Zeitlebens mussten Menschen für Energie etwas tun. Entweder sie schufteten selbst oder hatten einen Energieträger zur Hand, mit dem sie erhitzten, etwas bewegten oder sonst eine Arbeit verrichteten. Doch der technisch-ökonomische Fortschritt ermöglicht inzwischen einst Wahnwitziges: kostenlosen Strom.
Wir schauen nach Australien, wo wir sehen, was ein konsequenter Ausbau von Fotovoltaik bewirken kann – mit dem erwarteten kapitalistischen Dreh. Deutschland feierte derweil vor wenigen einen historischen Rekord, der uns aber (noch) nicht beschenkt.
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Die neue Stromkrise: Energiewende & KI in Deutschland - Mit Robert Habeck und Dr. Stelzer (IFA 2025)
Die Sonne beschenkt, nur wen?
Versorger müssen seit dem 1. Juli in einem ersten Schritt in mehreren bevölkerungsreichen australischen Bundesstaaten Verträge anbieten, die Strom verschenken. Dank der »Solar Sharer Offer« bekommen Kunden die Möglichkeit, in speziellen Tarifen in dreistündigen Zeitfenstern in der Tagesmitte bis zu 24 Kilowattstunden (kWh) zu beziehen – meistens zwischen 11 und 14 Uhr oder von 12 bis 15 Uhr.
Ungefähr zu dieser Zeit leistet die vor allem zuletzt umfangreich ausgebaute Fotovoltaik Australiens Schwerstarbeit, allerdings bewegt sich die Nachfrage typischerweise eher im mittleren Bereich.
Deshalb sacken die Großhandelspreise vorrangig im Sommer und bei klarem Himmel stark ab oder rutschen sogar in den negativen Bereich – jede weitere produzierte kWh kostet den Anbieter nur, da er keinen Käufer dafür am Markt findet.
Australien erlebte in den vergangenen 15 Jahren einen bis heute rasanten Ausbau des Solarsektors:
- Bis 2009: Marginale Solarstromerzeugung
- 2010: 510 Megawatt
- 2020: 20.741 MW (20,7 Gigawatt (GW)
- 2023: 34.234 MW (34,2 GW)
- 2024: 38.470 MW (38,47 GW)
- 2025: 45.100 MW (45,1 GW)
Vor allem seit 2018 durchläuft das Land einen enormen Wachstumsschub. Australien stieg vom Nachzügler zum globalen Vorreiter auf – heute verfügt es über die weltweit höchste Solar-Pro-Kopf-Kapazität. Deutschland liegt hier übrigens auf Platz 3 hinter den Niederlanden.
Für wie viel reichen 24 Kilowattstunden?
E-Auto-Reichweite: 24 kWh genügen für etwa 100–150 Kilometer Fahrstrecke bei einem durchschnittlichen E-Auto.
Durchschnittlicher Tagesverbrauch eines Haushalts: Ein typischer australischer 3-Personen-Haushalt nutzt rund 16–20 kWh pro Tag – die 24 kWh würden also theoretisch den kompletten Tagesbedarf eines Durchschnittshaushalts abdecken, wenn er komplett ins Mittagsfenster verlagert werden könnte.
Smartphone-Ladungen: Ein Smartphone-Akku fasst im Durchschnitt etwa 0,015–0,02 kWh. 24 kWh entsprechen somit rechnerisch rund 1.200–1.600 Handy-Ladungen.
Die neue Verpflichtung soll diese Überschüsse möglichst effizient an Kunden abgeben, die die Möglichkeit haben den Strom zu nutzen. Selbstverständlich folgt diese Maßnahme letztendlich auch auf fehlende Speichermöglichkeiten.
Gäbe es beispielsweise mehr Batterie-, Luftdruck- oder Wasserspeicher, ließe sich der mittägliche Segen an Sonnenlicht für später effektiver wegspeichern und zu Höchstlastzeiten (meistens gegen 17 bis 20 Uhr Ortszeit) an alle verteilen.
Einige der zahlreichen Fortschritte im Bereich der Stromproduktion, -speicherung sowie -verteilung stellen wir euch hier vor, wie etwa:
- Stromspeicher zur Stabilisierung bei weniger Sonnen-spendablen Wetter, wie
- durch Druckluftspeicher wie in China
- durch Betonkugeln am Meeresboden
- klassische, chemische Batteriespeicher, die sogar bald wieder massenhaft in Deutschland vom Band laufen sollen.
- Netzausbau, wie durch gewaltige Stromkabel zwischen Deutschland und England Ausbau der Windkraft als natürlicher Partner der Solarenergie, zum Beispiel durch Anlagen wie der weltweit höchsten in Deutschland oder der global leistungsstärksten in Dänemark.
Tolle Idee mit kapitalistischem Haken
Ein Knackpunkt liegt indes vor – ebenfalls dem Kapitalismus geschuldet. Bei den Tarifen handelt es sich um sogenannte Opt-in-Varianten.
Sie müssen Kunden neben den Standardpreisgestaltungen angeboten und von ihnen bewusst gewählt werden. Wer einfach nur den Anbieter wechselt, erhält zunächst einen Tarif ohne kostenlosen Strom – und das aus einem guten Grund.
Denn außerhalb der Gratis-Zeitfenster kostet die Kilowattstunde mehr als bei üblichen Verträgen. Es lohnt sich also nur für diejenigen, die die Chance haben, den Strom in den frühen Nachmittagsstunden auch zu nutzen – oder in eigenen Batterien zwischenzuspeichern.
Nichtsdestoweniger eröffnet die Regulierung in Australien eine neue Perspektive auf die Stromproduktion für Haushalte. In Zeiten höchster Einstrahlung steht zu viel Sonnenenergie zur Verfügung, als dass der Markt hierfür Geld verlangen könnte.
Wir erleben erstmals in der Geschichte unserer Spezies, dass wir schon heute eine quasi unerschöpfliche und praktisch unbegrenzte Energiequelle anzapfen können – selbst ohne eigene Paneele auf dem Dach. Zumindest einige Australier spüren, wie ein Stromnetz, das wahrlich effektiv Sonnenschein erntet, Energie als Selbstverständlichkeit verteilen kann.
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