Cobra Kai: Dieses Spiel ist so ein Quatsch, dass es sich fast schon wieder lohnt

Ja, richtig gelesen: Mit Cobra Kai: The Karate Kid Saga Continues gibt's ein Spiel zur Netflix-Serie. Unser Gameplay-Fazit.

von Dimitry Halley,
04.03.2022 18:00 Uhr

Häh?!, werden einige von euch jetzt mit gebührender Eloquenz gen Bildschirm schnauben: Cobra Kai ist doch eine Netflix-Serie und kein Spiel, ihr GameStar-Weichspüler. Und ja, das stimmt auch, aber RUHE!!! Cobra Kai mag eine der besten Netflix-Serien aller Zeiten sein, aber es verblasst ähnlich wie die Friedenspfeifen vom Miyagi-Do ob dieser grafische Opulenz hier:

Und ja, das ist schon ein geschöntes Pressebild. Trotzdem atmet ja wohl alles an diesem Screenshot den Geist der Serienvorlage: Samantha, Halloween-Grobiane, gigantische Eiszapfen, die ich aus meiner Hand schieße... Moment, gigantische Eiszapfen?

Okay, Cobra Kai: The Karate Kid Saga Continues nimmt sich sehr viele Freiheiten, aus der Netflix-Show ein unterhaltsames Beat 'em up zu machen. Und eigentlich klingeln beim Angucken der Bilder alle Lizenzschrott-Warnsirenen, dass das hier ja wohl ähnlich für die Tonne sein muss wie Daniels Fahrrad in Karate Kid 1, nachdem Johnny und Konsorten ihn aufgemischt haben.

Aber: Kollege Fabiano und ich haben das Spiel kürzlich für einen Fünfer im Steam Sale geschossen und abends im Koop ausprobiert und ... naja, lest selbst.

Außerdem kann Lizenzschrott absolut magisch sein, wie wir jüngst ausführlichst im GameStar-Podcast besprochen haben:

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Der Autor: Dimis erste große Gaming-Liebe war der Super Nintendo. Und ja, er sagt der Super Nintendo. You mad? Hach, was für eine Konsole. Street Fighter 2 rauf und runter spielen, das Gefühl von wahrer Meisterschaft bei der allerersten Hadoken, das lautmalerische Nachplappern von Taktarataaktak!!!, weil das kindliche Hirn mit Tatsumaki Senpukyaku überfordert war ... oh, diese Nostalgie. Ab und an lässt Dimi sich gerne von modernen Spielen an alte Zeiten erinnern. Zum Glück gibt es Cobra Kai - und natürlich auch Koop-Partner Fabiano.

Was ist das denn für ein Spiel bitte?

Falls ihr meinen Leidensbericht zu Sifu gelesen habt, dann dürfte euch aufgefallen sein: Ich stehe auf diesen Kampfsportkram mindestens so sehr wie Jean-Claude Van Damme auf Spagat-Geflexe. Und tatsächlich hat Sifu meine Leidenschaft für Martial-Arts-Spiele wieder neu entfacht: Ich zocke auf der Switch gerade alte King of Fighters, via Steam Soul Calibur 6 und quäle mich durchs erste Guilty Gear, das ungelogen ein Insta-Kill-Manöver eingebaut hat, das Gegner immer gegen mich auspacken und ... @ # $% &!!

Gut, egal, zurück zu Cobra Kai. The Karate Kid Saga Continues ist genau für Leute wie mich: Also Martial-Arts-Fans, die mal wieder Bock auf einen extrem geradlinigen Prügler haben, in dem ihr euch einfach mit liebgewonnen Charakteren durch Levels kämpft - wahlweise solo oder im Koop. Weder grafisch, noch spielerisch findet ihr dort die Exzellenz eines Streets of Rage 4, aber: Das Spiel hat wirklich seine Stärken!

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Zum Beispiel macht es wirklich einen Unterschied, ob ich anfangs das aggressive Cobra Kai oder das friedfertige Miyagi-Do wähle. Im Spiel stecken quasi zwei Kampagnen:

  • Team Cobra Kai: Hier spielt ihr die Haudrauf-Haudegen Miguel, Tory, Hawk und Sensei Lawrence.
  • Team Miyagi-Do: Wenig überraschend verkörpert durch Daniel-san, Samantha, Robby und Demetri.

Klar, die Szenarien gleichen sich: Ihr kloppt euch durch Straßenzüge, Einkaufszentren, die All-Valley-Arena und so weiter. Aber ihr trefft auf andere Gegner - und die Story verläuft mit komplett unterschiedlichen Zwischensequenzen. Ah, und wo wir gerade bei der Story sind ...

Hat Cobra Kai eine Story?

Das Cobra-Kai-Spiel findet irgendwann im Dunstkreis der zweiten Staffel statt, die Feindschaft zwischen Miyagi-Do und Cobra Kai steht also auf ihrem Zenit, allerdings wird hier eine komplett eigene Geschichte erzählt. Zu Beginn hocken Demetri und Hawk beim Schulrektor, weil irgendwas Schreckliches passiert ist - und beide erzählen ihre jeweils eigene Version, weil bittere Feindschaft und so.

Die Zwischensequenzen präsentieren sich in einer Opulenz, die Avengers Endgame wie Kasperletheater wirken lässt. Die Zwischensequenzen präsentieren sich in einer Opulenz, die Avengers Endgame wie Kasperletheater wirken lässt.

Die Cobra-Kai-Kampagne erlebt ihr also als Rückblende von Hawks Nacherzählung, die von Miyagi aus Demetris Sicht. Wer das große Ganze verstehen will, muss die rund achtstündige Geschichte zweimal spielen, allerdings ... also mal Hand aufs Herz, wer ein Beat 'em up für die Story spielt, bestellt bei McDonald's auch Messer und Gabel. Ja, ihr konfrontiert im Spiel immer wieder alte Bekannte aus der zweiten Reihe wie beispielsweise diese Mobbing-Bande, die Miguel in Staffel eins die Hölle heißmacht.

Aber insgesamt spielt die Story eigentlich keine Rolle - und der smarte Charme der Serie durchbricht bloß in einigen wenigen Augenblicken eine Wolkendecke aus Trash-Dialogen auf Power-Rangers-Niveau (aber immerhin mit einigen Originalsprechern). Besonders auffällig ist das bei den Gegnertypen: Es gibt haufenweise unterschiedliche Feinde ... und die bedienen allesamt plumpe Stereotype und Klischees.

Plumper als die Serienvorlage

Das ist bei Beat 'em ups kein Novum, schließlich bin ich schon im ersten Final Fight gegen Punks und Biker angetreten, Cobra Kai treibt das aber auf die Spitze: Ihr kämpft gegen Soccer Moms, Emos, Hippies, Kaufhauswächter, Segway-Fahrer und/oder Yuppies, die mit iPhones werfen - um nur ein paar Gegnertypen aufzuzählen.

Egal ob Biker, Yuppie oder Soccer Mom - Johnny hält bei keinem Klischee die Fäuste still. Egal ob Biker, Yuppie oder Soccer Mom - Johnny hält bei keinem Klischee die Fäuste still.

Und ja, auch die Cobra-Kai-Serie macht sich über Stereotype und Klischees lustig, aber dort passiert das sehr viel smarter und selbstreflektierter. Sensei Lawrence wirft in Staffel eins wie ein zorniger Gockel mit Vorurteilen um sich, aber das gewinnt eben dadurch Tiefe, dass er selbst seit Jahrzehnten ein aus der Zeit gefallenes Macho-Prollo-Klischee verkörpert, das ihm nichts als Verluste und Niederlagen beschert hat.

Wo die Serie mit Generationskonflikten, Kindheitserfahrungen und zig verschiedenen Blickwinkeln eigentlich genau unterstreicht, dass hinter vermeintlichen Klischees immer komplexe Menschen wie Hintergründe stecken, bleibt das Cobra-Kai-Spiel plump und eindimensional. Also ... nicht dass man in einem Beat 'em up jetzt tiefschürfende Charakterdramen erwarten sollte, aber man muss diesen stumpfen Story-Blödsinn schon aktiv runterschlucken, um mit Cobra Kai Spaß zu haben. Apropos Spaß.

Spielt sich das denn wie Schrott?

Man glaubt es kaum, aber Cobra Kai: The Karate Kid Saga Continues geht im Beat-'em-up-Genre ziemlich innovative Wege. Beispielsweise können Fabiano und ich wie in manchem Tag-Team-Fighter jederzeit Charaktere aus- und einwechseln. So schicke ich Sensei Lawrence mitten im Kampf auf die Ersatzbank, damit er sich ungestört heilen kann, und kämpfe instantan als Tory weiter.

In den Fights kann es sehr schnell sehr hektisch werden, weil Gegner mich umzingeln. In den Fights kann es sehr schnell sehr hektisch werden, weil Gegner mich umzingeln.

Aber noch viel cooler: Wo viele klassische Straßenprügler wie Final Fight und Co. mich bloß einmal im Schaltjahr an die richtig dicken Spezialtechniken ranlassen, besteht Cobra Kai nach ein paar Leveln quasi nur noch aus Supermoves. Wie in einem MMO hält Tory beispielsweise permanent ihre Feuertritte auf Cooldown und fegt übers Bild wie ein brennender Tornado.

Ja, das sprengt natürlich jeden Rahmen der Serie, aber die Spezialmanöver jeder Figur hängen schon mit deren Persönlichkeit zusammen: Hawk erschafft beispielsweise einen riesigen Flammenfalken um sich herum. Und mit diesen Supermanövern samt regulärer Schläge, Tritte sowie Konter- und Blocktechniken lässt mich Cobra Kai Feinde richtig lange in der Luft halten.

Die Komboketten fühlen sich befriedigend, wuchtig und herrlich chaotisch an. Cobra Kai ist übrigens kein leichtes Spiel - schon im dritten Level zieht der Schwierigkeitsgrad spürbar an, weil mit zig Gegnertypen stets reges Chaos über den Bildschirm flimmert.

Gegner lassen Münzen fallen, mit denen ihr neue Skills und Perks erlernt. Alles sehr rudimentär. Gegner lassen Münzen fallen, mit denen ihr neue Skills und Perks erlernt. Alles sehr rudimentär.

Aber lohnt sich das denn jetzt?

Das sogenannte Moment-to-Moment-Gameplay von Cobra Kai macht also unheimlich viel Spaß - gerade im Koop. Allerdings merkt man dem Spiel das magere Budget an allen Ecken und Enden an: In jedem zweiten Level bin ich auf irgendeinen Bug gestoßen, der manchmal sogar Neustarts vom Checkpoint erzwingt. Bewegungen und Trefferabfrage sind außerdem definitiv nicht perfekt - aber gut genug für ein paar richtig launige Stunden.

Allerdings solltet ihr selbst als Fans wirklich keine 20 Euro für die Steam- oder - Miyagi bewahre - 40 Euro für die Windows-Store-Fassung ausgeben. Schießt das Spiel wie Fabiano und ich in einem Sale, falls ihr Fans der Serie seid, schnappt euch Freund oder Freundin, ein paar Chips samt Getränk und macht euch einen launigen Abend. Online-Koop gibt's übrigens nicht, ihr müsst also auf der Couch oder per Steam Remote zocken. Und jetzt RUHE!!!

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