Frustfaktor Steuerung
Neben den netten Schlägern vom Inkassobüro dürft ihr euch in Samson mit fast allen Figuren prügeln. Immer wieder hatten die Entwickler vorab betont, dass sich die Kämpfe unfair und schmutzig anfühlen sollen. Das tun sie auch – allerdings vor allem aufgrund der hakeligen Bedienung und unübersichtlichen Kameraführung.
Wenn wir zum fünften Mal eine Faust ins Gesicht bekommen, weil unsere Spielfigur partout nicht in die richtige Richtung ausweicht oder wir den Gegner in unserem Rücken nicht kommen sehen, steigt das Frust-Level gehörig. Zumal unser hart erarbeitetes Bargeld einfach weg ist, sobald wir zu Boden gehen. Da hilft es auch nichts, später zum Tatort zurückzukehren und die restlichen Übeltäter zu plätten.
Allzu häufig wünschen wir uns im Spiel Schusswaffen, um den Schlägereien aus dem Weg gehen und Autos bei Verfolgungsjagden schneller beschädigen zu können. Doch auf genau die verzichten die Entwickler von Samson bewusst – angeblich, weil es das Spiel »zu distanziert« machen würde. Im Kampf gegen Fahrzeuge bleibt uns so nur das Rammen.
Das ist allerdings gar nicht so einfach. Denn auch die Autos steuern sich in Samson ungefähr so präzise wie ein Backstein. Am Controller kommen wir zwar meist noch mit Lackschäden um die Ecken; mit Maus und Tastatur brettern wir dagegen ständig in irgendwelche Brückenpfeiler. Das kostet uns gerade in Renn- und Liefer-Missionen oft entscheidende Sekunden.
KI und andere Tücken
Ein weiterer Knackpunkt, der aktuell noch den Spielspaß bei Samson ausbremst, ist die wankelmütige KI der Polizeifahrzeuge und anderen Verkehrsteilnehmer. Denn das Verhalten der Gesetzeshüter folgt keinen vorhersehbaren Bahnen. Entweder sind die Polizisten für unsere Verkehrsdelikte vollkommen blind, oder sie folgen uns unbarmherzig in jede noch so schmale Seitengasse.
Oder noch besser: Wiegen wir uns bereits in Sicherheit, spawnt urplötzlich ein Polizeifahrzeug direkt bei uns und die Jagd beginnt von Neuem. Die anderen Verkehrsteilnehmer versuchen während Verfolgungsjagden zwar realistisch auszuweichen, allerdings meist genau in die Richtung, in die wir selbst auszuweichen suchen. Etwas mehr Lesbarkeit würde der Fahrer-KI guttun.
Auch die Minimap würde von mehr Lesbarkeit profitieren. Allzu oft finden wir uns in engen Sackgassen wieder, weil der Kartenausschnitt zu klein ist, um vorab zu zeigen, dass es hier nicht weitergeht. Während Rennen wird auf der Karte zudem nur der jeweils nächste Wegpunkt, nicht aber die gesamte Route angezeigt. Neben der schwergängigen Steuerung sorgt auch das regelmäßig dafür, dass wir die richtige Abfahrt verpassen und unsere Mission in einem Fehlschlag endet.
17:38
Samson: Wir erledigen im »kleinen GTA« ein paar Junkies und flüchten vor der Polizei
Cool ist dagegen das Schadensmodell der Autos, das Gewicht und Geschwindigkeit der beteiligten Fahrzeuge berücksichtigt. Rammen wir ein gegnerisches Auto mit Samsons Zwei-Tonnen-Musclecar in die Seite, wird ordentlich Blech verbogen. Die Autos können dabei auch komplett zerstört werden. Akustisch hören sich die Crashes dafür leider nur ungefähr so wuchtig an wie herunterfallende Blechdosen.
Und natürlich kostet auch die Reparatur unserer Karosse Geld. Zumindest in diesem Punkt ist Samson sehr konsequent – im Leben gibt es eben selten etwas geschenkt.
Zurück in die 90er
Die fiktive Großstadt Tyndalston wird im Spiel dank der Unreal Engine 5 stimmungsvoll in Szene gesetzt. Überall ist es herrlich dreckig; jeder Straßenzug versprüht den Charme einer abgeranzten US-Ostküstenstadt Mitte der 90er. Smartphones gibt’s noch keine; stattdessen erwarten uns überall Graffiti, Junkies, Müll und eingeschlagene Fensterscheiben.
Betrachtet man die Texturen allerdings genauer, fällt gerade in der weiteren Entfernung eine gewisse Detailarmut auf. Zudem wirkt sich die Unreal Engine auch auf die Performance aus. Mehr als 60 FPS waren auf unserem Testrechner auf höchsten Einstellungen trotz verbauter RTX 4070 Ti Super nicht drin, mehrfach kam es zu kleineren Rucklern. Auf einer RTX 3060 sank die Bildrate bei mittleren Einstellungen auf etwas über 45 FPS.
Ein echter Schnitzer sind in puncto Optik allerdings die Gesichter. Denn gerade die Nebenfiguren sehen in Samson schlimmer aus als in so manchem Madame Tussauds. Und auch unser Hauptcharakter hat zwar immer noch schöne lockige Haare, von den ebenmäßigen Gesichtszügen aus dem Trailer ist im finalen Spiel jedoch wenig übrig geblieben. Die Ähnlichkeit mit Jaime Lannister war wahrscheinlich Zufall, denn dessen Darsteller Nikolaj Coster-Waldau hat mit Samson nichts zu tun.
Die Summe seiner Probleme
Die Summe dieser kleineren Macken wird für Samson zum Problem, denn sie nagen unnachgiebig am Spaßfaktor des Spiels. Ein gutes Fundament ist dank der gelungenen erwachsenen Atmosphäre zwar durchaus vorhanden. Schließlich haben wir ständig das Gefühl, einen aussichtslosen Kampf gegen den Schuldenberg und das generell unfaire Wesen der Welt zu führen.
Allerdings haut uns Samson dabei immer wieder ein bisschen zu sehr auf den Deckel – und das eben merklich nicht immer mit Absicht. Denn das Spiel schwächelt bei grundlegenden Mechaniken: Die schwergängige Steuerung nimmt den Spaß am Fahren und Kämpfen; insgesamt wirkt Samson sehr unrund. Die Roguelite-Mechanik, Geld bei einem Tod konsequent zu verlieren, ist zwar nett gemeint, endet in den meisten Fällen aber schlichtweg demotivierend.
Betrachtet man die Entwicklungsgeschichte von Samson, ist es beachtlich, dass das Spiel es bis zur Fertigstellung geschafft hat. Schließlich musste Entwickler Liquid Swords Anfang 2025 rund die Hälfte seiner Angestellten entlassen. Umso mehr gönne ich Samson jeden erdenklichen Erfolg. Das Spiel weiß schließlich recht genau, was es sein will und was nicht. Allerdings hätte das Ganoven-Abenteuer zur wahren Vollendung noch einiges an Feinschliff nötig gehabt.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Dein Kommentar wurde nicht gespeichert. Dies kann folgende Ursachen haben:
1. Der Kommentar ist länger als 4000 Zeichen.
2. Du hast versucht, einen Kommentar innerhalb der 10-Sekunden-Schreibsperre zu senden.
3. Dein Kommentar wurde als Spam identifiziert. Bitte beachte unsere Richtlinien zum Erstellen von Kommentaren.
4. Du verfügst nicht über die nötigen Schreibrechte bzw. wurdest gebannt.
Bei Fragen oder Problemen nutze bitte das Kontakt-Formular.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Nur angemeldete Plus-Mitglieder können Plus-Inhalte kommentieren und bewerten.