Ein Paar küsst sich und hält Händchen. Er trägt einen Anzug mit Fliege, sie ein Kleid mit ausgestellten Schultern. Beide tanzen, freuen sich und nehmen sich immer wieder in den Arm.
Was ist so besonders an diesem kurzen Film? Beide Personen sind Schwarz. Ihr seht den originalen Clip (digitalisiert von der Filmrolle) unten oder als digital bereinigte Version in einem Reddit-Thread.
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Wir finden, dass dieser Clip mit dem heute unrühmlichen Namen »Something Good – Negro Kiss« unglaublich herzerwärmend ist, weswegen wir ihn mit euch teilen möchten.
Allerdings steckt noch viel mehr dahinter, sowohl inhaltlich als auch technisch.
Der Film war über 100 Jahre verschollen und galt als Lost Media. 2016 wurde er in einem Stapel mit Stummfilmen eines Sammlers aus Louisiana wiederentdeckt und wegen seiner kulturellen Bedeutung in die Library of Congress’ National Film Registry in Chicago aufgenommen (via Pressemitteilung der Library of Congress).
Was ist Lost Media?
Lost Media bezeichnet Medieninhalte (Filme, Serien, Spiele, Bücher, Musik usw.), die einmal existierten, aber heute ganz oder teilweise unauffindbar sind. Gründe können Verschleiß, fehlende Archivierung, rechtliche Probleme oder geringe Verbreitung sein. Manche Lost Media (wie der Film in diesem Artikel) wird später wiederentdeckt, anderes gilt als dauerhaft verloren.
Es wird angenommen, dass Something Good die früheste filmische Darstellung afroamerikanischer Zuneigung ist. Obschon die Sklaverei in den Vereinigten Staaten von Amerika Ende des 19. Jahrhunderts seit Dekaden abgeschafft war, gehört Rassismus für Schwarze heute noch zum Alltag.
Aus dem Film lässt sich noch mehr herauslesen, so die UChicago News.
- Es handelt sich um Darsteller und kein echtes Pärchen: Das Museum of Modern Art in New York hat die beiden Personen als Gertie Brown und Saint Suttle identifiziert.
- Die Kleidung, die Brown und Suttle tragen, sind Bühnenkostüme, die sie als Minstrel-Darsteller verwendet haben. Minstrel Shows waren musikalische Bühneneinlagen, oft von fahrenden Darstellerinnen und Darstellern vorgetragen.
- Ihre Darbietung ist eine Neuinterpretation von Thomas Edisons »The Kiss« (zu sehen auf YouTube) mit May Irwin und John Rice.
Die Technik hinter dem Film
Die Seite PBS SoCal greift die Identifikation des Films auf, an der die weiter oben zitierte Professorin Field beteiligt war.
- Beim Ausrollen des Nitrate-Films fanden Field und ihr Partner Dino Everett kreisförmige Perforationsmarken am Rand. Das ist ein Hinweis auf eine Kamera-Technik, die mit den Lumière-Brüdern assoziiert wird. Bekannt sind die Franzosen durch ihren Stummkurzfilm des einfahrenden Zugs in einen Bahnhof.
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- Diese Spur stellte sich als kalt heraus. Stattdessen identifizierten sie William Sellig, einen amerikanischen Filmemacher, der ein eigenes Gerät ähnlich dem Lumière-Kinomatografen gebaut hatte.
Was ist der Lumière-Kinomatograf?
Der Lumière-Kinomatograf ist ein Gerät, das Filme aufnehmen, entwickeln und vorführen kann – alles in einem. Der Kinematograf zieht den Film bildweise vor eine Linse, belichtet ihn kurz bei der Aufnahme oder beleuchtet ihn bei der Projektion. Dabei nutzt er einen Greifermechanismus, der den Film ruckartig weiterbewegt, ähnlich wie bei einer Nähmaschine.
- Über alte Kataloge fanden die beiden Forscher dann den Namen heraus: »Something Good«.
- Da damalige Filme oftmals keine Credits führten, war es schwierig, die Darstellerin und den Darsteller zu identifizieren. Über einen anderen Kurzfilm stießen Field und Everett schließlich auf die Namen.
Ein Film aus den Anfängen des Kinos
Das erste Bewegtbild wurde übrigens erst 20 Jahre zuvor geschossen und zeigte 1878 ein Pferd im Galopp. Vorher musste der Erfinder des Films allerdings einige Niederlagen eintecken.
- Der erste Versuch fand 1873 statt. Muybridge, einer der Pioniere des Bewegtbilds, versuchte, möglichst viele Bilder von einem sich bewegenden Pferd zu machen. Das Ergebnis war verwaschen und wenig kontrastreich.
- Der zweite Versuch im 1878 gelang schließlich. Anstatt einer Kamera kamen gleich 12 zum Einsatz, die mittels eines Rades ausgelöst wurden. Die Negative waren klein, aber das Pferd ich gut zu erkennen. So sah das dann aus:
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Bereits ein Jahr später wiederholte Muybridge sein Experiment – allerdings mit 24 Kameras anstatt 12. Wenn euch das bekannt vorkommt: Auch heute laufen die meisten noch Filme und Serien mit 24 Bilder pro Sekunde (zum Verdruss mancher).
Der Standard, der für viele die Filmmagie ausmacht, war geboren.
Von diesem Punkt an war der Rest Geschichte. Es dauerte also keine 20 Jahre mehr, um von 24 Kameras mit 24 Einzelbildern zu einem Film zu gelangen, der mit einer Kamera, die 24 Bilder schoss, gedreht wurde.







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