Egal in welcher Sprache: Synchronschauspieler und -schauspielerinnen rufen in Filmen, Serien, Spielen, Animes und in Hörspielen regelmäßig starke Gefühle bei den Leuten hervor.
Nach den Untertiteln wird jetzt genau diese Kunst durch KI torpediert.
Das ist passiert: Der beliebte Anime »Banana Fish« bekam nach Jahren endlich eine englische Synchronisation spendiert – und dafür sprach kein einziger Mensch ein. Amazon Prime Video hat stattdessen KI verwendet.
Wie emotionslos das klingt, könnt ihr in dem nachfolgendem Post hören.
Link zum Twitter-Inhalt
Hört man sich das obige Beispiel an, fallen vor allem drei Dinge auf:
- Die »Sprecher« klingen alle fast gleich, sodass man sie gar nicht auseinanderhalten kann, wenn man nicht sieht, wer gerade spricht.
- Die Betonung liegt oftmals daneben, sodass es komisch klingt.
- Emotionen klingen unecht, wie ein Roboter, der versucht, Gefühle zu imitieren
Viele Leute sind deswegen nun auf die Barrikaden gegangen.
Anime-Fans sind in Aufruhr
In erster Linie hat die KI-Synchronisation vor allem Anime-Fans auf den Plan gerufen. Neben etlichen Posts in Social Media zeigt ein Reddit-Thread in r/television, was Liebhaberinnen und Liebhaber von Amazons Praktik halten.
Wenn das die Zukunft von Anime ist, dann steige ich aus.
KI-Untertitel sind eine Sache, aber erfundene Stimmen zu verwenden ist verdammt dumm.
Sie verlangen immer mehr Geld dafür, dass die Leute Inhalte ansehen, für deren Produktion sie nicht bezahlen wollen.
Forbes schreibt, dass der Gedanke hinter der KI-Synchro gewesen sei, die 75 US-Dollar pro Stunde, die ein Synchronschauspieler oder -schauspielerin verdient, zu sparen.
Summasummarum, so das Magazin, wären das bei »Banana Fish« etwa 50.000 US-Dollar. Der Autor gibt zu verstehen, dass das für ein Milliardenunternehmen wie Amazon Peanuts wären.
An einer Lokalisierung sind jedoch noch mehr Menschen beteiligt, als nur die Sprecherinnen und Sprecher. Dialogbücher müssen übersetzt, Regie geführt und alles in der Postproduktion angepasst werden.
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Gerade Fans der japanischen Animationskunst müssen in den letzten Monaten leidensfähig sein.
- Crunchyroll greift vermehrt zu KI-generierten Untertiteln, die Fans schrecklich hölzern finden.
- Anime2You berichtet, dass ein Anime-Studio Rechte an »AI-Anime-Marken« gesichert hat.
- Screenrant berichtet darüber, dass Toei, das Studio hinter Titeln wie Dragon Ball oder One Piece, vermehrt auf KI setzen will – zum Missfallen der Fans.
Weitere Gruppen zeigen Bedenken
Amazon hat nicht nur Anime-Fans gegen sich aufgebracht. Der verlinkte Thread auf Reddit findet nicht in einer Anime-Community statt, sondern in einer Gemeinschaft um TV-Sendungen generell. Dort finden sich ebenfalls Leute, die nicht explizit Anime-Liebhaber und -Liebhaberinnen sind.
Auch Synchronschauspieler und -schauspielerinnen haben sich zu Wort gemeldet.
Der US-amerikanische Synchronschauspieler Daman Mills (Link zu seinem Profil) hat vielen Fans mit einem zwischenzeitlich gelöschten Tweet auf X aus der Seele gesprochen.
Schämt euch, @amazon @PrimeVideo. Nach Jahren, in denen Fans auf eine englische Synchronisation von Banana Fish gehofft haben, liefert ihr uns diesen KI-generierten Müll? Das ist verdammt respektlos. Wurde eine queere Trauma-Erzählung einer Maschine überlassen, weil es zu teuer ist, echte Schauspieler zu bezahlen? Behebt das, oder ich persönlich werde NIEMALS WIEDER als Schauspieler an einer eurer Synchronisationen mitarbeiten. Das ist nicht ›die Zukunft‹. Das ist Auslöschung selbiger.
Darüber hinaus hat sich Amazon mit »Banana Fish« einen denkbar schlechten Titel für einen KI-Synchron-Testballon ausgesucht.
- »Banana Fish« gehört zu den renommiertesten Manga der 1980er und 1990er. Er verkaufte sich bis heute über 12 Millionen Mal (Anime News Network).
- Der Anime erschien erst 2018 und wurde bis heute nicht ins Englische (oder Deutsche) lokalisiert.
- »Banana Fish« hat in der queeren Community außerdem einen wichtigen Stellenwert. Bereits 1985 hat der Titel eine ernsthafte, komplexe und nicht fetischisierte Beziehung zwischen zwei männlichen Figuren erzählt.
Das Unternehmen hat reagiert und die KI-Synchro mittlerweile offline genommen. So heftig war der Gegenwind.
In einer Zeit, in der sich generative KI in nahezu alle Lebensbereiche drängt, zeigt dieser Aufschrei, dass viele Menschen vor allem menschengemachte Kunst haben wollen. Menschliche Kreativität scheint nicht aus der Kunst entfernt werden zu können, ohne für heftigen Gegenwind zu sorgen.
Man kann diese KI-Synchronisation durchaus als Testballon verstehen. Ob ein Anbieter dasselbe mit einer Live-Action-Serie ausprobieren wird, bleibt momentan fraglich.
Bei unseren Kolleginnen und Kollegen von GamePro lest ihr übrigens diverse Interviews mit deutschen Synchronschauspielern und -schauspielerinnen, etwa mit Tobias Müller, der deutschen Stimme von Detektiv Conan, oder dem deutschen Son Goku Tommy Morgenstern.
Man stelle sich nur vor, David Nathan (Christian Bale, Johnny Depp) oder Gerrit Schmidt-Foß (Leonardo DiCaprio) würden durch KI ersetzt werden. Damit ginge nicht nur eine Kunst verloren, sondern ein ganzes Stück deutsches Kulturgut.
Wie findet ihr es, dass KI bei Synchron zum Einsatz kommt? Wer sind eure liebsten Sprecherinnen oder Sprecher? Schreibt es gerne in die Kommentare.
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