sich selbst – Tech-Jahresrückblick 2025
Also, sind Autoren und Bücher ersetzbar geworden? Auf diese Frage würde ich abschließend gerne mit zwei Sichtweisen antworten.
Objektiv betrachtet würde ich dem zustimmen. Buchmarkt.de schreibt in einem Eintrag vom November 2025, dass die KI-Bücherflut – maßgeblich auf Amazon – kein Betriebsunfall sei. Es handle sich dabei um den Auswuchs eines Systems, das auf Wachstum und Automatisierung setzt, aber nicht auf Qualität und Integrität.
Das hängt auch damit zusammen, dass KI-Bücher eine Grauzone sind, so der Deutschlandfunk Nova. KI ist nicht verboten, noch muss sie nicht gekennzeichnet werden und man kann ein Buch stets unter Pseudonym veröffentlichen, um als Erstellerin oder Ersteller anonym zu bleiben.
Ich persönlich stelle mir dann die moralische Frage: Wie könnte ich für etwas Geld verlangen, dass ich nicht erstellt habe, das auf Basis gestohlener Daten basiert und an dem ich nicht einmal das Urheberrecht besitze? Für manche ist das kein Problem.
Subjektiv betrachtet stimme ich nicht zu. Autorinnen und Autoren werden niemals ersetzbar sein, ganz gleich, ob sie explizit für den Buchmarkt schreiben oder eine Nische. Dasselbe gilt für alle Arten von Kunstschaffenden.
KIs basieren auf Sprachmodellen, die Wortvorhersagen machen. Wenn ich ChatGPT bitte, einen Krimi zu schreiben, dröselt das Modell die Anfrage auf und setzt dann die logischsten Wortaneinaderreihungen hintereinander. Das erzeugt eine am ehesten akzeptable Antwort. KI-Forscher Tim Elsner hat das in einem Tech Talk detaillierter erklärt.
Oder mit anderen Worten: höchstens Mittelmaß. Es kommt ein durchschnittliches Buch dabei heraus, das die wichtigsten Anforderungen eines Krimis abhakt. Ja, ich kann das anpassen, indem spezifische Details nenne. Den Handlungsort soll das Nürnberger Knoblauchsland sein oder die Geschichte soll einen Protagonisten mit Behinderung haben, doch auch hier kommt bei allem eine Pflichtumsetzung heraus, der die Intention fehlt.
Schlussendlich bin ich mir sicher, dass die menschliche Kreativität die KI-Grütze stets schlagen wird, ganz egal, wie beeindruckend sich Cruise und Pitt die Kühler verbeulen oder wie viel Geld Verlage mit KI-Büchern machen. Lieber schlage ich mich mit Plagiatsvorwürfen herum, als mit mittelmäßigen Büchern, denen eine KI nichts hinzuzufügen hat.
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