1993 hat Microsoft mit Encarta das Wissen digitalisiert – am Ende wurde die Software selbst von der Digitalisierung überholt

In den 1990ern brachte Encarta Wissen auf CD-ROMs in Millionen Haushalte – und bereitete ungewollt den Weg für eine noch radikalere Idee.

In den 1990ern ersetzen CD-ROMs schwere Bücher. Doch es dauert nicht lange, ehe sie selbst überholt waren. (Bildquelle: Adobe Firefly, KI-generiert; Prompt: Alexander Köpf) In den 1990ern ersetzen CD-ROMs schwere Bücher. Doch es dauert nicht lange, ehe sie selbst überholt waren. (Bildquelle: Adobe Firefly, KI-generiert; Prompt: Alexander Köpf)

Als Microsoft 1993 Encarta veröffentlichte, wirkte das wie ein Blick in die Zukunft. Eine Enzyklopädie kam nicht mehr nur als schwere Regalwand ins Haus, sondern auch auf wenigen CD-ROMs.

Wissen war plötzlich nicht mehr etwas, das man Band für Band durchblättern musste, sondern etwas, das man anklicken, gezielt durchsuchen, hören, ansehen und beinahe spielerisch erkunden konnte.

Encarta war daher nicht einfach nur eine digitalisierte Enzyklopädie. Es war der Versuch, das alte Ideal des geordneten, gesammelten Wissens in die Funktionsweise von Software zu übersetzen. Und für eine ganze Generation gelang das erstaunlich gut.

Gerade deshalb ist Encarta heute mehr als bloß ein nostalgisches Relikt.

Denn die eigentliche Pointe dieser Geschichte liegt tiefer. Encarta war selbst ein Produkt jenes Umbruchs, an dem es später zugrunde ging.

In den 1990er-Jahren verkörperte die Software den Triumph der Digitalisierung über das gedruckte Nachschlagewerk. In den 2000er-Jahren wurde sie dann von einer noch radikaleren Form der Digitalisierung verdrängt: dem offenen, kostenlosen und permanent aktualisierten Web.

Nicht ein einzelner Schlag traf Encarta. Nicht einmal Wikipedia allein. Es war ein Strukturwandel.

Die gelegentlich bemühte Metapher vom überrollenden Tsunami ist deshalb allenfalls ein schiefes Bild. Denn Encarta wurde nicht plötzlich weggespült, sondern von einer neuen Art der Informationsverbreitung langsam, aber unaufhaltsam entmachtet.

Und genau das macht den Fall so interessant.

Die Revolution auf CD-ROM

Encarta scheiterte nicht etwa daran, dass es zur falschen Zeit erschien. Im Gegenteil: Es passte geradezu perfekt. Das Problem war nur, dass seine Zeit schneller endete, als Microsoft gedacht haben dürfte.

Die Vorgeschichte beginnt dabei ausgerechnet mit einem Fehlschlag.

Microsoft hatte schon in den 1980er-Jahren erkannt, dass Nachschlagewerke ein ideales Feld für CD-ROM und Multimedia sein könnten. Zunächst versuchte der Konzern, mit der Encyclopaedia Britannica zusammenzuarbeiten. Doch dort hielt sich das Interesse in Grenzen. Zu groß war wohl die Sorge, das Printgeschäft mit einer digitalen Variante selbst zu kannibalisieren.

Ein Beispiel zeigt das: Während Encarta zunächst noch knapp 200 Mark kostete und mit jeder Ausgabe günstiger wurde, musste man für die 21. und damit letzte gedruckte Auflage der berühmten Brockhaus Enzyklopädie knapp 2.700 Euro hinblättern.

Also kehrte Microsoft der Encyclopaedia Britannica den Rücken und wich auf Funk & Wagnalls aus.

Die New Standard Encyclopedia war zwar weniger prestigeträchtig, aber ausreichend, um daraus ein neues Produkt zu formen – und vor allem eines, das nicht länger die Autorität früherer Jahrhunderte in den Mittelpunkt stellte, sondern die Benutzererfahrung des späten 20. Jahrhunderts.

Die Innovation bestand nicht bloß im Inhalt, sondern in der Form. Encarta verband Artikel mit Audiomaterial, Videos, Karten, Zeitleisten, Animationen und interaktiven Elementen. Wissen war damit nicht mehr nur Textmasse mit vereinzelten Bildern, sondern multimediales Erlebnis.

Encarta war didaktisch geschickt, technisch zeitgemäß und kulturell perfekt in die Ära der CD-ROM eingepasst.

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Microsofts Vorteil

Hinzu kam Microsofts enorme Vertriebsmacht. Encarta profitierte nicht nur von seinem Format, sondern auch vom Ökosystem des Konzerns. Der Preis wurde gesenkt, das Produkt offensiv vermarktet und nicht selten direkt mit neuen PCs gebündelt. So wurde Encarta zum Sinnbild dessen, was digitales Wissen im Alltag der 1990er-Jahre bedeutete.

Dass klassische Printanbieter dadurch massiv unter Druck gerieten, ist wenig überraschend. Encarta beschleunigte den Niedergang eines Geschäftsmodells, das jahrhundertelang von teuren, mehrbändigen Nachschlagewerken gelebt hatte.

Und dennoch trug die Software ihre Grenzen von Anfang an in sich.

Denn Encarta blieb trotz aller Modernität ein kuratiertes, abgeschlossenes System. Es wurde von Redaktionen geplant, von Experten gepflegt, in Editionen veröffentlicht und in festen Abständen aktualisiert. Gegenüber der klassischen Printenzyklopädie war das ein gewaltiger Fortschritt.

Aus Sicht des Internets war es aber immer noch zu langsam, zu teuer und zu statisch.

Microsoft digitalisierte die Enzyklopädie, ohne ihre Grundlogik wirklich hinter sich zu lassen. Wissen blieb etwas, das verpackt und verkauft wurde.

Als das Internet übernahm

Der Siegeszug von Wikipedia war nicht aufzuhalten. (Bildquelle: Wikipedia, GameStar Tech) Der Siegeszug von Wikipedia war nicht aufzuhalten. (Bildquelle: Wikipedia, GameStar Tech)

Genau hier setzte Wikipedia an. Seit 2001 entstand die Alternative, die in beinahe jeder Hinsicht das Gegenteil von Encarta war: offen statt proprietär, kollaborativ statt redaktionell abgeschlossen, kostenlos statt kostenpflichtig, im Browser verfügbar statt an Datenträger und Installationen gebunden.

Wikipedia hatte und hat Probleme. Fragen nach Verlässlichkeit, Autorenschaft und Manipulation sind ständiger Begleiter. Aber das Projekt hat einen entscheidenden Vorteil: Es passt perfekt zur Architektur des Internets.

Und das war letztlich wichtiger als alles andere.

Wer etwas wissen wollte, musste plötzlich keine Enzyklopädie mehr besitzen. Es genügte, einen Browser zu öffnen. Suchmaschinen machten die Inhalte in Sekunden sichtbar. Damit verschob sich die Erwartung der Nutzer fundamental.

Wissen sollte nun nicht mehr bloß digital sein. Es sollte unmittelbar sein, frei, und ständig auf dem neuesten Stand.

Microsoft reagierte - allerdings zu spät

Dass Microsoft den Ernst dieser Entwicklung durchaus erkannte, zeigt das späte Verhalten des Konzerns.

Encarta wanderte ins Internet, Teile wurden frei zugänglich gemacht, die Preise sanken weiter, und Microsoft experimentierte sogar damit, Nutzerbeiträge stärker einzubinden. Doch auch diese Anpassungen konnten den grundlegenden Nachteil nicht mehr ausgleichen.

Microsofts Enzyklopädie ist ein Produkt der CD-ROM-Ära. Wikipedia ist ein Produkt des Internet-Zeitalters.

Das eine musste verkauft, gepflegt, aktualisiert und redaktionell verwaltet werden. Das andere wächst mit jeder Minute weiter, weil es von einer ständig aktiven Community getragen wird.

Als Microsoft 2009 das Ende von Encarta ankündigte, klang die offizielle Begründung beinahe nüchtern:

Encarta ist seit vielen Jahren weltweit ein erfolgreiches Produkt. Doch der Markt für traditionelle Enzyklopädien und Referenzwerke hat sich gewandelt. Heute suchen und nutzen Menschen Informationen auf erheblich andere Weise als früher.

Und genau darin liegt der Kern der ganzen Geschichte: Encarta scheiterte nicht, weil es schlecht war. Es scheiterte, weil es zu gut in die vorherige Ära passte.

Die Software war die ideale Antwort auf die Frage, wie sich das gesammelte Wissen der Menschheit in die Multimediawelt der 1990er-Jahre überführen ließ. Sie ist aber keine überzeugende Antwort mehr darauf, wie Wissen im Zeitalter von Suchmaschinen, Hyperlinks und Communitys organisiert wird.

Ein Übergangsmedium

Gerade deshalb sollte man Encarta nicht bloß als Vorläufer von Wikipedia abtun.

Es war ein Übergangsmedium. Und Übergangsmedien geraten historisch oftmals ins Hintertreffen. Man denke nur an Videotext, AOL oder MP3-Downloads. Sie alle waren für kurze Zeit erfolgreiche digitale Modelle, die später jedoch von noch passenderen Formen wie dem Streaming ersetzt wurden.

Dennoch sind sie mehr als reine Zwischenstufen. Sie veränderten Erwartungen, prägten Gewohnheiten, bereiteten den Boden für das, was danach kam.

In gewisser Weise gewöhnte Encarta Millionen Menschen überhaupt erst an die Vorstellung, dass Wissen mit wenigen Klicks durchsuchbar, multimedial, interaktiv und sofort verfügbar sein sollte. Es half also dabei, genau das Nutzerverhalten auszubilden, von dem Wikipedia später profitierte.

Encarta holte die Enzyklopädie aus dem Regal, konnte allerdings nicht verhindern, dass im nächsten Schritt die CD-ROM und schließlich auch die Marke überflüssig wurden.M

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Die Ironie der Geschichte

Vielleicht liegt genau darin die schönste Ironie dieser Geschichte.

Nicht darin, dass Encarta vergleichsweise schnell wieder verschwand, sondern darin, dass Microsoft damit einst half, die Autorität von Brockhaus und Co. zu brechen – und später selbst erleben musste, wie die eigene kontrollierte Wissensplattform von einer noch offeneren, flexibleren Form verdrängt wurde.

Encarta war dennoch kein Irrweg. Es war ein erfolgreiches Produkt, das von seinem eigenen Fortschrittsversprechen überholt wurde.

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