Manchmal sind Spiele wie Fenistil-Mückensalbe. Gestern habt ihr sie noch nicht gebraucht, aber heute juckt's euch teuflisch an dieser ganz speziellen Stelle – und nur das Spezialzeugs verspricht Linderung. Mein neuestes Spezialzeugs heißt Etrian Odyssey, denn das Steam-Rollenspiel von 2023 stillt ein ganz besonders Bedürfnis: Ich hatte mal wieder so richtig Bock auf ein geradliniges Rollenspiel ohne viel Drumherum.
Ich wollte kämpfen, coole Charaktere hochleveln, immer mächtigere Bosse mit immer ausgetüftelteren Strategien auf die Bretter schicken – idealerweise ohne den ganzen Fluff drumherum, ohne ausuferndes Städteerkunden, Dialogwüsten und Nebenkrams. Manchmal will ich feierabends einfach eindimensionalen Level-Grind.
Womit ich nicht gerechnet habe: Dass ich 30 Stunden später immer noch nicht von diesem eigentlich stumpfsinnigen Spiel loskomme.
Was ist Etrian Odyssey?
Erstmal ein paar Fakten. Etrian Odyssey heißt in Langfassung eigentlich Etrian Odyssey HD und ist das 2023er Remake eines fast 20 Jahre alten Dungeon Crawlers aus Japan, der dort eine langjährige Serie mit mittlerweile neun Nachfolgern losgetreten hat.
Das Spielprinzip ist schnell erklärt: Ihr erstellt euch anfangs eine Truppe aus bis zu fünf Reckinnen und Recken, wählt eure gewünschte Klasse – vom simplen Haudrauf über Fernkämpfer bis hin zu Hexern und Bardinnen. In der Stadt stattet ihr eure Leute mit rudimentärer Ausrüstung aus und ab geht's in den Dungeon, der euch rund 30 Stockwerke tief gegen immer tödlichere Bedrohungen antreten lässt.
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Etrian Odyssey HD: Gameplay-Trailer zum Remaster der Rollenspiel-Klassiker
Etrian Odyssey läuft streng rundenbasiert ab, richtig Oldschool: Eure Truppe zieht aus Ego-Sicht Zug für Zug durch den Dungeon, auch in Kämpfen klickt ihr euch Angriff für Angriff durch die Befehle. Und eine weitere Besonderheit: Ihr müsst selbst Karten zeichnen!
Das klingt aber anstrengender, als es sich letztlich spielt: Alle besuchten Areale werden automatisch verzeichnet, lediglich Abkürzungen, Schätze, Türen und Co. müsst ihr selbst eintragen – wirklich notwendig wird das aber ohnehin erst in den Lategame-Bereichen, weil einem sonst irgendwann der Kopf glüht.
Und das ... ist es im Prinzip auch. Über die Story von Etrian Odyssey müssen wir nicht groß reden, es gibt zwar einen coolen Twist, aber darüber hinaus bleibt hier nichts hängen. Die Dungeons fordern euch auch mit keinen komplexen Rätseln, Fallen oder sonst was. Worauf ich hinaus will: Falls ihr mal einen Dungeon Crawler für den Einstieg sucht, seid ihr hier an der richtigen Adresse.
Was allerdings nicht heißt, dass Etrian Odyssey sich dröge spielt.
Wieso komme ich nicht von diesem Spiel los?
In Etrian Odyssey dreht sich alles um Kämpfe. Klar, am Ende des Tages muss ich auch den richtigen Weg durch die Dungeons finden, aber echt auf die Nase bekomme ich nur in den Kloppereien. Ich habe das Spiel auf dem höchsten der drei Schwierigkeitsgrade bestritten und wurde richtig schön herausgefordert.
Reguläre Mobs klatscht ihr noch mit einem Achselzucken gegen die Wand, aber immer wieder erblickt ihr vor euch extrem starke Bosskreaturen, die ihr in den ersten Spielstunden tunlichst umlaufen solltet. Die mörderischen Kollegen lassen sich das natürlich nicht gefallen und verfolgen mich immer mal wieder quer durchs Labyrinth.
Anders als in den meisten JRPGs verteile ich meine Skillpunkte beim Levelaufstieg komplett selbstständig – hieraus entspinnt sich der spannendste Aspekt des Spiels: das Tüfteln und Taktieren mit unterschiedlichen Klassen und Synergien. Zum Beispiel sorgt meine Jägerin dafür, dass der eigentlich langsame Tank vor allen Gegnern zum Zug kommt und ihre Aggro auf sich zieht, damit wiederum mein Magier ungestört mächtige Feuerzauber herabregnen lässt.
Im Sale ein echter Schnapper
Gerade im Lategame entscheidet eine gute Teamchemie über Sieg und Niederlage. Auch auf der Makroebene wähle ich komplett frei, wie meine Truppe zusammengesetzt sein soll: Eine Party aus fünf Hexern? Möglich, aber riskant.
Setze ich stattdessen auf eine starke Front aus drei Nahkämpfern, opfere dafür aber Support-Akteure in der zweiten Reihe? Oder schicke ich zwei Landsknechte (so heißen die Haudraufs auch im Englischen) in die erste Reihe und rekrutiere Heiler, Magier und Bogenschütze für die hinteren Positionen?
Aus all diesen Möglichkeiten ergibt sich eine unheimlich spaßige Knobelei, denn ich kann theoretisch Dutzende von Heldinnen und Helden hochleveln und daraus immer neue 5-Kopf-Trupps zusammenstellen.
Klar, Etrian Odyssey wird mit seinen eher simplen Kämpfen trotzdem nie zum Taktik-Schwergewicht, aber das muss es ja auch nicht zwangsläufig sein. Falls ihr einfach mal ein launiges RPG für nebenher sucht, gibt's deutlich schlechtere Kandidaten. Ich würde euch aber zum Steam Sale raten, volle 50 Euro sind bei aller Liebe ein bisschen zu viel des Guten.
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