Das Pokémon-Franchise gilt gemeinhin als besonders kinderfreundlich. Die Videospiele, Sammelkarten und auch der Anime begleiten weltweit Fans aller Altersklassen, häufig seit vielen Jahren oder sogar Jahrzehnten.
Die Zeichentrickserie startete am 1. April 1997 in Japan und läuft bis heute. Mittlerweile gibt es über 1.300 Episoden, aber es dauerte nicht mal 40, bis die Serie von ihrem ersten ernsthaften Skandal heimgesucht wurde. Folge 38 der ersten Staffel wurde in Japan nur einmal ausgestrahlt und ist seitdem im Giftschrank verstaut. In anderen Ländern haben wir diese Episode also nie zu Gesicht bekommen, und das aus gutem Grund.
Pikachus verheißungsvolle Rettungsaktion
Die Episode trägt den Namen »Dennō Senshi Porigon«, was auf Deutsch so viel wie »Cyber-Soldat Porygon« bedeutet. Eine offizielle Übersetzung gab es nie. Ausgestrahlt wurde die Folge am 16. Dezember 1997 nur ein einziges Mal landesweit in Japan, denn wenige Sekunden der gezeigten Bilder lösten bei vielen Zuschauerinnen und Zuschauern Unwohlsein und epileptische Anfälle aus.
In der Episode bringen Ash, Misty und Rocko das erschöpfte Pikachu in ein Pokémon-Center. Allerdings stellen sie fest, dass das Pokéball-Übertragungsgerät defekt ist. Der Grund dafür ist natürlich Team Rocket. Die Fieslinge sind über einen Dimensionstransporter ins Computersystem gelangt und wollen auf diese Weise digitale Pokémon stehlen.
Die Heldengruppe lässt sich gemeinsam mit dem Computerpokémon Porygon in das System transferieren, um Team Rocket zu stellen. Doch während Ash und seine Freunde gegen die Bösewichte kämpfen, versucht ein Computertechniker in der realen Welt, das Problem per Antivirensoftware zu lösen.
Dieses Programm manifestiert sich in Form von Cyberraketen, die sowohl auf Team Rocket als auch die Helden abgefeuert werden. Um die Gruppe zu retten, setzt Pikachu seine Attacke Donnerblitz ein, die eine gewaltige Explosion auslöst. Diese Explosion wird durch schnell wechselndes rotes und blaues Licht dargestellt, das fast den gesamten Bildschirm füllt.
Inhaltswarnung! Das verlinkte Youtube-Video enthält flackernde Lichter, die Unwohlsein, Schwindel oder sogar epileptische Anfälle auslösen können. Seid ihr anfällig dafür, klickt lieber nicht drauf.
Die kritische Szene könnt ihr heute auf Youtube schauen, aber seid gewarnt! Der flackernde Wechsel zwischen Blau und Rot kann im schlimmsten Fall epileptische Anfälle auslösen und ist im besten Fall unangenehm anzusehen. Seht euch stattdessen vielleicht lieber dieses Pokopia-Video an:
9:41
Pokémon Pokopia: Das Nintendo da nicht früher drauf gekommen ist
Hunderte Fälle fürs Krankenhaus
Dennō Senshi Porigon lief an jenem Dezember um 18:30 Uhr auf TV Tokyo und wurde von knapp 4,6 Millionen Haushalten gesehen. Circa 20 Minuten nach Beginn der Folge kam es zu jener Szene, die bei einer Framerate von 24 Bildern pro Sekunde einen extremen Stroboskopeffekt aufwies.
Nach dem Ansehen der Episode klagten einige Zuschauer über verschwommenes Sehen, Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit. Bei manchen kam es zu Krampfanfällen und in drei bestätigten Fällen sogar zu Bewusstlosigkeit. Laut der japanischen Feuerwehr- und Katastrophenschutzbehörde wurden insgesamt 685 Zuschauerinnen und Zuschauer ins Krankenhaus eingeliefert, von denen 208 stationär aufgenommen wurden. 90 Prozent der Betroffenen waren im Mittel- und Oberschulalter.
Der Sender TV Tokyo, der für die Ausstrahlung verantwortlich war, entschuldigte sich am nächsten Tag und gab bekannt, dass die Episode ganz aus dem Programm genommen werde. Die gesamte Serie wurde schließlich für vier weitere Monate pausiert und erst im April 1998 fortgesetzt. Der Sender legte zudem neue Richtlinien für Anime-Serien fest, um ähnliche Vorfälle in Zukunft zu vermeiden. Diese enthielten Vorgaben für das Abbilden von Lichtern.
In der Folge nahmen zahlreiche Videotheken in ganz Japan den Pokémon-Anime aus dem Verleih und die Aktie von Nintendo fiel an der Tokioter Börse um mehr als drei Prozent.
Der »Pokémon-Schock«-Vorfall ist bis heute ein viel zitierter Skandal in der Popkultur. So schaut Bart in Die Simpsons eine Anime-Folge, in der Kampfroboter mit blinkenden Augen auftreten. Diese lösen bei ihm, Marge, Lisa und Homer epileptische Anfälle aus.
Auch in South Park lässt sich ein solcher Bezug finden. Eine Episode dreht sich um Spielzeug, mit dem es eine japanische Firma auf US-amerikanische Kinder abgesehen hat. Eigentlich sollen diese eine Gehirnwäsche auslösen, Kenny jedoch erleidet einen epileptischen Anfall und - ihr ahnt es - wird dadurch getötet.
Das Pokémon Porygon, sowie seine Weiterentwicklungen, sind seither übrigens nie wieder im Pokémon-Anime aufgetaucht. Und das, obwohl eigentlich Pikachu der Auslöser für den Skandal war. Das ist irgendwie ganz schön gemein.
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