Mitten in der Wüste Saudi-Arabiens wächst aus einer einsteigen Vision Realität. Mehrere neue Bilder von der Planstadt The Line beweisen, dass das 170 Kilometer lange Projekt für Millionen Menschen Gestalt annimmt.
Wo dereinst schier nimmer endende wollende Wand aus Glas die Wüste teilen soll, existiert inzwischen immerhin ein Teil des Betonfundaments – und einiges drumherum.
Die Problemlage rund um fundamentale Rechte in Saudi-Arabien: Amnesty International zufolge missachtet der Golfstaat in etlichen Bereichen Menschenrechte und international anerkannte Standards für Gesellschaften. Meinungs-, Presse- oder Vereinigungsfreiheit sind nicht gegeben.
Ferner bleibt die gesellschaftliche Stellung von Frauen und Minderheiten weiterhin problematisch. Sie werden durch Gesetze und im täglichen Leben durch Tradition und Religion diskriminiert.
In der Strafverfolgung herrscht teils Willkür, Regimekritiker werden ohne klare Anklage, mitunter für sehr lange Zeit, in Gewahrsam genommen oder verschwinden spurlos. Vor Gericht erwarten sie regelmäßig ausgedehnte Haftstrafen und in Gefängnissen sind sie Folter ausgesetzt. Auch die Todesstrafe bleibt ein Mittel für die Gerichte, die diese auch für Straftaten wie Drogenschmuggel verhängen.
Darüber hinaus leiden Arbeitsmigranten weiterhin unter dem Kafala-System. Obschon dieses traditionelle Vertragsinstrument inzwischen nach Kritik verändert wurde, sind ausländische Beschäftigte noch immer der Kontrolle ihrer Arbeitgeber überlassen. Pässe werden mitunter einbehalten, um ein Druckmittel zu haben. Im Sommer müssen sie ferner weiter ungeschützt in brütender Hitze arbeiten.
Saudi-Arabien führt illegal einen Krieg im Jemen. Dem Land werden deshalb Kriegsverbrechen und zahlreiche schwere Verstöße gegen das Völkerrecht vorgeworfen.
Hinzu kommen im Umfeld der Bauarbeiten The Line
Vorwürfe, bereits heute tausende Menschen zwangsumgesiedelt zu haben sowie die Um- und Tierwelt, insbesondere Vögel, in Zukunft zu gefährden. Die verspiegelten Außenflächen des Bauwerks seien eine nur schwer zu überwindende Wolkenkratzer-hohe Todesfalle.
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Wolkenkratzer als 1.000 Meter hoher Energiespeicher
Weltweit die meisten Pfeiler und massig Beton
Chef der Bauarbeiten von The Line, Giles Pendleton, postete auf seinem Linkedin-Profil, etliche neue Luftbilder von Baustellen. Darauf ist abseits von Hafenanlagen und einem Camp für Arbeitskräfte als spannendstes Detail, ein Foto von The Line zu sehen, wie es sich als Beton-Band durch die Wüste schiebt.
Auch abseits der Fotos gibt er in dem Ende April jüngsten sowie den vorausgegangenen Posts einige Informationen preis. The Line ist laut ihm das größte Bauprojekt aller Zeiten, wofür der Boden mittels Grundpfähle vor den teilweise inzwischen laufenden Betonarbeiten befestigt wird. Eine Animation im Post auf dem Karrierenetzwerk illustriert, wie die Konstruktion idealtypisch abläuft.
Unter dem global höchsten Gebäude (ca. 850 Meter), dem Burj Khalifa in Dubai (Vereinigte Arabische Emirate) befinden sich 192 Grundpfähle. Allein die hier nicht näher definierte erste Phase von The Line brauche 16.000 Pfeiler.
Auf X (früher Twitter) findet sich auch ein kurzer Clip, in dem zu sehen ist, wie diese voluminösen Stahlgestelle aussehen.
Jedes einzelne der 800 Meter langen Einzelmodule erfordere 5.500 Stück, die sich bis zu 70 Meter tief in den Untergrund rammen. Hinzu kommen dann als Fundament jeweils 3,5 Millionen Kubikmeter Beton. Das wäre rund ein Drittel mehr als die Außenwände der Cheops-Pyramide umschließen (bei ihr vor allem mit Steinquadern gefüllt). Zudem wurden laut Pendleton Wasserleitungen verlegt.
Irgendwann im kommenden Jahrzehnt sollen Millionen von Menschen in der insgesamt 170 Kilometer langen, 500 Meter hohen sowie 200 Meter breiten Hightech-Stadt leben. Vertikal soll die nach oben hin offene und von außen komplett verspiegelte Zukunftsstadt alles bieten, was die Menschen zum Leben brauchen: Wohnungen, Geschäfte, Verkehrswesen, Schulen, Parks und so weiter – und, natürlich ein Fußballstadion im Dach.
Die gesamte Energie- und Wasserversorgung soll nachhaltig gestaltet werden. The Line
gehört zum übergreifenden Projekt Neom
(hier erfahrt ihr mehr dazu).
Hochtrabende Pläne, aber Zweifel bleiben
Obschon das Projekt in jüngster Vergangenheit mehrmals Fortschritte öffentlich vermeldete, begleiten es auch anhaltend Zweifel von Experten. Ferner kamen einzelne finanzielle Rückschläge ans Licht. Einige Beispiele:
- Fest eingeplante ausländische Investoren blieben aus, sodass das Projekt verkleinert werden musste. Ursprünglich sollten 1,5 Millionen Menschen bis 2030 dort wohnen. Die anvisierte Zahl schrumpfte auf etwa 300.000, jetzt 200.000 Menschen. Und überhaupt soll bis dahin nur ein kleiner Teil der Stadt fertiggestellt sein.
- Pläne für eine Meerwasser-Entsalzungsanlage wurden eingestampft.
- Auch das finale Budget in Höhe von wohl mehreren hundert Milliarden soll noch nicht freigegeben worden sein.
Alle Details zu den offengelegten Schwierigkeiten der vergangenen Jahre haben wir euch in einem separaten Artikel zusammengefasst. Der Mittlere Osten bleibt aber auch abseits von The Line
eine Fundgrube für Fans von exzentrischen oder schlichtweg gigantischen Bauprojekten:
- Abu Dhabi will den weltweit größten Solarpark aufstellen – und der soll sogar nachts Strom liefern
- Saudi-Arabien hat eine Hotelanlage eröffnet, für die sie zuvor Berge ausgehöhlt haben
Wie genau die Zukunft von The Line aussieht, wird sich in den kommenden Jahren zeigen (müssen). Denn bis 2030 sind handfeste, bewohnbare Ergebnisse versprochen. 2034 sollen hier sogar Spiele der Fußballweltmeisterschaft der Männer ausgetragen werden. Das Interesse der Welt wird also auch jenseits der ambitionierten Vision eher zu- als abnehmen.
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