Wie ein neuer Bildschirm mein Gaming-Leben verändert

Meinung: Redakteur Dimi hat viel Geld in die Hand genommen, um auf einen Ultrawidescreen-Monitor zu wechseln. Und der hat klare Vor- wie Nachteile.

von Dimitry Halley,
10.03.2022 17:46 Uhr

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Es ist so verrückt, an welche Dinge man sich als Erwachsener erinnert. Zum Beispiel weiß ich absolut gar nichts mehr aus meinem Physik-, Musik- oder Chemieunterricht, aber kann euch noch bis ins Detail sagen, welches T-Shirt ich anhatte, als mein Lehrer mal meinte: Dimi, du bist so dick, dass man kaum an dir vorbeigucken kann.

Klar, negative Ereignisse bleiben hängen - das gilt natürlich auch für meine eigenen Fehler, die ich in den letzten 30 Jahren emsiger gesammelt habe als Pokémon. Deshalb auch zur Verteidigung meines Lehrers: Als Kind war ich definitiv kein Heiliger, da konnte einem als Aufsichtsperson schon mal die Hutschnur reißen.

Aber es gibt auch diese völlig verrückten Erinnerungen, bei denen mir jeder Schimmer fehlt, wieso mein Gehirn ausgerechnet hier sagt: Jau, das speichern wir mal für später. Zum Beispiel kannte ich während meiner Zivildienstzeit auf archäologischen Ausgrabungen einen Hotelkoch, mit dem ich zusammen im Dreck gewühlt habe. Dieser Kollege hat unsagbar viel Geld in PC-Upgrades gepumpt, neue Rechner für 4.000 Euro, unzählige Spiele.

Mit 19 Jahren hatte ich überhaupt keine andere Wahl, als sparsam zu sein - das Zivigehalt war schließlich knapper als Cola-Automaten in der Wüste. Herr Hotelkoch war bloß ein paar Jährchen älter als ich, also habe ich ihn gefragt:

Bist du dir denn sicher damit, so viel Geld in Gaming zu pumpen?

Und er meinte ganz lakonisch:

Definitiv! Gaming ist die eine Leidenschaft, die ich habe - also wieso soll ich da nicht mein hart erarbeitetes Gehalt reinstecken? Dafür bin ich doch erwachsen.

Tja, und 13 Jahre später habe ich mich wieder dran erinnert, denn genau mit dieser Begründung habe ich zum Jahreswechsel 2022 so viel Geld in die Hand genommen wie nie zuvor, um mein PC-Setup mal so richtig aufzustocken: neuer Rechner, neuer Monitor, neues alles.

Nach zwei Jahren Pandemie kenne ich meine vier Wände so gut, dass selbst die Staubkrümel in der Ecke Namen haben (Grüße an Dustin und Brösel), also wähle ich doch die Flucht nach vorne: Ich kann der Stubenhockerei (noch) nicht entkommen, also pimpe ich mein Heim. Und wenn ich schon 90 Prozent meines Lebens durch einen Bildschirm konsumiere, dann soll der gefälligst rocken.

760 Euro später muss ich als Reminiszenz an den pädagogisch wertvollen Spruch meines Lehrers konstatieren: Mein neuer Bildschirm ist so breit, dass man kaum dran vorbeigucken kann. Und er hat meinen Gaming-Alltag wirklich verbessert.

Der Autor: Dimi überlegt ewig, bevor er viel Geld für neue Technik ausgibt. Er wälzt monatelang YouTube-Videos, nervt die Hardware-Redaktion, debattiert mit seinem besten Freund - deshalb hat er auch fast sechs Jahre lang mit einer Geforce GTX 1070 gezockt. Und davor sechs Jahre mit einem uralten HP-Gaming-Laptop aus dem Studium. Und davor ... reden wir lieber nicht drüber. Aber hey, Vorfreude ist die schönste Fr... okay, das stimmt nicht. Die schönste Freude ist Assassin's Creed Odyssey in Ultrawide.

Die Konsumerperspektive

Mein Monitor ist ein LG 34GN850-B - und falls ihr keine Seriennummer-Muttersprachler seid: Das ist quasi die Einstiegsdroge in die Welt der Ultrawidescreen-Monitore. Ein 34-Zoll-Monitor in 21:9-Auflösung, also einerseits ein ziemlich langer Lulatsch, andererseits kein Vergleich zur 32:10-Bestie, die mein Kollege Nils letztes Jahr aus Hardware-Sicht abgeklopft hat.

Aber ich bin kein Hardware-Redakteur, sondern in erster Linie Spieler (gut, und halt auch Gaming-Redakteur). Und ich durchpflüge die Gaming-Landschaft ähnlich querbeet wie ein betrunkener Traktorfahrer den eigenen Acker - von großen Open-World-Epen wie Assassin's Creed Odyssey über Multiplayer-Shooter wie CoD Vanguard und Hunt: Showdown bis hin zu Total War, Nioh, Sekiro, Shadow of the Tomb Raider sowie natürlich dem völlig behämmerten Cobra Kai, um nur mal ein paar Spiele zu nennen, die ich jetzt gerade auf der Platte habe.

Kollege Nils kann euch bis ins kleinste Schräubchen die technischen Vor- wie Nachteile solcher Monitore erläutern, die Unterschiede zwischen IPS-, VA- und TN-Panels auseinanderzwirbeln und über den Effekt von Ultrawide in seinem Office-Alltag philosophieren. Ich ... kann das nicht so gut.

Aber ich kann verdammt ausführlich über Gaming sprechen! Darüber, wie sich so ein Monitor langfristig auf meinen realen Gaming-Alltag auswirkt. Was sich verändert, verbessert - und wo ich mir wegen Ultrawide manchmal die Haare raufe.

Punkt 1: Die Open-World-Panoramen

Weil ich ein kleiner Sonnenschein bin, reden wir zuerst über die helle Seite der Macht: Gaming in Ultrawide ist der Hammer! Da erzähle ich den Ultrawide-Fans unter euch nichts Neues - aber ... ihr müsst diesen Artikel hier eh nicht lesen, weil ihr ja eigene Erfahrungen gemacht habt. Nun. Vor allem Open-World- und Strategiespiele profitieren massiv davon, allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Hier zum Beispiel Assassin's Creed Odyssey:

Meeresblick Hach, fast so schön wie Urlaub an der Mosel.

Eulen nach Athen tragen Jede Form von Panorama sieht in Ultrawide besser aus

Bisher habe ich Open-World-Spiele privat am liebsten auf Konsole und Fernseher gezockt, weil eine Seefahrt durch die tosende Karibik oder ein Ritt über die weiten Felder Englands auf dem großen TV viel besser zur Geltung kommen als auf einer 24-Zoll-Monitor-Mattscheibe, in der ich eh halb mit der Nase drin hänge.

Ultrawide ändert das, weil es eben den gleichen Effekt erzeugt wie der Wechsel auf Breitbild im Kinosaal damals bei diesen ganzen Jesus-Monumentalschinken: Statt von außen wie beim TV auf ein Fenster zu blicken, umschließt die Leinwand dein komplettes Gesichtsfeld und zieht dich viel stärker ins Geschehen. Deshalb kann Kino für mich nie ganz von Netflix und Co. abgelöst werden:

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Aber gut, lassen wir Panavision mal Panavision sein - worauf ich hinauswill: Panoramen, Open Worlds, große Landschaften erzeugen im Ultrawide-Format so einen Sog, dass der Wanderer ins Nebelmeer fällt. But wait, there's more.

Punkt 2: Die strategische Kontrolle

Ich bin eine Strategie-Nulpe. Die Kollegen Maurice und Fabiano können in Total War die legendäre KI wahrscheinlich selbst auf Game-Boy-Bildschirmen schlagen (deshalb lassen wir sie so gerne gegeneinander antreten), aber ich bin für jeden Zoll zusätzlicher Übersicht dankbar! Nachdem ich Halo Wars 2 und Total War: Warhammer 2 in Ultrawide durchgespielt habe, gibt's für mich keinen Weg zurück. Ein bisschen weniger Scrollen, ein bisschen mehr Übersicht machen einen gewaltigen Unterschied:

Total War: Kampagnenkarte Auf der Kampagnenkarte wirken sich die Unterschiede noch überschaubar aus.

In der Schlacht Aber in der Schlacht hilft mir die zusätzliche Übersicht merklich beim Taktieren.

Gerade mir als Einsteiger hilft es einfach, in einer Total-War-Schlacht sehen zu können, was meine Kavallerie in der Flanke des Feindes treibt, während ich meinen Feldherren micromanage. Oder in Warhammer 2 meine Skink-Speerwerfer in der zweiten Reihe zu erspähen, während ich die großen Dinos manuell durch die Feindhorden manövriere. Gerade in Total War merke ich als unerfahrener Spieler einfach den Unterschied zu früher: Meine Überforderung in der Hitze des Gefechts ist verschwunden.

Aber wie sieht es bei Genres aus, die ich wie meine Westentasche beherrsche?

Punkt 3: Der Effekt auf Shooter

Überraschung, Überraschung: Das Ultrawide-Format wirkt sich kaum auf Shooter aus. Ich hatte mit viel größeren Effekten gerechnet, schließlich müsste ein breiteres Sichtfeld doch gerade in den hektischen Multiplayer-Gefechten eines Halo Infinite oder CoD Vanguard helfen, wo ich permanent auf meine Flanken achtgebe.

Und ja, natürlich gibt es mir in der Theorie einen klitzekleinen Vorteil, den Feind zu meiner Rechten wie Linken schon eine Millisekunde früher zu sehen, aber in der Praxis ist mein Shooter-Muskelgedächtnis gar nicht darauf trainiert, mich allzu sehr auf das periphere Sichtfeld zu verlassen. Gerade in Halo und Vanguard sterbe ich sowieso, wenn ich nicht permanent die Beine in die Hand nehme.

Es kann schon helfen, hier links im Portal und ganz rechts auf dem Balkon Gegner ein bisschen besser zu erspähen, aber ich verweile mit meiner Pistole eh keine 2 Sekunden an dieser Position hier. Es kann schon helfen, hier links im Portal und ganz rechts auf dem Balkon Gegner ein bisschen besser zu erspähen, aber ich verweile mit meiner Pistole eh keine 2 Sekunden an dieser Position hier.

Es ist schlicht effektiver, das Zentrum meines Sichtfeldes - das Fadenkreuz - zu bewegen, statt starr in eine Richtung zu glotzen und dabei die Bildränder so halb im Blick zu halten. Außerdem hilft ein Gespür für Spawns und Geräusche deutlich mehr, die Gegnerpositionen zu antizipieren, als ein kleines bisschen mehr Spiel am Rand.

Aber es gibt eine andere Montor-Tugend, die mein Shooter-Leben drastisch verbessert.

Mehr Herz mit mehr Hertz

160 Hz ... man kann schriftlich schwer Pfeifgeräusche verbalisieren, aber stellt euch einfach vor, ich hätte gerade gepfiffen wie ein Cowboy. Wer Multiplayer-Shooter einmal in hohen Hertz-Zahlen gespielt hat, kann nie wieder zurück zu 60 Hz. Die Bewegungen sind so viel geschmeidiger, alles wirkt runder, flüssiger, präziser. Aber das hat natürlich seinen Preis. Ja, die Bildrate hat prinzipiell erstmal nichts mit Ultrawide-Formaten zu tun, aber gehört eben zum Upgrade-Paket meines neuen Monitors.

CoD Vanguard: Licht ... Auch in CoD-Matches bin ich zu oft in Bewegung, um wirklich von dem breiten Blickfeld zu profitieren. Mit hoher Hz-Zahl läuft das trotzdem so viel besser als früher.

... und Schatten In vielen Blockbustern sind die Menüs für 16:9 optimiert und haben schwarze Balken an der Seite. Kein Dealbreaker, aber gewöhnungsbedürftig.

Für sowas benötigt ihr natürlich ordentlich Bumms unter der Haube, deshalb eingangs mein Gerede von dem dicken 3.000-Euro-Investment. In meinem Rechner schnurrt gerade eine RTX 3080, die unter Volllast ähnlich brilliert wie dieser Gewichtheber hier, deshalb sind 3440x1440 Pixel kein Problem. Aber der Disclaimer ist natürlich wichtig: Wenn euer Ultrawide so richtig glänzen soll, hilft starke Hardware enorm. Und es gibt noch weitere Stolpersteine.

Die Stolpersteine an Ultrawide

Moderne Total-War-Spiele haben ein wunderbares Feature: Ich kann die Größe der Menüs anpassen. Klar, das ist eher ein Auflösungs-, als ein Formatproblem, aber unterm Strich nervt der neue Monitor immer dann, wenn die Software nicht mithält. Mal erscheinen Menüs verzerrt oder verkleinert, mal muss ich mühsam an FOV-Slidern rumspielen, bis das Bild nicht mehr so in die Breite geht wie ich in meiner Schulzeit (laut meinem Lehrer).

Außerdem tauscht ihr quasi Letterbox gegen Pillarbox - ihr seht bei 21:9-Filmen also nicht mehr die schwarzen Balken oben und unten (was sehr cool ist), müsst aber auf YouTube quasi überall mit schwarzen Balken links und rechts leben, weil YouTube-Videos nur ganz, ganz selten in Ultrawide gefilmt werden. Und dann gibt's Apps wie Disney+, die selbst bei Ultrawide-Auflösungen merkwürdig rauszoomen; ich hatte bei Book of Boba Fett also schwarze Balken links, rechts, oben und unten ... aber hey, einige Star-Wars-Folgen könnten selbst hundert schwarze Balken nicht madig machen.

Die meisten YouTube-Videos sind für 16:9 optimiert und haben schwarze Balken. Selbst dieses süße Faultier von Brave Wilderness. Die meisten YouTube-Videos sind für 16:9 optimiert und haben schwarze Balken. Selbst dieses süße Faultier von Brave Wilderness.

Doch keine Sorge: Als Aufzählung wiegen diese Probleme viel schwerer, als sie es in der Realität tun. An die Pillarbox-Balken gewöhnt man sich schnell, denn streng genommen steckt in eurem Ultrawidescreen ja ein normaler Widescreen, es fehlt also nichts. Und die meisten Spiele bieten heutzutage ab Release-Tag Support für 21:9-Formate, beispielsweise jüngst Sifu, aber natürlich auch die meisten Triple-A-Blockbuster.

Nur eben nicht alle. Elden Ring zum Beispiel müsst ihr bislang über Mods zum Ultrawide-Spiel machen, Gleiches gilt natürlich für viele ältere Kandidaten. Ultrawide-Gaming kommt nicht ohne Bastelei aus, darauf müsst ihr euch ganz bewusst einlassen. Community-Fixes, Mods, das Rumtüfteln an Config-Dateien - wer da mit den Augen rollt, sollte sich den Wechsel überlegen oder muss eben mit den Balken-Oschis an der Seite leben.

Hier gibt es den Ultrawide-Monitor von LG

Ultrawide: Bereue ich den Wechsel?

Also: Obwohl Ultrawide heutzutage viel fluffiger läuft als noch vor ein paar Jahren, bringt das Upgrade dennoch Wachstumsschmerzen mit sich. Aber wie ein Sechsjähriger beim Zahnarzt ist es mir die Belohnung am Ende komplett wert: Nur dass ich hier kein Spielzeug aus der Wühlkiste bekomme, sondern ein technisches Upgrade, das sich wirklich wie ein Schritt in eine neue Welt anfühlt.

Ich weiß noch, wie euphorisch mein Herz beim Wechsel von SD gen HD gepocht hat - als aus HDReady endgültig 1080p wurde und man wirklich das Gefühl hatte, beim Zocken nach langjähriger Sehschwäche plötzlich eine Brille zu tragen. Alles war so scharf, so klar, so viel besser. Seitdem sind waschechte Sprünge in meinem Gaming-Alltag selten geworden. Den kurzen 3D-Trend habe ich - wie ja auch der Rest der Welt - komplett ignoriert, VR gefährdet mir angesichts der Lebensmittelpreise zu sehr meinen Mageninhalt, aber Ultrawide: Das ist mein persönlicher Sprung.

Aber genug von mir: Erzählt mal lieber, was ihr denkt!

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