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Seite 2: Prisoners - Wolverine in seiner besten Rolle

Packend und realistisch

Durch seine triste Inszenierung im winterlichen, mittleren Westen der USA wirkt Villeneuves Film wesentlich packender und selbstverständlich realistischer als Filme wie Taken 2, in denen Liam Neeson über die Dächer Istanbuls hüpft. In Prisoners gibt es nichts, das an Hollywood-Charme erinnert. Das Ambiente ist trist, kalt und trostlos. Familie Dover führt ein Leben am Rande der unteren Mittelschicht. Viel Geld haben sie nicht, aber sie haben einander und den Glauben an Gott. Umso mehr kämpft der bibeltreue Vater Dover mit sich selbst und der Entscheidung, die Suche seiner kleinen Tochter selber in die Hand zu nehmen.

Prisoners - Jake Gyllenhaal im Interview 3:25 Prisoners - Jake Gyllenhaal im Interview

Er ist kein eiskalter Killer. Wenn Dover mit seinem jugendlichen Sohn Ralph (Dylan Minette) auf Wildjagd geht, dann macht er einen ehrfürchtigen Kniefall vor der Beute, um seinen Dank auszudrücken. Er ist trockener Alkoholiker und ein Vater, der seiner Familie das Beste bieten will, aber in Zeiten der Wirtschaftskrise an seine Grenzen stößt. Trotzdem neidet er den etwas wohlhabenderen Nachbarn Birch nichts. Schnell wird klar, dass Keller Dover ein bodenständiger Mann ist. Statt uns einen Hollywood-typischen Helden zu präsentieren, stoßen wir auf einen ganz normalen Vater, dessen Handlungen oft nachvollziehbar und fast immer zu verstehen sind.

Die Frage des richtig und falsch

Dovers Kampf mit sich selbst, sein Bewusstsein darüber, dass Selbstjustiz falsch ist, aber das gleichzeitige Wissen, dass die Überlebenschancen seiner Tochter stündlich sinken, machen es dem Zuschauer schwer, zu entscheiden, wie man selbst in einer solchen Situation handeln würde. Franklin Birch (Terrence Howard), dessen Tochter Joy ebenfalls verschwunden ist, ist der Gegenpol zu Dover. Die Stimme der Vernunft, die sagt, dass Foltern falsch ist. Aber welchen Preis sind wir bereit, für das Leben unserer Kinder zu zahlen? Wenn der blutverschmierte, an die Heizung gekettete geistig zurückgebliebene Alex vehement schweigt, kommen Zweifel auf.

Mal sind wir eisern auf Dovers Seite, denn Alex wirkt doch wie der typische Sexualstraftäter. Als er von der Polizei entlassen wird, hören wir einen eindeutigen Hinweis, den er Dover zuflüstert. Oder etwa nicht? Hat Alex wirklich etwas belastendes gesagt oder hört Dover in seinem Wahn nur noch, was er hören will? Schnell verliert der Zuschauer den objektiven Blick für das Geschehen, weshalb es oft leichter fällt, sich mit dem verzweifelten Vater zu identifizieren als mit dem gesetzestreu-handelnden Polizisten Loki. Familie Birch trauert und Dovers Frau Grace (Maria Bello) leidet zu Hause, wo sie mit Beruhigungsmitteln vollgepumpt immer mehr der Wirklichkeit entgleitet. Der Familienvater scheint der einzige zu sein, der handelt.

Prisoners - Video-Special zum Film 2:55 Prisoners - Video-Special zum Film

Prisoners offenbart menschliche Abgründe. Schnell wird klar, dass alle Beteiligten "Gefangene" sind. Die kleinen Mädchen, der von Dover entführte Alex, die in der Trauer gefangenen Eltern, der zwischen Gesetz und Gerechtigkeit gefangene Vater. Zu der emotionalen und moralischen Doppelbödigkeit des Films gesellst sich ein ausgefallener Plot, den man in seinen ausgeklügelten Details niemals so hätte erahnen können. Immer wieder wird der Zuschauer gezwungen, seine Sichtweise neu zu überdenken und am Ende schaut man dem fast perfekten Thriller ins Gesicht.

Fazit

Anne Facompre: Prisoners wirft schwierige, moralische Fragen auf: Sind wirklich alle Leben gleich viel Wert? Darf ein scheinbarer Taugenichts, der Hunde quält und klar verdächtig wirkt, gefoltert werden, wenn es um das Leben zweier unschuldiger Kinder geht? Dürfen wir den behinderten Alex aburteilen und hassen, oder müssen wir sein eigenes Schicksal hinterfragen? Denis Villeneuve verweigert bis zum Schluss ein klares Urteil darüber. Diese Entscheidung bleibt beim Zuschauer und nach Ende des Films fällt sie nicht leichter als vorher. Prisoners ist ein perfekt strukturierter Thriller, der emotional, visuell, schauspielerisch und Plot-mäßig voll und ganz überzeut. Bis zum Schluss wird die Aufmerksamkeit des Zuschauers gefordert und trotz 153 Minuten Laufzeit wird die Geschichte kein einziges Mal langweilig. Einer der besten Filme des Jahres.

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