Sie wollten eine Autobahn bauen, aber stießen auf eine Keltenstadt voller Schätzen, die mehr als 2.000 Jahre alt ist

Der Fund in Ostböhmen zeigt, wie vernetzt die Region schon in der Latènezeit war – mit Münzen, Bernstein und Werkstattspuren.

Links: die Ausgrabung, rechts: eine Münze, die etwas an die Himmelsscheibe von Nebra erinnert. (Bildquelle: Museum Ostböhmen) Links: die Ausgrabung, rechts: eine Münze, die etwas an die Himmelsscheibe von Nebra erinnert. (Bildquelle: Museum Ostböhmen)

Manchmal reicht ein einzelner Spatenstich, um aus einer Baustelle plötzlich Geschichte zu machen.

In Ostböhmen, auf der Trasse der künftigen D35 nahe der Stadt Hradec Králové, sollte eigentlich nur der Boden für eine neue Autobahn vorbereitet werden.

Stattdessen stießen Archäologen auf einen Fund, der die Landschaft im Nordosten Tschechiens in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt: eine ausgedehnte Siedlung aus der sogenannten Latènezeit (450 bis 1 v. Chr.), also aus jener Epoche, die in Mitteleuropa besonders eng mit den Kelten verbunden ist.

Sie gilt als Blütezeit der keltischen Kultur, weil diese sich ab etwa 450 vor Christus besonders weit ausdehnte.

Laut den beteiligten Forscherinnen und Forschern umfasst die entdeckte Anlage rund 25 Hektar, also eine Fläche von einem Viertel Quadratkilometer. Sie dürfte bereits im 4. Jahrhundert vor Christus entstanden sein, erlebte zwei Jahrhunderte später wohl ihren Höhepunkt und wurde wahrscheinlich im 1. Jahrhundert vor Christus wieder aufgegeben.

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Kein klassisches Oppidum

Schon diese Größe ist bemerkenswert. Wirklich interessant wird der Fundort aber erst durch seinen Charakter.

Denn die Archäologen beschreiben ihn eben nicht als klassisches Oppidum, also nicht als befestigte Höhensiedlung, sondern als offenen, unbefestigt zusammengewachsenen Siedlungsraum – eine Agglomeration mit zentralen Funktionen.

Zum Vorschein kommt hier also kein abgelegener Ort, sondern eine Gesellschaft, die vernetzt und wirtschaftlich differenziert war.

Ein Knotenpunkt der Keltenzeit

Darauf deutet auch das Fundmaterial hin. Geborgen wurden Gold- und Silbermünzen, Hinweise auf Münzprägung, Bernstein, hochwertiger Schmuck und Keramik, Werkstattspuren, Gebäudereste und wohl auch ein oder zwei Kultbereiche.

Vieles spricht daher dafür, dass es sich um ein überregionales Handels- und Produktionszentrum handelte, das an Fernrouten angebunden war – vermutlich an die sogenannte Bernsteinstraße, also jenes antike Handelsnetz, über das Bernstein von der Ostsee bis in den Mittelmeerraum gelangte.

Selten gut erhalten

Bemerkenswert ist aber nicht nur die Siedlung an sich und das, was dort gefunden wurde, sondern auch, in welchem Zustand.

Nach Angaben des Museums Ostböhmen blieb der Fundort weitgehend von intensiver Landwirtschaft und illegalen Sondengängern verschont. Das macht ihn besonders wertvoll für die Wissenschaft.

Allein die Menge des geborgenen Materials ist enorm: Das Museum sprach zunächst von 22.000 Fundtüten, das tschechische Fernsehen nannte unter Berufung auf den Archäologen Matouš Holas etwa 13.000.

Der Unterschied zeigt vor allem, dass die Auswertung noch voll im Gange ist. Fest steht aber schon jetzt, dass es sich um einen der größten archäologischen Funde handelt, die je in Böhmen geborgen wurden.

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Unter der künftigen Fahrbahn

Womöglich liegt darin die tiefere Bedeutung des Fundes. Eine Autobahn, also ein Symbol moderner Warentransport-Infrastruktur, hat einen Ort sichtbar gemacht, an dem schon vor mehr als zwei Jahrtausenden Waren aus allen Himmelsrichtungen kamen und gingen.

Unter einem Vorhaben der Moderne kam eine ältere Form Europas zum Vorschein, die sehr viel vernetzter war, als wir uns das gemeinhin vorstellen.

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